Berberian Sound Studio (2012)

Berberian Sound Studio Poster
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Filmhandlung und Hintergrund

Berberian Sound Studio: Ungewöhnliches Drama um einen britischen Toningenieur, der einen neuen Job in einem italienischen Horrorfilmstudio annimmt.

1976 übernimmt der britische Tontechniker Gilderoy einen Job in dem heruntergekommenen Berberian Sound Studio in Italien. Dort werden vorzugsweise billig gemachte Horrorschocker vertont, und genau so einen Film soll der schüchterne Brite für den Regisseur Santini bearbeiten. Allerdings kommt Gilderoy mit seinem hitzköpfigen Auftraggeber nicht zurecht. Und je länger er sich mit kreischenden Schauspielerinnen und dem brutalen Sound zerhackter Kohlköpfe konfrontiert sieht, desto mehr scheinen Realität und Fiktion zu verschwimmen.

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Kritikerrezensionen

  • In den letzten Jahren erfreut sich das italienische "Giallo"-Genre zunehmender Beliebtheit. Die an billigen Taschenbüchern angelehnten "Exploitations"-Krimis der späten Sechziger und frühen Siebziger verbanden drastische Sex- und Gewalteinlagen mit stilisiertem Dekor, einer exaltierten Bildsprache, wüst konstruierten Plots und suggestivem Sounddesign. In Deutschland etwa wurden mehrere Werke neu aufgelegt (und sofort indiziert), während aktuelle Filme wie Andreas Marschalls "Mask" oder der surreal-experimentelle "Amer" an die suggestiven "Giallo"-Stilmittel erinnerten. In die gleiche Richtung geht auch Peter Strickland ("Katalin Varga") mit seinem zweiten Spielfilm "Berberian Sound Studio", der auf einem früheren Kurzfilm basiert und von "Lindenstraße"-Erfinder Hans W. Geißendörfer mitproduziert wurde.

    Die deutsch-englische Produktion, bei den britischen "Independent Awards" mit einem Preis für das beste Sound Design prämiert, beschäftigt sich mit der Nachvertonung eines Horrorthrillers, dessen Bilder der Zuschauer (fast) nie zu Gesicht bekommt. Neben einer albtraumhaften Mordsequenz gegen Ende, in der Protagonist Gilderoy plötzlich die Position des Killers einnimmt, wird lediglich der Vorspann des Films "The Equestrian Vortex" (etwa "Der Reiterwirbel") gezeigt. Dieser in blutrot gehaltene grafische Bilderreigen versammelt nicht nur vertraute Elemente aus dem "Giallo"-Fundus wie Satansbilder, Augen oder Kinderspielzeug, sondern verweist mit einer zusammengewürfelten (fiktiven) Besetzung auf die damals üblichen internationalen Co-Produktionsbedingungen.

    Ansonsten finden sich noch weitere Anspielungen auf die Klassiker der Genres: Eines der beiden Filmplakate mit dem auseinanderbrechenden Foto des Protagonisten, hinter dem sich eine andere Person verbirgt, zitiert das Motiv von "Vier Fliegen auf grauem Samt" von Dario Argento, einem Meister des Psychothrillers. Argentos (in zwei Hälften zerbrechendes) Foto taucht im fiktiven Vorspann auf, und die Handlung des zu vertonenden Schockers mit mordenden, wieder zum Leben erwachten Hexen erinnert an Argentos berühmte "Mutter"-Trilogie ("Suspiria", "Inferno", "Mother of Tears"). Als Insidergag wird Suzy Kendall, bedrohte Hauptdarstellerin mancher Italo-Krimis, als "Special Guest Scream" geführt.

    Zunächst wirft Regisseur Strickland einen durchaus ironischen Blick auf die Nachproduktion von italienischen Genrearbeiten in den Siebzigern, wo Filme generell nachsynchronisiert wurden - für den internationalen Markt meistens zugleich in Englisch. Obst und Gemüse müssen für die akustischen Splatterszenen herhalten, was durch wiederholte Aufnahmen von verrotteten Lebensmitteln unterstrichen wird. Stete Detaileinstellungen sowie einige ausgefallenen Szenenübergänge erinnern an die damals ausgefallene Bildsprache, wobei die Signalfarbe rot erneut eine bedeutende Rolle spielt.

    Durch den täglichen Umgang mit blutigen Impressionen gerät der schüchterne Protagonist Gilderoy zunehmend in eine Zwangslage. Sein unangenehmes Arbeitsumfeld mit einem diktatorischen, zynischen Produktionsleiter, den Sprachproblemen, steten Witzen auf seine Kosten sowie der mitunter überforderten Sprecherinnen und den bürokratischen Strukturen am Set, verbunden mit Heimwehgefühlen, sorgen für nachhaltigen psychischen Druck. Im letzten Drittel beginnen sich Realität und Fiktion zunehmend zu vermischen.

    Dass viele Handlungselemente nicht zusammenwachsen wollen, liegt in der Natur des surrealen Kinos begründet. Auch der nachbearbeitete Streifen mit Versatzstücken aus Mord, Exorzismus, Satanismus und historischer Hexenverfolgung kombiniert entsprechend verschiedene disparate Elemente des "Exploitations"-Kinos. Dabei entwickelt sich die Handlung im Mittelteil etwas repetitiv. Letztlich liefert Peter Stricklands psychedelisch angehauchte, virtuose Hommage ein Versprechen, welches das Ergebnis mit seinem unbefriedigenden Finale und abruptem Ende nicht wirklich einlösen kann und will.

    Fazit: "Berberian Sound Studio" bietet eine zitate- und einfallsreiche Liebeserklärung ans drastische Genrekino der Siebziger in intelligenter Gestaltung, aber mit einem zu dünnem Plot.
  • Verstörender, vielschichtiger Psychothriller des Musikers Peter Strickland, der seine Faszination durch die raffinierte Verwendung von Tönen und Geräuschen erzielt.

    Verstörend und verwirrend, aber auch höchst faszinierend ist das, was der britische Musiker Peter Strickland mit seiner zweiten Regiearbeit auf die Leinwand gezaubert hat. Sie wirkt wie ein Experiment, ein Film, den man auch mit geschlossenen Augen – fast wie ein Hörbuch -wahrnehmen könnte, denn was vor der Kamera passiert – die exzellenten Schauspieler mögen es verzeihen – ist im Prinzip Nebensache. Wichtig ist, was auf Tonebene geschieht, und da geht jede Menge vor sich in “Berberian Sound Studio”. Denn der Protagonist, der britische Tontechniker Gilderoy (perfekt für die Rolle: der englische Charaktermime Toby Jones), sitzt den überwiegenden Teil der Handlung in einem düsteren Raum voller altertümlicher Gerätschaften und versucht, die richtigen Töne für einen furchtbar blutigen Horrorfilm zu finden. Bilder davon bekommt der Zuschauer jedoch nicht zu sehen, er hört nur kreischende Frauen und das Geräusch von Äxten oder ähnlichen Mordinstrumenten, die sich in menschliche Leiber bohren. Doch dies wird lediglich suggeriert, denn Gilderoy, ein Meister der akustischen Täuschung, erzeugt diese bizarren Klänge, in dem er aufnimmt, wenn Kohlköpfe zermalmt oder Wassermelonen zerhackt werden. Doch je länger sich der schüchterne Brite in diesem seltsamen italienischen Sound Studio so fern der Heimat befindet und je mehr ihn sein hitzköpfiger Auftraggeber mit absurden Vertonungs-Forderungen in die Enge treibt, desto weniger gelingt es ihm, Realität und (Alb-)Traum voneinander zu unterscheiden.

    Strickland macht keinen Hehl daraus, dass er die blutrünstigen Horrorstreifen eines Mario Bava oder Dario Argento aus der legendären Giallo-Ära genauestens gesichtet hat. Gleichzeitig outet er sich als Fan der Frühwerke von Roman Polanski, etwa “Ekel” oder “Der Mieter”, und schließlich fügt er dem Ganzen noch eine kräftige Prise Mysteriös-Entrücktes hinzu, wie man es am ehesten aus dem Oeuvre von David Lynch kennt. Doch Strickland kopiert nicht, er interpretiert allenfalls, und indem er sich ganz auf die Tonspur fokussiert, entsteht ein völlig anderer, eigener Film. Das mag visuell vielleicht nicht immer funktionieren, die Bilder sind statisch, die Inszenierung kammerspielartig – doch so entsteht viel Raum für die eigene Fantasie des Betrachters. “Berberian Sound Studio” ist auch deshalb ein typischer Festivalfilm, und zwar durchaus ein erfolgreicher, der sich die Kinoauswertung redlich verdient hat. lasso.

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