Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit Florian Eichinger (Regie, Autor)

Es gab in der letzten Zeit einige Filme, die wie mit einer Lupe auf moderne, zwischenmenschliche Beziehungen schauen, z.B. Alle Anderen. Wo liegt der besondere Reiz dieser intimen Geschichten, zu denen auch Bergfest gehört?

Der Reiz liegt wohl darin, dass uns diese Geschichten so direkt betreffen – zumindest wenn sie gut beobachtet sind. Unsere Partner oder auch Eltern spielen nun mal eine gewisse Rolle für unser Glück oder Unglück. In Bergfest geht es um ein belastetes Vater-Sohn Verhältnis und seine Auswirkungen, auch auf die Partnerinnen der beiden. In dieser Vierer-Konstellation wird bald klar, wie sehr die entscheidenden Dinge oft miteinander verflochten sind. Und es stellen sich Fragen: Wer steht mir wie nahe und wo sind die Grenzen? Was passiert zum Beispiel, wenn ich einmal wirklich Hilfe brauche? Als Zuschauer kann man sich das aus einem gewissen Abstand anschauen, und im besten Fall wird man inspiriert, die eigenen Beziehungen zu spiegeln und zu hinterfragen.

Bilderstrecke starten(9 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Bergfest

Man fragt sich welcher Einfluss auf Hannes, den Sohn, schädlicher ist: der seines Stiefvaters in der Vergangenheit oder der des eigenen Vaters…

Ja, schwierige Frage. Das Thema körperlicher Missbrauch ist in den Medien sehr präsent – seelische Gewalt aber taucht in der öffentlichen Diskussion kaum auf. Dabei können seelische Verletzungen bekanntlich sehr tief gehen. Auch die körperlichen Übergriffe sind ja vor allem so gefährlich wegen ihrer seelischen Verknüpfung: Schlägt mich mein Vater, muss das körperlich nicht schmerzhafter sein als gegen eine Tür zu laufen. Schlimmer ist hier die Demütigung, die Ohnmacht, der Liebesentzug – alles Dinge, die er mir aber auch antun kann ohne mich zu schlagen. In BERGFEST steht der Vater für seelische Gewalt und der Stiefvater für körperliche Gewalt. Wenn der Zuschauer möchte, kann er die Verletzungen miteinander vergleichen und selbst urteilen, welche das Leben des Jungen schwerer belastet.

Es gibt den berühmten Satz „Erziehung ist Missbrauch“.

Der ist wohl darauf bezogen, dass niemand alles richtig macht. Eltern sind eben auch nur Menschen. Die allermeisten ihrer Fehler sind ja völlig harmlos und schnell vergessen, Gott sei Dank! Aber wie jeder weiß, gibt es auch Verletzungen, die sich sehr langfristig auf unser Selbstwertgefühl und generell alle Bereiche des Lebens auswirken können – von kleinen Hemmungen über Angstgefühle, Schuldgefühle, Süchte, bis hin zu schwersten psychischen und körperlichen Erkrankungen. Diese Art von tiefen Verletzungen heilt oft auch nach Jahren und Jahrzehnten nicht von selbst.

Beruht das Drehbuch von Bergfest auf einem autobiographischen Hintergrund?

Teils teils. Vieles aus der Figurenkonstellation kenne ich aus meinem eigenen Leben – auch ich hatte kein gutes Verhältnis mit meinem Stiefvater. Das meiste habe ich im Sinne der Geschichte allerdings so weit verdichtet, dass sich die Figuren und Motive im Film von denen in meinem Leben doch sehr unterscheiden.

Wurde bei Bergfest viel improvisiert oder stand alles von Anfang an schon so im Drehbuch?

Zum Improvisieren hatten wir am Set kaum Zeit. Fast alles stand so oder sehr ähnlich im Drehbuch. Die Darsteller hatten aber die Freiheit, die Inhalte in ihre eigenen Worte zu fassen. Wenn man mit sehr guten Schauspielern arbeitet, treffen die intuitiv meistens den richtigen Ton und bringen selbst noch gute Ideen mit ein. So war es auch bei uns.

Worauf bezieht sich der Titel des Films?

Für mich hat der Titel mehrere Bedeutungen. Neben der buchstäblichen gibt es eine übertragene, die in Deutschland nicht überall bekannt ist: Ein sogenanntes Bergfest wird gefeiert, wenn die Hälfte einer großen Aufgabe überstanden ist. Man ist sozusagen über den Berg. Die zweite Hälfte hat man noch vor sich, aber ein Ziel ist in Sicht. Man kann sich auch „bergfest“ machen, sich also wappnen gegen einen Berg, der in unserem Fall für die felsenhafte, übermächtige Vaterfigur steht. Mir gefällt auch, dass der Titel an Thomas Vinterbergs „Das Fest“ erinnert, denn ich schätze diesen Film ganz besonders, er ist für mich so etwas wie die Mutter des modernen Vater&Sohn Films.

Hätte BERGFEST statt in den Bergen nicht ebensogut auf einer einsamen Insel spielen können?

Auf einer Insel wären die Protagonisten zwar auch auf sich allein gestellt, aber mir gefällt diese Alpenlandschaft. Sie ist schön aber auch kalt. Die ganze Welt besteht für die vier buchstäblich aus Bergen von Schnee und Eis. Da wird es umso wichtiger, dass innerlich Wärme da ist.

Welche Rolle spielt die leichte körperliche Behinderung von Ann?

Zur Zeit des Unfalls, der zu ihrer Behinderung führte, war Ann schon mit Hannes zusammen. Wenn man solche tiefgreifenden Erfahrungen gemeinsam durchmacht, sagt das etwas über die Beziehung aus, denke ich. Visuell bekommen wir davon eine Ahnung, wenn Hannes Ann auf seinen Armen trägt. Aber es ist ja nicht nur Ann, deren Möglichkeiten eingeschränkt sind: bei den drei anderen Figuren sind es mehr die „seelischen Behinderungen“, die ihr Leben überschatten.

Was hat es mit dem Kartentrick im Film auf sich?

Also, verraten wird der natürlich nicht! Nur so viel: Wir haben weder beim Schnitt noch per CGI geblufft. Es ist ein Profi-Kartentrick, und er funktioniert auch ohne Kamera genauso. Der Kartentrick ist ein Symbol für Fragen, die uns nicht loslassen. Für Dinge, die wir unbedingt begreifen wollen. Das kann zur fixen Idee werden, wie es bei Hannes im Film der Fall ist. Er ist ein Suchender und hätte gerne eine Antwort auf seine Fragen, und wenn es auch die größten Rätsel unserer Seele sind. Dabei kann er nicht einmal den Kartentrick durchschauen. Es gibt generell dieses Bedürfnis, das Dickicht der vielen Anschauungen zu durchdringen, die uns jeden Tag umgeben und sich oft widersprechen. Einfache Antworten und Schubladen sind da sehr verführerisch. Kein Wunder, dass Boulevardmedien so erfolgreich sind, denn die haben auf alles eine einfache Antwort – nach dem Motto „Warum Frauen schlecht einparken“ etc. Doch der Preis ist hoch: So wird unser Wesen auf ein paar banale Formeln runtergebrochen. Das hat in meinen Augen etwas unglaublich Zynisches.

Bergfest wurde auf mehr als 20 deutsche und internationale Filmfestivals eingeladen. Der Film wurde mehrfach preisgekrönt. Wie kam es dazu?

Wir haben überall dort eingereicht, wo wir gerne laufen wollten. Dann haben uns einige dieser Festivals eingeladen, und andere haben uns kontaktiert, weil sie uns wiederum auf diesen Festivals gesehen hatten. Was Preise betrifft: das ist oft eine ziemliche Glückssache. Ein und derselbe Film wird von verschiedenen Menschen so faszinierend unterschiedlich wahrgenommen. Man braucht viel Glück bei der Juryzusammensetzung, bei den Konkurrenzfilmen und und und. Besonders hat mich der Preis für Martin Schleiß als Bester Darsteller auf dem Falstaff International Film Festival im englischen Stratford gefreut. Martin hatte vorher ja kaum Erfahrung! Es war seine erste größere Rolle, und dann musste er auch noch gegen den monumentalen Theatermann Peter Kurth bestehen. Der Preis war eine ganz tolle Anerkennung für Martins Leistung.

Bergfest wurde im Rahmen der Festivaltour auf fünf Kontinenten gezeigt. Gab es unterschiedliche Reaktionen, z.B. mentalitätsbedingt?

Es war schon sehr spannend, den Film in so verschiedenen Ländern und Kulturen vorzustellen. Man kann wohl sagen, die Konflikte der Geschichte sind universell, aber es gab auch Unterschiede in der Wahrnehmung. Besonders ist mir in Erinnerung geblieben, wie sehr sich das chinesische Publikum in Shanghai von den dramatischen Momenten mitreißen ließ. Szenen, die man hierzulande mit einer gewissen Abgeklärtheit aufnimmt, wurden dort sehr direkt durchlebt – was man sogar hören konnte, fast wie bei Kindern. Kairo hat mich auch sehr beeindruckt. Arabische Welt, und dann die vielen christlichen Symbole in der Hütte… Es hat mich berührt, beim Publikumsgespräch sehr offen und herzlich empfangen worden zu sein.

Auf den Festivals wurde dem Film unter anderem ein hohes Maß an Intensität und Beobachtungsschärfe bescheinigt. Unterscheidet das einen Arthouse-Film von einem Popcorn-Movie?

Das trennt in meinen Augen generell einen interessanten von einem uninteressanten Film. Es gibt hier wie da solche und solche. Mainstream ist nicht immer flach. Und Arthouse kann sehr unterhaltsam sein. Uns war es wichtig, bei allem thematischen Ernst auch leichte Momente zu erzählen, nicht zuletzt für den Kontrast. Generell gefallen mir Filme vor allem dann, wenn sie den Zuschauer fesseln, ohne ihn dabei wie ein Hündchen an der Leine zu führen. Wann hat man erhellende Momente? Wenn einem nicht alles vorgekaut wird. Das ist bei den meisten Blockbuster- Produktionen aber leider der Fall. Ich fühle mich von einem Film, der mir aufdrängt was ich zu denken oder zu fühlen habe, einfach bevormundet. Und dann die Schablonen. Ein durchschnittlicher Popcorn-Film erfüllt in erster Linie die Sehnsüchte seiner Zuschauer. Das ist oft plump, vorhersehbar, da gibt es nicht viel zu entdecken. Wo Unterhaltung draufsteht, ist dann Langeweile drin. Ein guter Film ist unbestechlich. Er nimmt seine Figuren ernst, egal in welchem Genre. Finde ich jedenfalls.

Das Budget von Bergfest war mehr als gering…

Das kann man sagen. Wir haben uns für den steinigen Weg entschieden, weil wir dem Stoff nach Ablehnungen ähnlicher Projekte keine großen Chancen bei Sendern oder Filmförderung eingeräumt hatten. Also haben wir mit vier Geldgebern ungefähr 50.000! aufgetrieben und sind das Projekt auf eigene Faust angegangen. Es war schnell klar, auch aus terminlichen Gründen, dass wir nur 10 Drehtage Zeit haben würden. So etwas ist bei einem 90-Minüter nur möglich, wenn man wenige Drehorte hat und das Team bestens aufeinander abgestimmt ist. Es gab nur drei Leute am Set, mit denen ich vorher noch nie zusammengearbeitet hatte. Das hat Vieles vereinfacht. Aber jeder musste fast rund um die Uhr alles geben, sonst hätten wir es trotzdem nicht geschafft.

War es unter diesen Umständen schwierig, Schauspielgrößen wie Peter Kurth oder Anna Brüggemann für das Projekt zu gewinnen?

Es war sehr einfach, denn gerade die besten Schauspieler schauen nicht nur auf Gage oder Komfort wenn sie sich für ein Projekt entscheiden. Ich habe den Eindruck, dass sie an vielschichtigen Figuren und relevanten Geschichten immer interessiert sind. Auch die ganz jungen Talente wie Rosalie Thomass haben schon ein genaues Gespür für gute Rollen – nur gibt es davon leider nicht sehr viele. Man hat mir empfohlen nicht zu meckern, aber es macht mich fertig wie wenige gute Filme im öffentlich-rechtlichen Programm laufen und was man auf den besten Sendeplätzen stattdessen zeigt. Ich kann ja verstehen, dass man im Privatfernsehen nur auf die Quote schaut – aber bei ARD und ZDF verstehe ich das nicht. Wer demente Berieselung mag oder andere Eskapisten-Formate, hat der nicht schon genug Privatsender zur Auswahl?!

Martin Schleiß war vor dem Film in der Branche völlig unbekannt. Wie kam es zu seiner Besetzung?

Martin und ich haben uns vor einigen Jahren kennengelernt als wir zusammen in einer Videothek im Schanzenviertel jobbten. Martin besuchte zur gleichen Zeit die Schauspielschule, und ich hatte viel Zeit zum Drehbuchschreiben. Da ist mir aufgefallen, dass er neben seinem Talent auch physisch und seelisch einiges „mitbringt“, was gut zur Rolle des Hannes passt. Wir haben dann gemeinsam auf das Projekt hingefiebert und auch viel zusammen geprobt. Besonders spannend war für uns die einzige Ensembleprobe an einem Wochenende in Berlin – wo die drei erfahrenen Schauspieler zum ersten Mal auf Martin trafen. Martin wusste natürlich, dass die ihn als absoluten Newcomer ganz genau unter die Lupe nehmen würden, denn es war jedem klar: mit seiner Besetzung steht und fällt der ganze Film. Für mich war es dann eine große Erleichterung zu sehen, dass die Chemie zwischen den Vieren stimmt.

Sind weitere Projekte in Aussicht?

Ja, es gibt momentan drei neue Stoffe in Entwicklung. Zwei davon sind stilistisch sehr ähnlich wie Bergfest, die Geschichten schreibe ich auch wieder selbst. Ein großer Teil des Teams soll wieder mit dabei sein, und hoffentlich auch etwas mehr Geld. Es wäre fantastisch, diesen Weg weiter gehen zu können, denn Grenzthemen und wahrhaftige Figuren machen mir große Freude. Auch das dritte Projekt geht in diese Richtung, ist aber eine Romanadaption als Drei-Länder-Coproduktion mit anvisiertem Millionenbudget. Man wird sehen, ob’s klappt. Der dänische Autor der Vorlage hatte uns auf dem Copenhagen CPH:PIX Filmfestival angesprochen, wo er Bergfest gesehen hatte.

Zu den Kommentaren

News und Stories

  • Fakten und Hintergründe zum Film "Bergfest"

    Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

    Kino.de Redaktion  

Kommentare