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Fakten und Hintergründe zum Film "Bal - Honig"

Kino.de Redaktion |

Bal - Honig Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Der Regisseur über den Film

Bal – Honig ist der dritte Film meiner Yusuf Trilogie. Die Idee dazu entstand beim Überarbeiten eines Drehbuchs, das ich vor langer Zeit geschrieben hatte und das die Geschichte Yusufs als junger Mann erzählt, wie sie in Süt vorkommt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sein Leben als erwachsener Mann sein würde und wie seine Kindheit hätte aussehen können. Daraus entwickelte sich die Idee der Trilogie. Ich fing dann mit Yumurta an, weil ich langsam zur Figur des Yusuf, zu ihrem Kern vordringen wollte. Man kann die Trilogie als einen langen Flashback ansehen. Allerdings sind die einzelnen Filme keine historischen Rückblenden. Alle spielen in der Gegenwart, an unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Konstellationen und ökonomischen Umständen der Türkei. Man hat mich gefragt, ob die drei Yusuf-Figuren ein und diesselbe Person sind. Ich ziehe es vor, nicht zu antworten, um die Geheimnisse der Figur, die direkten und indirekten Bezüge zwischen den Filmen, ihr Rätsel nicht aufzulösen.

Als ich die Figur des Yusuf entwickelte, habe ich auch auf Erfahrungen aus meiner eigenen Vergangenheit zurückgegriffen. Man könnte sagen, das in Yusuf Teile von mir stecken. Ich bezog mich auf meine eigene Jugend und Kindheit, als ich die drei Bücher schrieb – und ich glaube, das hat mir geholfen, mit den Ereignissen und Herausforderungen in Yusufs Leben umzugehen. Auch für Bal – Honig diente meine eigene Kindheit als Bezugspunkt. Meine Probleme und Nöte in der Schule, als ich lesen und schreiben lernte; meine Fragen, die von den Erwachsenen unbeantwortet blieben; das Erleben der Natur in ihrer Grausamkeit und ihrem Reichtum. In einer bestimmten Weise formt ein Kind seine Persönlichkeit, während er die Welt mit Neugier erkundet. Ein zufälliges Missverständnis, das zu naiven Fehlern, Träumen, Freuden und Nöten führt, hilft ihm, die Wahrheit zu entdecken. Ich hoffe, Bal – Honig erlaubt es uns, Yusufs Wahrheit zu entdecken.

Für Yusuf und seinen Vater Yakup stellt der Wald einen märchenhaften Ort dar, der viele Geheimnisse birgt. Der Wald ist ein magisches Reich, in dem sie verschwinden und aus dem sie wieder auftauchen.  Es ist kein gewöhnlicher Ort, zu dem sie gehen und der die Grundlage ihres Lebensunterhalts ist. Er stellt eine andere Welt dar, mit riesigen, alten Bäumen, mit geheimnisvollen Geschöpfen wie dem Esel und dem Falken, die sie in den Wald begleiten. Es war nicht leicht einen Ort zu finden, an dem es diese hohen, mächtigen, stämmigen Bäume gibt, und der sowohl für das Aufstellen von Bienenkörben wie auch für die visuelle Welt geeignet war, die ich in Bal schaffen wollte. Wir haben in verschiedenen Wäldern gearbeitet, vor allem in solchen, in denen seit Jahrhunderten Bienenkörbe aufgestellt werden. Sie waren 30 bis 40 Kilometer voneinander entfernt, auf verschiedenen Höhen, mit einem ungeheuren Reichtum an Baumarten.

Yakup, Yusufs Vater, ist ein Imker, der den für die Region besonderen schwarzen Honig erntet, eine der erlesensten Honigsorten der Welt. Dieser therapeutische Honig ist die  Essenz einer alten Welt, unberührter Natur und heiligsten Wissen für die Bewohner der Region. Er wird von einer immer weiter schwindenden Zahl von Imkern produziert; Yakups Handwerk wird bald ausgestorben sein. Zu dieser harten Arbeit gehört auch das Aufhängen der speziell gefertigten Bienenstöcke in den schwindelerregend hohen Baumkronen in den Gebirgswäldern. Der Beruf ist ebenso anstrengend wie gefährlich. Yusufs Bewunderung für seinen Vater hat sicherlich viel mit dieser ungewöhnlichen Arbeit zu tun – und in meiner Sicht der Dinge hat diese Arbeit viel gemeinsam mit Yusufs späterem Dasein als Dichter.

Wir haben Bal – Honig in der Gegend der kleinen Stadt Çamlihemşin gedreht, in der Provinz Rize an der Schwarmeerküste im Nordosten der Türkei. Der Grund, in diese Region zu gehen, liegt in ihrer Natur; nur hier habe ich die Wälder gefunden, nach denen ich gesucht hatte. Die geografischen Gegebenheiten dort haben uns allerdings beim Drehen sehr zu schaffen gemacht, vor allem bei den Waldszenen. Mit den Fahrzeugen konnten wir nur bis zu einem bestimmten Punkt kommen, dann mussten wir aussteigen  und zu Fuß mit dem gesamten Equipment bis zum Drehort marschieren, der ziemlich weit entfernt lag. Drehen mussten wir dann an einem ziemlich steilen Ort, wo man kaum stehen konnte. Zudem ist das Wetter an der Schwarzmeerküste sehr unvorhersehbar. Oft erlebt an Regen, Sonne und Nebel  innerhalb von einer Stunde, was uns etliche Schwierigkeiten bei den Anschlüssen innerhalb der Szenen bereitet hat. Gerade sehe ich meine Aufzeichnungen durch und stelle fest, dass es an 39 von 48 Tagen geregnet hat.

Wenn wir die moderne Zeit als das Erwachsenenalter der Menschheit begreifen, dann kann man sagen, dass die Orte, an denen wir Bal – Honig gedreht haben, noch die Kindheit der Menschheit erleben. Wir arbeiteten in Bergdörfern, die bald ganz verlassen sein werden von den Menschen, die bis heute noch versuchen, nach alten Traditionen zu arbeiten, unter Bedingungen und Regeln, die von der Natur bestimmt werden. In diesen Gegenden wurden wir Zeugen der Zerstörung der natürlichen Wasserressourcen durch den Bau von Kraftwerken. Das ist ein Problem, das so schnell wie möglich angesprochen werden muss.

Über Monate haben wir den Darsteller des Yusuf überall in der Region gesucht. Wir gingen in alle Grundschulen und sprachen mit den Erstklässlern. einer von den mehreren Hundert Jungen  war der Richtige. Nach zwei Monaten beschloss ich, die Region zu wechseln. Wir gingen in einen kleinen Ort 100 Kilometer weiter und begannen mit der Arbeit von vorn. Wegen Arbeitslosigkeit und Landflucht lebten nur noch wenige, meist alte Einwohner dort. Die wenigen Kinder kamen ebenfalls nicht in Frage. Eines Tages kam ich von einem Treffen mit einem location scout und sah Bora Altas auf dem Fahrrad vorbeifahren. Ich sprang aus dem Auto und stellte mich vor. Sofort war mir klar, dass er der Yusuf war, nach dem ich gesucht hatte; ein sensibles, kluges Kind mit seiner eigenen Welt.

Während der Dreharbeiten von Bal – Honig war Bora sieben Jahre alt. Er hat einen ganz anderen Charakter als der Yusuf, dessen Geschichte ich geschrieben hatte, er ist sehr kontaktfreudig. Er musste also tatsächlich spielen. Es war schwer, ihn zu Yusuf werden zu lassen. Wir arbeiteten hart, mit großer Geduld. Ich erklärte ihm den Yusuf in Bal – Honig Szene für Szene, so gut es mir möglich war. Wir entwickelten eine starke Bindung, die auf Vertrauen beruhte. Ich kann sagen, dass ich letztlich so mit ihm gearbeitet habe, wie ich es mit erwachsenen Schauspielern tue. Bora war mutig genug, sich darauf einzulassen; und ich habe das Vertrauen und die Erwartungen, die ich in ihn hatte, niemals überzogen. Ich habe selbst viel gelernt bei dem Versuch, bei einem so kleinen Kind die Konzentration auf seine Rolle herzustellen. Da ich selbst keine Kinder habe, fehlte mir die Erfahrung. Der Enthusiamus und das Engagement Boras und der anderen Kinder wird mir immer unvergesslich bleiben. Und ich möchte die große Hilfe betonen, die ich von der Schauspielerin Tülin Özen und dem Schauspielcoach Kutay Sandikci in der Arbeit mit den Kindern bekommen habe.

Ich habe während der Arbeit an den drei Filmen der Yusuf-Trilogie in den vergangenen Jahren viel gelernt und erfahren. Es war ein Prozess, der mir dabei geholfen hat, meine Vorstellungen vom Filmemachen weiter zu entwickeln, einen Stil, den ich versuchsweise „Spiritueller Realismus“ nenne. Ich habe in diesen letzten Jahren nicht nur cinematografische  Elemente wie Bildgestaltung, Schauspiel, Ton, Ort und Zeit hinterfragt, sondern auch technische Aspekte, die Crew, die Finanzierung und die Art, wie ich sie auf die Beine stelle und einsetze; ich habe vieles dabei gelernt. Einen Film zu machen bedeutet, sich durch den Spiegel dieses Films selbst zu entdecken, sogar sich zu definieren – das gilt nicht allein für den Regisseur, sondern für jeden im Team. Meine Mutter zum Beispiel stellte beim Haus in Yumurta große Ähnlichkeiten zu unserem Haus fest, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Sie fing an zu erzählen, Details, über die wir nie gesprochen hatten, Familiengeschichten, die ich nicht kannte – einige davon habe ich später in Süt – Milch und Bal – Honig verwendet.

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