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Fakten und Hintergründe zum Film "Berlin ?36"

Kino.de Redaktion |

Berlin '36 Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über den Film

BERLIN ´36 basiert auf der wahren Geschichte der jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann, die bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin als Favoritin für die Goldmedaille galt. Um einen möglichen Sieg Bergmanns jedoch zu verhindern, schicken die Nationalsozialisten Marie Ketteler1, in Wahrheit ein Mann, als Konkurrentin gegen sie ins Rennen.

Hintergrund: Biografie Gretel Bergmann

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Gretel Bergmann wurde am 12. April 1914 in Laupheim bei Ulm geboren. Dort begann auch ihre sportliche Karriere als Hochspringerin. Sie war darüber hinaus eine gute Kugelstoßerin, Tennisspielerin und Skiläuferin. 1933 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus ihrem Verein, dem Ulmer Fußball-Verein 1894, ausgeschlossen. Sie emigrierte nach London und wurde 1934 Britische Meisterin. Dort übersprang sie 1,55 Meter.

Auf Verlangen der Nationalsozialisten, die befürchteten, dass die USA und andere wichtige Nationen ihre Teilnahme bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin absagen würden, wenn deutschen Juden eine Startmöglichkeit nicht gewährt würde, kehrte Gretel Bergmann aus London zurück. Sie durfte sich in einem Trainingslager in Ettlingen gemeinsam mit 20 weiteren jüdischen Sportlern auf die Spiele vorbereiten. Kurz darauf gewann sie die Württembergische Meisterschaft, erhielt jedoch für Olympia keine Startgenehmigung. In einem Brief vom 16. Juli 1936, abgeschickt einen Tag nachdem die Amerikaner sich per Schiff auf die Reise nach Berlin gemacht hatten, wurde ihr mitgeteilt, dass ihre Leistungen angeblich nicht ausreichend waren.

Dabei hatte sie kurz zuvor mit 1,60 Meter den deutschen Rekord eingestellt und führte in diesem Jahr die Rangliste der 30 besten Hochspringerinnen an. Enttäuscht wanderte sie 1937 in die USA aus und heiratete dort den Arzt Bruno Lambert. Bruno Lambert arbeitete jahrelang als Internist im New Yorker Stadtteil Queens. Zuvor war er Sprinter. Das Paar hatte sich im Trainingslager kennen gelernt.In den USA gewann Gretel Bergmann als Margaret Bergmann-Lambert 1937 und 1938 die dortigen Hochsprungmeisterschaften, 1937 zusätzlich den Wettbewerb der Kugelstoßerinnen. 1942 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin.

Im Jahr 1996 wurde Margaret Bergmann-Lambert in die „National Jewish Sports Hall of Fame“ aufgenommen. 1999 erhielt sie den Georg von Opel-Preis, der an Sportler vergeben wird, die zum Wohle der Gesellschaft gewirkt haben oder ohne die Erwartung einer materiellen Gegenleistung aktiv waren. Eine Sporthalle in Berlin-Wilmersdorf und eine in ihrer Heimatstadt Laupheim wurden nach ihr benannt. Das Washingtoner Holocaust-Museum hat einen von ihr gesprochenen Vier-Minuten-Bericht von der 1936er-Gretel-Bergmann-Affäre in die Sammlung aufgenommen. Sie lebt mit ihrem Mann Bruno noch heute in New York.

Als sie für ein Interview mit der Zeitung „Die Welt“ im Jahr 2004 gefragt wurde, wieweit sie vermutlich bei den Olympischen Spielen gekommen wäre, antwortete sie: „Gold, nichts anderes wäre es gewesen. Gold. Ich sprang immer höher, je wütender ich war.“ Und weiter heißt es: „Vor 100 000 Menschen zeigen, was ein jüdisches Mädchen vermag, das wäre der Himmel gewesen.“

Hintergrund: Olympische Spiele in Berlin

Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit fanden 1896 in Athen statt. Damals waren neun Sportarten zugelassen und es wurden 43 Wettbewerbe ausgetragen. Von Beginn an gab der Franzose Pierre de Coubertin, der als Erfinder der Olympischen Spiele der Neuzeit gilt, das Motto aus: „Alle Sportarten, alle Nationen“. Er forderte, dass die Spiele friedlichen Zwecken dienen sollten und nicht politisch missbraucht werden dürften. Sie sollten die internationale Verständigung voran treiben und die Toleranz unter den Nationen fördern.

Als Symbol erdachte er 1913 die fünf olympischen Ringe, die ineinander verschlungen sind und damit die Verbindung und Eintracht der fünf Kontinente repräsentieren. Als er die Ringe seinen Kollegen im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vorstellte, sagte Pierre de Coubertin: „Ihre Gestalt ist symbolisch zu verstehen. Sie stellen die fünf Erdteile dar, die in der Olympischen Bewegung vereint sind; ihre sechs Farben entsprechen denen sämtlicher Nationalflaggen der heutigen Welt.“ Erstmals war dieses Symbol bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen zu sehen, da die Spiele 1916 aufgrund des 1. Weltkriegs nicht stattfanden.

Am 13. Mai 1931 wurde das offizielle Ergebnis der Abstimmung über die Vergabe der XI. Olympischen Sommerspiele durch den damaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees Graf Henri de Baillet-Latour bekannt gegeben. Danach erhielt Berlin 43 Stimmen und Barcelona 16. Zusätzlich gab es acht Enthaltungen. Wie heute auch, galt damals schon, dass sich die ausrichtenden Länder der Olympischen Idee verpflichten mussten. Dieser Punkt traf jedoch bei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) auf erhebliche Widerstände. So standen die humanistischen Ziele von Olympia im krassen Gegensatz zur nationalistischen Weltauffassung.

Besonders die Völker verbindende Idee von Olympia missfiel der NSDAP, lief sie doch ihrem eigenen Verständnis von der Dominanz einer Nation und einer Rasse entgegen. Doch da unumstößlich feststand, dass die Sommerspiele erstmals in Berlin abgehalten werden würden - und die Winterspiele in Garmisch- Partenkirchen - beschlossen die Nationalsozialisten die Spiele für ihre Zwecke zu nutzen.

Am 30. Januar 1933 gelangte Adolf Hitler an die Macht, im März entstand das „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ unter der Leitung von Dr. Joseph Goebbels. Etwas über ein Jahr später, am 27. Juli 1934, wurde der „Deutsche Reichsbund für Leibesübungen“ gegründet, an dessen Spitze der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten stand. Dieser war zugleich auch Präsident des Deutschen Olympischen Ausschusses.Alle anderen zuvor existierenden Sportfachverbände verloren ihren Status der Eigenständigkeit, auch der Sport war somit gleichgeschaltet.

Als mit der Zeit die Diskriminierung und Verfolgung der deutschen Juden speziell in den USA eine Welle der Empörung hervorrief, drohten die Amerikaner mit dem Boykott Berlins als olympischer Austragungsstätte. Unter diesem internationalen Druck bemühten sich die Nazis darum, Deutschland gegenüber dem Ausland als weltoffen und tolerant zu präsentieren.

Doch das IOC forderte wiederholt eine Garantieerklärung von den deutschen Machthabern, dass deutsche Juden bei Olympia starten dürften. Jetzt reagierte die NS-Führung, um nicht Gefahr zu laufen, die Spiele wieder zu verlieren. Sie versprachen Propaganda-Schilder mit dem Text „Juden unerwünscht“ zu entfernen, bestätigten den freien Zugang für „alle Rassen und Konfessionen“ zu den Spielen sowie die Akzeptanz eines politisch unabhängigen Organisations-Komitees.

Da die Amerikaner den Versprechungen der Deutschen zunächst keinen Glauben schenkten, sandten sie den Olympia-Komitee-Chef Avery Brundage im August 1934 nach Deutschland, um sich dort ein Bild von der Lage zu machen. Nach dessen sechstägigem Besuch verkündete er, dass die Spiele in den richtigen Händen waren. Überliefert ist der Satz: „Die Spiele gehören den Athleten und nicht den Politikern.“

Brundage war jedoch voreingenommen: Er hatte sich von Anfang an nicht für das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Deutschlands interessiert. Hinweise auf Diskriminierungen jüdischer Sportler ignorierte er und befürwortete statt dessen bereits vor seiner Deutschlandreise uneingeschränkt ein Olympia unter dem Hakenkreuz. Darüber hinaus unterstützte er sogar das Startverbot für zwei der qualifizierten amerikanischen Sprinter. Sam Stoller und Marty Glickman, die einzigen beiden Juden im US-Team der 4 x 100 Meter Staffel, wurden ausgeschlossen.

Tatsächlich wurden jedoch deutsche jüdische Sportler beim Zugang zu den Olympischen Spielen behindert. Die Deutschen hatten Brundage versprochen, dass 21 jüdische Sportler in die Olympia-Vorbereitungslager eingeladen werden. Letztendlich schaffte es aber nur die in den USA lebende Fechterin und „Halbjüdin“ Helene Mayer in die Olympiamannschaft für die Sommerspiele, der Eishockeyspieler Rudi Ball wurde nominiert. Obwohl sowohl Stimmen aus dem Prager Exil als auch vor allem französische Zeitungen und ein speziell gebildetes „Comité international pur le respect de l´esprit olympique“ weiterhin vor einer Durchführung der Spiele in Berlin warnten, konnten sie deren Durchführung nicht mehr verhindern. Das IOC wollte den Organisatoren nur zu gerne glauben.

Die Olympischen Sommerspiele in Berlin wurden schließlich vom 1. bis 16. August 1936 abgehalten (Winterspiele: 6. bis 16. Februar) und galten als glänzend organisiert. Selbst die eher deutschlandkritische „New York Times“ nannte sie die „größte Sport-Show der Geschichte“, bei der 3,7 Millionen Menschen zusahen. Adolf Hitler hatte die Spiele am 1. August vor immerhin 120.000 Menschen eröffnet. Beim Einmarsch der Nationen zeigten die Deutschen den Hitlergruß, der aber beinahe dem Olympischen Gruß (auch römischer Gruß: Saluto romano) entspricht, auch wenn der Arm nicht soweit hoch gestreckt wird, und daher für keinerlei Aufregung sorgte.

Nachdem die Vereinigten Staaten bei den ersten zehn Olympischen Spielen der Neuzeit, bis auf eine Ausnahme, jedes Mal die meisten Goldmedaillen erringen konnten, mussten sie sich in Berlin und Garmisch den Deutschen geschlagen geben. Von den 77 zu vergebenden Goldmedaillen gingen allein 49 an deutsche Athleten. Insgesamt gewannen die Deutschen allein in Berlin 89 Medaillen: 33 x Gold, 26 x Silber, 30 x Bronze. Bei den Teilnehmern waren die Männer eindeutig in der Überzahl. Allein in Berlin nahmen 4069 Athleten teil, davon aber nur 328 Frauen.

Interview mit dem Regisseur

Ist die Herangehensweise für Sie generell gleich, wenn Sie, wie hier geschehen, mit BERLIN ´36 eine historische Geschichte über eine Freundschaft verfilmen, oder wie früher ein Kammerspiel, einen Krimi oder eine Komödie, oder ist sie immer unterschiedlich?

Die Arbeit ist generell gleich, aber die Aspekte sind verschieden. Die Kriterien variieren, aber immer muss die Geschichte stimmen. Die ist immer entscheidend, denn ich möchte gute Geschichten erzählen, egal ob sie ernst, tragisch oder komisch sind. Danach überlege ich mir, wie ich die Geschichte am besten erzähle – stilistisch und formal.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von der wahren Geschichte der Gretel Bergmann gehört haben?

Als erstes wollte ich sie gar nicht glauben. Dann fand ich unglaublich faszinierend, dass sich ein Mann in der Frauenmannschaft versteckt. Mir sind dann viele Sachen eingefallen, was er für Probleme gehabt haben könnte, wie er das hat verbergen können, aber glücklicherweise hat Autor Lothar Kurzawa auch viele Ideen dazu gehabt. Wir haben die Geschichte dann in gewisser Weise dramatisiert und um einige Konflikte bereichert.

Mit welcher Intention sind Sie an die Geschichte von BERLIN ´36 herangegangen?

Es ergaben sich für mich drei Aspekte: Die wahre Geschichte, das historische Umfeld und die Dramatik. Dass eine der Personen, die involviert ist, noch lebt war ein Geschenk. Ich habe Gretel Bergmann im letzten Jahr in New York besucht. Das war sehr eindrucksvoll, denn sie war ein Vorbild für uns. Hinzu kam, dass es mir viel Spaß gemacht hat, eine Welt künstlich zu erstellen und ein Finale im Olympiastadion zu erschaffen. Das war ein riesiger Spaß. Wie würden Sie nach all den Recherchen die Stimmung der damaligen Zeit beschreiben? Unabhängig von dem Regime waren die Leute stolz darauf, dass die Olympischen Spiele in Deutschland stattfanden.

Wie hat Gretel Bergmann reagiert, als sie erfuhr, dass ein Film über sie gedreht werden soll?

Sie hat zwei Söhne und einer davon ist in Kalifornien Produzent. Die Amerikaner hatten mal vor, die Geschichte zu verfilmen. Sie hat aber gesagt, wenn es jemand macht, muss es jemand aus Deutschland machen. Nachdem sie zusagte, war sie geradezu überneugierig, den Film zu sehen. Sie hat auch immer noch eine Armbanduhr mit deutscher Zeit und als wir sie besuchten, hat sie für uns gekocht. Es gab Kalbsgulasch, Spätzle und Gurkensalat, also ein typisch schwäbisches Gericht.

Wie sind Sie auf die Besetzung der beiden Hauptfiguren gekommen?

Ich habe den Werdegang von Karoline Herfurth schon von Beginn an verfolgt. Sie war unsere erste Wahl und ich war glücklich, dass sie sofort zugesagt hat. Der schwierige Teil war jedoch, den Jungen zu casten, der ein Mädchen spielen soll. Ich war von Anfang an der Meinung, dass man da nicht schwindeln kann und etwa ein Mädchen besetzt, das männlich aussieht. Ich glaube, ich kenne jetzt alle jungen Schauspieler und Schauspielschüler in Deutschland zwischen 16 und 26, denn wir haben mit der Besetzungschefin Anja Dihrberg ein aufwändiges Casting gemacht. Ungefähr 35 junge Männer kamen zu Probeaufnahmen, zum Teil auch mit Karoline. Sebastian Urzendowsky war dann meine Wahl, denn er ist ein guter Schauspieler. Wenn man die Person, die er spielt, im Original sieht, sieht Sebastian sogar noch weiblicher aus.

BERLIN ´36 ist neben POLSKI CRASH ihr zweiter Kinofilm. Gab es daher ein anderes optisches Konzept als bei Ihren Fernseharbeiten?

Der Ansatz war ein anderer, weil man im Kino viel mehr den Bildern vertrauen kann als im Fernsehen, weil es im dunklen Raum projiziert ganz anders wirkt.

Und wie sind Sie auf die schönen Motive des Films gekommen?

Zunächst mal haben wir ausführlich in Büchern, Filmen und Audiodokumenten recherchiert. Mein Chefausstatter Götz Weidner ist sehr bewandert. Er hat mit mir „Das Wunder von Lengede“ und „Der Untergang der Pamir“ gemacht und sich in diese Zeit eingearbeitet. Für die Aufnahmen sind wir dann durch ganz Nord- und Westdeutschland gezogen. Wir haben in NRW gedreht, waren bei Celle, wo der Sportplatz zu einer großen alten Villa dazugebaut wurde, haben dann am Berliner Olympiastadion außen gedreht, denn die Seite des Marathontors ist noch historisch zu benutzen. Außerdem waren wir in der berühmten historischen Straße in Potsdam, wo auch Quentin Tarantino und Roman Polanski gearbeitet haben, und reisten dann nach Hamburgund Schleswig-Holstein weiter. Die Szenen im Olympiastadion haben wir in Itzehoe gedreht. Dort war die Spielfläche des Stadions perfekt für uns, aber wir haben natürlich auch mit CGI gearbeitet und eine Woche lang vor grünen Wänden gedreht.

Würden Sie sagen, dass der Hintergrund dennoch nur schmückendes Beiwerk ist?

Na klar, denn wir erzählen die Geschichte dieser beiden jungen Menschen, und deswegen ist es auch für den Film wichtig, dass Gretel im Gegensatz zur Realität im Olympiastadion ist. Nur so kann man die Beziehung zwischen den beiden aufrechterhalten. Sonst hätte der Wettkampf nur die Hälfte der Spannung.

Spielt der religiöse und rassistische Aspekt heutzutage auch noch eine so große Rolle wie damals?

Wenn man so hört, was in Italien und bei uns in den Sportstadien teilweise los ist, dann wird deutlich, dass der Rassismus latent immer noch vorhanden ist, nur dass es gegen die Farbigen geht - leider.

Insofern erzählt der Film eine Geschichte über die Vergangenheit und Gegenwart, oder?

Irgendwie schon. Was ich versuche zu vermitteln, ist ja etwas, was für uns heutzutage unvorstellbar ist, dass man nämlich von heute auf morgen nichts mehr zählt. Man wird aus dem Verein oder der Gemeinschaft, in der man war, plötzlich ausgeschlossen. Gretel Bergmann hat mir erzählt, dass auf einmal die Nachbarn und Freunde nicht mehr mit ihr gesprochen haben. Die waren zum Teil so bigott, dass sie nur nachts ins Haus kamen, um von den anderen nicht gesehen zu werden. Das ist für heutige Verhältnisse – hoffe ich – ziemlich unvorstellbar.

Interview mit Produzent Gerhard Schmidt

Der Regisseur Kaspar Heidelbach und Sie kennen sich seit vielen Jahren. Ist Ihre Freundschaft die Basis für die gute Zusammenarbeit bei Ihrem jüngsten Filmprojekt gewesen?

Ich kenne Kaspar Heidelbach seit über 35 Jahren. Ich war damals Produzent und Regisseur, er begann als Fahrer, wurde Regieassistent und übernahm später die Regie von vielen satirischen Programmen, die wir zu der Zeit gemacht haben. Im Jahr 1992 haben wir den Film POLSKI CRASH zusammen realisiert, der ursprünglich ins Kino kommen sollte. Zudem entstand mit Kaspar Heidelbach die viel gelobte sechsteilige TV-Serie „Leo und Charlotte“. Vor zwei Jahren haben wir gemeinsam „Die Katze“ hergestellt, einen TV-Film mit Götz George und Hannelore Hoger. Es ist also die Geschichte einer Freundschaft, in der wir viel Fernsehen gemacht haben und eben zweimal Kino.

Wann ist die Entscheidung gefallen, dass BERLIN ´36 ins Kino gehört?

Das geschah in der ersten Sekunde, als wir von dem Projekt hörten. Die Idee stammt von Eric Friedler, dem Redakteur, der über Gretel Bergmann eine Dokumentation gedreht hat und lag Doris Heinze, der NDR-Film & Fernsehfilmchefin, vor. Doris Heinze hatte die Idee zu diesem Kinofilm und fragte Kaspar und mich, ob wir das realisieren wollten. Sie sorgte dann mit Jörn Klamroth von der Degeto für einen Großteil der Finanzierung, hat uns aber jede Freiheit für’s Kino gelassen. Das Budget betrug 6,5 Millionen Euro, und so eine Summe ist ja nicht so leicht aufzutreiben. Bei allen kreativen Entscheidungen hatten Heinze, Klamroth und wir Kino im Kopf.

Wurde darüber gesprochen, dass es eine Kino- und TV-Fassung geben sollte?

Eine spezielle TV-Fassung gibt es auf keinen Fall.

Die 30er Jahre heute zu kreieren, ist ja nicht einfach. Wie sind Sie an diese Arbeit herangegangen?

Der Film spielt 1935/36. Das ist ja eine Zeit, die in den Kinofilmen kaum vorkommt. Die meisten Filme zeigen erst die Zeit nach der Kristallnacht. 1935 war Deutschland nach außen ein sehr friedliches und fröhliches Land. Die Deutschen freuten sich damals sehr auf die Olympischen Spiele und verdrängten die Nazidiktatur. Insofern mussten wir uns an den Stoff herantasten, die üblichen Naziklischees vermeiden und ein anderes Deutschland zeigen.

Woraus bestand bei der optischen Umsetzung ihre größte Herausforderung?

Das größte Problem war auf jeden Fall das Olympiastadion. Diese Aufnahmen haben wir bereits acht Monate vor Drehbeginn gemeinsam mit der Firma Scanline geplant. Die CGI Aufnahmen sind sehr überzeugend geworden. Am Ende kann man sogar sehen, wie der Zeppelin über das Olympiastadion rauscht. Das war auch wichtig, um die entsprechende Stimmung zu erzeugen.

Die Olympischen Spiele stehen aber nicht im Mittelpunkt, oder?

Nein. Der Film erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zweier junger Menschen, die eigentlich Feinde hätten sein müssen. In dem Moment, als die Nazis glaubten, dass die Beiden sich bekämpfen, haben sie füreinander Respekt entwickelt und sich angenähert. Die Olympischen Spiele sind nur schmückendes Beiwerk.

Also steht die menschliche Komponente im Vordergrund?

Ja, denn es ist die Geschichte dieser Freundschaft, die für die beiden Protagonisten äußerst schwierig und lebensbedrohlich war. Beide hätten jederzeit von der Gestapo abgeholt werden können, und man hätte nie wieder etwas von ihnen gehört.

An welchen Orten wurde außerhalb von Berlin noch gedreht?

Da wir glücklicherweise von Niedersachsen, NRW und Hamburg gefördert wurden, haben wir dort auch unsere Motive gesucht. In Niedersachsen ist es das Schloss Eldingen bei Celle, das als Trainingslager fungiert, um das herum wir allerdings einen Sportplatz anlegen mussten. In Bochum haben wir im Rathaus eine sehr intakte Naziarchitektur gefunden und dort dann das Berliner „Haus des Sports“ gedreht. In Gladbeck war die Kampfbahn bis zum letzten Herbst noch im Stil der 20er Jahre angelegt. In Hamburg haben wir die London- und einige Innenszenen gedreht. Auch der Olympische Wettkampf ist dort entstanden und danach digital ins Olympiastadion projiziert worden. Insgesamt hatten wir 44 Drehtage.

Haben Sie auch fachlich kompetente Berater hinzugezogen?

Ja. Unsere beiden Protagonisten wurden monatelang von dem ehemaligen Olympiazweiten in Mexiko Klaus Beer trainiert. Die beiden Schauspieler entwickelten dann so einen Ehrgeiz, dass sie bis auf zehn Zentimeter an die damaligen Höhen herangekommen sind. Damals wurden ja maximal 1,60 Meter übersprungen. Damit wurde man Olympiasieger. Außerdem hat uns der Journalist Volker Kluge sehr unterstützt. Er ist Olympiaspezialist. Er betreute Gretel Bergmann bei den Spielen in Atlanta, nachdem das deutsche Nationale Olympische Komitee, NOK, sie 1996 extra dorthin eingeladen hat.

Bei einem Spielfilm muss man ja an bestimmten Stellen eher dramatisieren als erzählen, inwieweit entspricht Ihr Film der Wahrheit?

Die ganze Geschichte ist wirklich so passiert – selbst die Tatsache, dass man die beiden im Trainingslager auf ein Zimmer gelegt hat. Geändert haben wir, dass Gretel Bergmann die ihr angebotenen Stehplätze während des Wettkampfs angenommen hat. Den Schluss haben wir für den Film dramatischer gemacht und die Vorgeschichte zeitlich ein bisschen gerafft. Die Geschichte ist in der Realität schon unglaublich genug. Dass die Nazifunktionäre es gewagt haben, einen solchen Betrug zu riskieren, zeigt ihre Skrupellosigkeit. Gretel Bergmann kennt das Drehbuch und hat Verständnis gehabt, dass wir manchmal etwas verdichtet haben. Es ist aber so wenig verändert worden, dass wir sagen können: Dieser Film beruht auf einer wahren Geschichte.

Wie sind Sie auf die Hauptdarsteller gekommen?

Der Film steht und fällt mit der Besetzung. Karoline Herfurth war von Anfang an unsere erste Wahl. Sie sagte glücklicherweise auch gleich zu, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte und hat dafür einiges abgesagt. Die Besetzung der zweiten Rolle war schwieriger, weil es ja nicht um einen Mann geht, der wie eine Frau aussieht. Wenn Sie das Foto der echten Person sehen, die bei uns Marie Kettelerheißt, oder sie in dem Leni Riefenstahl Film springen sehen, dann fragt man sich schon, wie das überhaupt durchgehen konnte. Das sieht doch jeder, dass das ein Mann ist. Um hier die Idealbesetzung zu finden, haben wir sehr lange gecastet und dann Sebastian Urzendowsky gefunden. Uns war klar, dass er es sein musste. Er spielt diese schwierige Rolle hervorragend.

Wenn Sie den Film kurz und knapp charakterisieren müssten, wie würden Sie das formulieren?

BERLIN´36 erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft in schwieriger Zeit. Als die Nazis hofften, dass sie sich bekämpften, hatten sie den Mut, Freunde zu werden.

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