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Fakten und Hintergründe zum Film "Belgrad Radio Taxi"

Fakten und Hintergründe zum Film "Belgrad Radio Taxi"
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Interview mit dem Regisseur

Was war Ihr Antrieb, BELGRAD RADIO TAXI schreiben und drehen zu wollen?

Ich wollte eine Geschichte über mich und Menschen in meinem Alter erzählen, Menschen, die ich täglich um mich herum sehe. Ich hatte beobachtet, dass uns etwas verbindet, egal wie unterschiedlich wir auch sein mögen: Wir alle stecken irgendwie fest in unserem Leben. Jeden Tag muss ich auf dem Weg in die Arbeit über diese Brücke fahren, die das alte und das neue Belgrad verbindet, und bleibe dabei regelmäßig in dem Stau stecken, der sich dort täglich bildet. Ich schaue dann aus dem Fenster und beobachte die anderen Menschen und kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass wir alle noch nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, dass wir Vergangenes mit uns herumtragen wie einen Ballast, der uns bremst und behindert und lähmt. Und alle befinden wir uns auf einer Brücke zwischen Gestern und Morgen und kommen nicht voran. Ich wollte von mehreren Figuren erzählen, denen es gelingt, das Gestern hinter sich zu lassen. Die einen Weg finden ihr Leben weiterzuführen und nach vorne zu blicken, als würden sie einen Reset-Knopf für ihre Emotionen finden. Mir ging es ganz spezifisch um die Menschen in Belgrad, ich habe aber in den letzten Monaten auf zahlreichen Festivals auf der ganzen Welt festgestellt, dass mein Film offenbar einen Nerv trifft. Ich wollte einen Film über ein ernstes Thema machen, ihn aber leicht und mit Humor erzählen.

Wie sind Sie bei der Entwicklung der Geschichte vorgegangen?

Die Metapher mit der Brücke war der Ausgangspunkt. Dieses Bild sprach mich ganz unmittelbar an. Es entsprach auch meiner Überzeugung, dass wir in Serbien an einem Punkt angelangt sind, an dem wir den alten Ballast über Bord werfen und unbelastet weitermachen sollten. Zumindest ich empfinde das ganz stark. Ich wollte einen optimistischen Film machen, dessen Optimismus nicht aufgesetzt oder albern wirken sollte. In den Mittelpunkt wollte ich ganz einfache Menschen stellen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, aber im Grunde doch gleich sind – einen Taxifahrer, eine Lehrerin, eine Apothekerin.

Handelt es sich dabei um Menschen, die Sie persönlich kennen?

Nicht direkt. Aber natürlich sind die Figuren von meinen Freunden und meiner eigenen Biographie beeinflusst. Wie der Taxifahrer komme beispielsweise auch ich aus Bosnien und habe Belgrad zu meiner Heimat gemacht. Wichtig war mir eine Allgemeingültigkeit, die sich aus diesem Fresko ablesen lässt.

Sie sind ursprünglich Drehbuchautor und haben zuvor erst bei einem Film Regie geführt. Wussten Sie im Fall von BELGRAD RADIO TAXI von Anfang an, dass Sie auch Regie führen wollten?

Ja, ich trenne da ganz bewusst. Es gibt Drehbücher, die schreibe ich für Freunde. Und es gibt Drehbücher, die sind für mich. Wenn ich inszeniere, dann ist mir an dieser Mischung aus ernsten, dramatischen Themen und leichtem Ton mit warmem Humor gelegen. Das ist mein ganz persönlicher Stil. Ich habe festgestellt, dass ich mich dann am besten artikulieren kann und den besten Zugang zu meinen Schauspielern finde. Hier wusste ich sofort: Das ist meine Geschichte. Die darf niemand anderes inszenieren als ich. Es war mir ein zutiefst persönliches Anliegen, über diese Emotionen zu erzählen.

Schreiben Sie anders, wenn Sie für sich schreiben?

Nicht unbedingt anders. Aber ich spüre, dass ich mich dann freier fühle und mich mehr traue und eher Risiken eingehe. Ich gehe großzügiger mit meinen Gefühlen und Gedanken um, wenn es meine Stoffe sind.

Hätten Sie diese Geschichte auch mit einer anderen Stadt als Ort der Handlung erzählen können? Wie wichtig war Belgrad?

Ohne Belgrad hätte es diesen Film nicht gegeben. Die Stadt – oder genauer gesagt: die Brücke – spielt eine ebenso wichtige Rolle wie die drei menschlichen Protagonisten. Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Belgrad war auch wichtig für die Atmosphäre des Films, für seinen Look. Wir entwickelten ein visuelles Konzept von einer grauen Stadt, in der es unentwegt regnet, um die einzelnen Geschichten entsprechend einzubetten – auch wenn es in Belgrad natürlich nicht unentwegt regnet. Belgrad fasziniert mich. Die Stadt hat viele verschiedene Gesichter, die nicht so recht zusammenpassen wollen. Einerseits ist es eine alte Stadt, die von der Zeit vergessen wurde. Aber es gibt auch Ecken, da kann Belgrad mit jeder modernen Metropole der Welt mithalten. Diese Gegensätze machen die Stadt so reizvoll – und zu einer guten Kulisse für meine Geschichte..

Es ist eine Stadt, die im Wandel begriffen ist.

Darum ging es. Die Stadt ist nicht anders als die Figuren. Wandel ist das zentrale Thema, deshalb spielt die Brücke eine so entscheidende Rolle. Aber es sollte keine trockene Abhandlung werden, sondern eine Geschichte, deren Thema sich dem Zuschauer über seine Emotionalität erschließt. Wir reden immer über Gesellschaften, die im Wandel begriffen sind, aber unser Blick ist dabei zumeist geprägt von einem wirtschaftlichen oder soziologischen Ansatz. Ich glaube aber, erst müssen die Menschen emotional einen Wandel vollziehen, bevor sich grundlegend etwas verändern kann. Ich sehe, dass das in Belgrad gerade passiert. Ich möchte auch anmerken, dass ich es als Filmemacher sehr wichtig finde, über Menschen und Orte zu erzählen, die man kennt. Je spezifischer und authentischer man erzählt, desto allgemeingültiger und nachvollziehbarer ist die Aussage.

Können Sie beschreiben, wie sich der Wandel in Belgrad zeigt? Wie hat sich die Stadt in den letzten 15 Jahren verändert?

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Vor 15 Jahren hätte meine Geschichte nicht in Belgrad spielen können. Es ist eine Momentaufnahme und hält das Belgrad der Gegenwart fest. Vor 15 Jahren waren die Menschen mit anderen Emotionen und Problemen beschäftigt. Erst jetzt befinden wir uns an diesem Punkt, den Bertolt Brecht beschrieben hat: Uns gefällt nicht, wie es bisher war. Für die Zukunft sieht es auch nicht besser aus, aber wir müssen trotzdem weitermachen. Das ist die perfekte Beschreibung für die Situation, in der sich die Stadt gerade befindet. Ob nun bewusst oder unterbewusst, aber viele Menschen hier empfinden so. Diese Geschichte konnte also nur jetzt erzählt werden. Sie musste jetzt erzählt werden.

Ihre Schauspieler sind hervorragend. Wie haben Sie sie ausgewählt?

Wenn Sie mich fragen, dann handelt es sich bei ihnen um die besten Schauspieler, die in meiner Sprache zur Verfügung stehen. Nebojsa Glogovac, der den Taxifahrer spielt, ist ein Ausnahmeschauspieler, der beste seiner Generation. Er war auch der Hauptdarsteller in meinem Debüt KLOPKA – DIE FALLE, der ebenfalls in Deutschland im Kino zu sehen war. Einige der Preise, die wir für BELGRAD RADIO TAXI erhalten haben, gab es für seine Leistung. Er hat eine Mischung aus einem harten Gesicht und einem weichen Herz, was für diese Rolle von entscheidender Bedeutung war. Branka Katic kennt man aus Kusturicas SCHWARZE KATZE, WEISSER KATER. Sie lebt mittlerweile in Los Angeles und hatte Rollen in der HBO-Serie „Big Love“ und Michael Manns PUBLIC ENEMIES. Ich war sehr glücklich, dass sie in meinem Film mitspielen wollte. Sie hätte besser bezahlte Angebote in größeren Filmen gehabt, entschied sich aber für unsere kleine Produktion. Das gilt auch für Anica Dobra. Sie ist nicht nur eine wunderbare Schauspielerin, sondern auch eine wunderbare Freundin. Sie stand immer an meiner Seite, auch als wir den ursprünglichen Drehtermin verschieben mussten, weil sich die Finanzierung als schwieriger als erwartet erwies. Anicas Figur bezeichne ich als emotionalen Anker der Geschichte. Für sie war der Film eine große Herausforderung, weil sie nicht viel Spielraum hatte ihre Figur zu zeichnen. Sie musste sehr subtil vorgehen, aber war einfach wunderbar. Ich glaube, dass sie jetzt in eine Phase ihrer Karriere eintritt, die sie als große Schauspielerin definieren wird. Es war ein großes Vergnügen, diese Schauspieler führen zu dürfen.

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Film?

Welch eine Frage! Sehr wichtig! Ich habe alten Rock’n’Roll aus Jugoslawien gewählt, Gassenhauer aus den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren, fröhliche Musik, weil ich sie als Kontrast, als Kontrapunkt, zu den Bildern einsetzen wollte. Es sind Oldies, die früher sehr populär waren, aber mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. Sie erinnern an eine Zeit, in der man mit Hoffnung und Unbeschwertheit in die Zukunft geblickt hat. Gleich als ich anfing, das Drehbuch zu schreiben, hörte ich diese Musik in meinem Kopf. Sie ist nicht aus diesem Film wegzudenken. Die Bilder sind blau, grau, verregnet. Ich benötigte Musik, die gegen die Bilder anspielt, Musik, der die Tristesse und der Regen egal ist. Ich sehe die Musik als Katalysator für die individuellen Geschichten meiner Hauptfiguren.

Wussten Sie bereits beim Schreiben, welche Lieder sie explizit einsetzen wollten?

Die Lieder standen schon damals fest. Die große Herausforderung bestand darin, eine Filmmusik zu finden, die die einzelnen Lieder homogen miteinander verbindet. Mario Schneider hat diese Aufgabe exzellent gemeistert. Seine Kompositionen verbreiten die richtige Atmosphäre. Der Score ist ganz anders als die ausgewählten Lieder, aber in der Kombination funktioniert die Musik. Letztlich sehe ich in der Musik meine Absicht gespiegelt, wie ich mir den ganzen Film vorgestellt hatte: Humorvoll und leicht auf der einen, ernst und dramatisch auf der anderen Seite.

Fiel es Ihnen leicht, die verschiedenen Handlungsstränge im Schneideraum zusammenzuführen?

Ich hatte keine großen Schwierigkeiten. Ich habe Vertrauen in meine Fähigkeiten als Drehbuchautor und habe mich sehr penibel an meine Vorgaben im Skript gehalten. Es gab ein paar kleine Änderungen und Modifizierungen hier und da, aber im Grunde gab das Drehbuch eine unumstößliche Richtlinie vor. Ich habe die drei Geschichten aber auch nie als einzelne Geschichten betrachtet, sondern immer als ein großes, homogenes Stück. Die Emotion führt die drei verschiedenen Elemente zusammen. Die Aufgabe beim Schnitt bestand darin, den richtigen Rhythmus zu finden und so die Verbindung herzustellen.

Wie haben die Menschen in Serbien auf Ihren Film reagiert?

Er kam sehr gut an und hat wirklich etwas bewegt. Deshalb war der Humor in meinem Film so wichtig. Es sollte ein warmherziger Humor sein und nicht die Art von Humor, wo man über die Missgeschicke anderer lacht. Das Publikum hat gelacht, aber war auch sehr berührt. Es ist ein Film, der es einem erlaubt, über sich selbst zu lachen. Das entspricht meiner Vision vom europäischen Kino. Wir sollten Filme machen, die auf der ersten Ebene das Kino feiern, die dem Publikum ein Erlebnis bescheren, wie man es eben nur im Kino haben kann. Auf der zweiten Ebene sollte es ein nachhaltiges Erleben sein. Es sollte nach Ende der Vorführung zum Denken und zu Gesprächen anregen.

Natürlich hofft jeder Regisseur auf einen Erfolg, wenn er einen Film dreht. Aber hätten Sie sich träumen lassen, dass BELGRAD RADIO TAXI auf der ganzen Welt so gut ankommen würde?

Das hätte ich niemals gewagt. Mein erster Film, KLOPKA – DIE FALLE, war bereits erfolgreich und kam sehr gut an. Meine Herausforderung bestand eigentlich darin, dass der zweite Film wenigstens so gut sein sollte wie das Debüt. Es heißt ja immer, dass der zweite Film der schwierigste ist. Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich über den Erfolg bin und dass der Film ein Schritt nach vorn ist. Mehr kann man nicht wollen, zumal es ein so persönlicher Film ist, der so viel von dem beinhaltet, was mich beschäftigt.