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Fakten und Hintergründe zum Film "Auf der anderen Seite"

Kino.de Redaktion |

Auf der anderen Seite Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Fatih Akin über…

… SPORTLICHE HERAUSFORDERUNGEN

Ich habe mich so sehr in der Arbeit an GEGEN DIE WAND verausgabt, dass ich nach der Fertigstellung keine Ahnung hatte, was ich als nächstes machen sollte. Bei meinen vorherigen Filmen wusste ich immer, längst bevor die aktuelle Produktion abgeschlossen war, was danach kommen würde. Und jetzt sah ich mich plötzlich in der beschissenen

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Lage, nicht meinen nächsten Schritt zu kennen. Ironischerweise wurde GEGEN DIE WAND auch noch zu einem Riesen-Erfolg für mich. Das hatte ich nicht erwartet. So groß der Erfolg auch war, er hat mir in meiner Situation nicht besonders geholfen. Er hat mich sogar zusätzlich blockiert. Ich verspürte den Druck, mich künstlerisch gegenüber GEGEN

DIE WAND verbessern zu wollen. Ich musste mir selbst beweisen, dass GEGEN DIE WAND noch nicht der Gipfel dessen war, was ich konnte. Ich beziehe viele Dinge auf den Sport, und so dachte ich mir, dass es mit der ersten Runde noch nicht getan war. Ich sah mich also vor der Herausforderung, GEGEN DIE WAND zu toppen. Schneller zu sein als Carl

Lewis. Ben Johnson zu sein.

… VATERSCHAFT

Vater zu werden hat mich stark geprägt. Mein Sohn wurde 2005 geboren. Plötzlich musste ich mich verantwortlicher verhalten und mehr über Morgen nachdenken. Vorher war ich eher so ein Rock’n’Roll-Typ. Die Geburt meines Sohnes hat mir viel von dem Druck genommen, unter dem ich stand. Und auf jeden Fall hat es sich auf mein Schreiben

ausgewirkt. An einer Hamburger Universität zu lehren, meine Erfahrungen mit Studenten zu teilen, auch das hat geholfen. Schließlich die Arbeit an meinem Dokumentarfilm CROSSING THE BRIDGE: ein wunderbarer Ausgleich. In die Türkei zu fahren, all die Musiker zu treffen und mit ihnen Erfahrungen austauschen zu können … es war wie eine Therapie.

… HAUSAUFGABEN

Filme machen, sich im Zusammenhang des Kinos zu bewegen, macht einen Großteil meines Lebens aus. Aber das verblasst neben Ereignissen wie Geburt, Liebe und Tod. Um wirklich erwachsen zu werden, das war mein Gefühl, würde ich drei Filme machen müssen. Von mir aus soll man es eine Trilogie nennen, aber eigentlich sind sie nur darüber verbunden, weil in ihnen die Liebe, der Tod und das Böse thematisiert werden. GEGEN DIE WAND rückte die Liebe ins Zentrum. AUF DER ANDEREN SEITE handelt vom Tod. Tod in dem Sinne, dass mit jedem Tod auch etwas geboren wird. Tod und Geburt öffnen Türen zu anderen Dimensionen. AUF DER ANDEREN SEITE führte mich, glaube ich, auf eine andere Ebene. Aber noch fehlt etwas, und das wird der dritte Film beisteuern, in dem es ums Böse geht. Ich habe den Eindruck, dass ich etwas zu Ende erzählen muss. Diese drei Filme sind so eine Art Hausaufgabe, die ich erledigen muss. Danach kann ich wieder losziehen. Vielleicht etwas anderes machen. Vielleicht Genre-Filme? Einen Film Noir? Einen Western. Vielleicht sogar Horror.

… DIE KUNST ZU LIEBEN

Erich Fromms Buch „Die Kunst zu lieben“ hat mich sehr beeinflusst. Ich bin fasziniert von menschlichen Beziehungen. Nicht nur auf der Ebene von „Boy Meets Girl“ oder wenn es um Sexualität geht. Auch die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind unglaublich spannend. Oder ganz andere Verhältnisse zwischen Personen. Ich glaube, dass alle Kriege in der Welt daher rühren, dass die Menschheit nicht weiß, wie es geht, sich zu

lieben. Ich glaube, dass das Böse ein Produkt der Faulheit ist. Es kostet einfach weniger Aufwand, Menschen zu hassen, als sie zu lieben.

… DREHARBEITEN IN DER TÜRKEI

Die Dreharbeiten für AUF DER ANDEREN SEITE begannen am 1. Mai 2006. Die Szenen drehten wir dort, wo sie auch spielten: erst in Bremen und Hamburg, dann in Istanbul, an der Schwarzmeerküste und in Trabzon. Die letzte Klappe fiel zehn Wochen später. Für einen Filmemacher bietet die Türkei wunderbare Drehorte. In Deutschland zu drehen, ist sehr viel weniger interessant. Es kann sehr reizvoll sein, aber man muss schwer nach seinem Ort suchen – oder man muss ihn sich selbst herstellen. Das Licht in Istanbul ist außergewöhnlich, allein wegen der geographischen Lage. Für mich ist das Drehen in Istanbul so, als würde ich in New York drehen. Die beiden Städte sind einander sehr ähnlich: gut zu fotografieren und kosmopolitisch. Jede der beiden Städte ist eine Megalopole. Ich liebe es, in Städten zu drehen. Ich bin einfach ein Großstadt-Kind. Da kenne ich mich aus. In AUF DER ANDEREN SEITE ist die Stadt eigentlich ein weiterer Darsteller. Da Lotte als Deutsche dessen Sprache nicht spricht, fühlt sie sich völlig verloren, als sie mit Istanbul konfrontiert wird. Doch ich wollte dieses harte, abweisende Bild des Städtischen auch brechen, indem es immer wieder Szenen gibt, die auf dem Land angesiedelt sind oder an der Küste.

… DAS FELD ZWISCHEN ZWEI KULTUREN

Ich habe einen türkischen Hintergrund. Ich habe einen deutschen Hintergrund, und ich befinde mich zwischen zwei Kulturen. In Europa ging ich zur Schule, aber meine Eltern brachten mir auch Türkisch bei. Die türkische Kultur war immer Teil meines Lebens. Schon als Kind bin ich mit meiner Familie jeden Sommer in die Türkei gefahren. Da ich mich selbst zwischen den Kulturen bewege, ist es nur natürlich, dass dieses „Dazwischen“ in meinen Filmen auch vorkommt.

… SEINE HASS-LIEBE ZUR TÜRKEI

Ich fühle mich in Hass-Liebe mit der Türkei verbunden – ein sehr kompliziertes Verhältnis. Mein Interesse für die Türkei verstärkte sich nach meinem Studium. Das war 1995. Ein Jahr später drehte ich meinen Kurzfilm GETÜRKT. Er entstand in der Türkei, und bei dieser Arbeit sah ich ein anderes Gesicht der Türkei, eines, das mich mehr und mehr faszinierte. Ich wurde türkischer. Mit jedem Film-Meter, den ich in der Türkei drehe, versuche ich, das Land besser zu verstehen. Aber je besser ich es verstehe, desto größer wird auch meine Trauer. Ich hasse die Politik, ich hasse den Nationalismus. Man schaue sich nur an, was sich in diesem Land abspielt. Geschichte als eine Schleife fortwährender Wiederholungen. Die gleichen Fehler immer und immer wieder. Ich liebe es, in diesem

Land zu sein und dort zu drehen, aber die Türkei saugt auch gierig die Energie aus einem heraus, sie kostet Schweiß und Tränen.

… TÜRKISCHE BÜROKRATIE

Das Bild, das ich von der türkischen Bürokratie in diesem Film zeichne, ist nicht bösartig. Ich zeige kafkaeske Zusammenhänge. Ich übe noch nicht einmal Kritik. Ich habe einige Tatsachen zusammengestellt. Ohne weiteren Kommentar. Im Film, wenn die politischen Aktivisten in Gegenwart von Ayten festgenommen werden, hat die zufriedene Menge applaudiert. Das Traurige daran ist aber, dass es sich ohne weitere Anweisungen genau so zugetragen hat. Die Menge klatscht, wenn Menschen, die als Staatsfeinde gelten, verhaftet werden. Der Faschismus erfreut sich bester Gesundheit in den Straßen von Istanbul.

… DIE TÜRKISCHE FLAGGE

Es gibt jede Menge türkische Flaggen in AUF DER ANDEREN SEITE. Wenn es Ihnen Spaß macht, versuchen Sie sie zu zählen. Die Nationalisten werden das vielleicht als ein Zeichen meiner Liebe zur Türkei deuten. Tatsache aber ist, dass keine einzige dieser Fahnen von uns ist. Sie sind alle schon da gewesen. Wir haben die Locations so aufgenommen,

wie sie waren. Mag sein, dass ich dabei zu weit gegangen bin.

…INTELLIGENZ UND WAS DARAN SEXY IST

Ich glaube, dass Intelligenz sexy ist. Aus diesem Grund ist Nejat in meinem Film ein Professor. Ein Germanistik-Professor türkischer Herkunft bricht einfach mit bestimmten Klischees, die sich in Deutschland immer noch halten. Türken spielen im heutigen Deutschland eine signifikante Rolle, sowohl in der Kultur, wie in Politik und Wissenschaft. Die wenigsten machen die Straßen unsicher. Für Yeter ist Bildung wichtig genug, dass sie sich prostituiert, um ihrer Tochter den Zugang dazu zu eröffnen. Dieses Bedürfnis nach

Wissen kann Nejat nachempfinden. Mir gefiel die Ironie, dass Nejat, wenn er nach Istanbul reist, dort den Buchladen eines deutschen Intellektuellen übernimmt.

… BILDUNG UND WIE SIE DIE WELT RETTEN KANN

Die Fähigkeit zu lesen, Bildung spielt eine wesentliche Rolle in diesem Film. Ein Buch ist der wesentliche Grund für den Konflikt zwischen Nejat und seinem Vater. Welches Buch sollte ich nehmen? Es war eine schwere Entscheidung für mich. Ich wollte weder „Siddharta“ noch „Der kleine Hobbit“ oder irgendetwas ähnliches, um mich so einfach

nur bei der großen Message des Buches zu bedienen. So kam ich dazu, dass ich einfach das phantastische Buch eines Freundes nehmen würde: „Die Tochter des Schmieds“ von Selim Ozdogan. Der Zusammenhang mit AUF DER ANDEREN SEITE ist das Thema des Lesens. Lesen steht für Bildung, und Bildung kann die Welt retten.

… ÜBER HANNA UND TUNCEL

Ich stellte mir diese deutsche Mutter vor, die nach Istanbul kommt und nach ihrer vermissten Tochter sucht. Es war ein Bild, das mir schon sehr früh vorschwebte, und immer verband es sich mit Hanna Schygulla. Wir sind uns 2004 in Belgrad begegnet, und seitdem war ich von ihr verzaubert. Ich war wirklich besessen von der Idee, mit ihr zu

arbeiten. Einige Journalisten haben meine Entwicklung mit der von Fassbinder verglichen,

was ich selbst nicht so sehe. Ich komme von der Straße, nicht vom Theater. Mein Hintergrund ist eher Yilmaz Güney: unabhängig sein, gegen die Norm. Was Fassbinder für Hanna Schygulla war, bedeutet Güney für den Schauspieler Tuncel Kurtiz, den ich auch unbedingt in AUF DER ANDEREN SEITE dabei haben wollte. Aber es ging mir weder darum,

sie als Ikonen aus den Filmen von Fassbinder oder Güney zu zitieren, noch hatte ich den Ehrgeiz, sie so einzusetzen, wie es vielleicht noch niemand zuvor getan hat. Mit solchen eitlen Überlegungen wollte ich mich bei der Regie nicht belasten. Ich sehe meinen Job darin, eine Geschichte zu erzählen. Und sowohl Hanna wie Tuncel passten in meine Vorstellung, die ich für die beiden Elternfiguren entwickelt hatte.

… SAMPLING

Eine Herausforderung für mich als Filmemacher besteht darin, Wiederholungen zu vermeiden. Ich mag es, mich selbst und so auch das Publikum zu überraschen. Ich hoffe, dass all meine Filme sich voneinander unterscheiden. Die Ideen, die ich habe, fallen alle gleichzeitig über mich her, und alle kommen sie aus vielen unterschiedlichen Richtungen. Manche werden auch einem Recycling unterzogen, oder sagen wir, einem Sampling, wie

beim Hip Hop – eine Musik, die ich liebe. Im Hip Hop werden auch bekannte „bass lines“ benutzt, um etwas Neues zu erschaffen, und gleichzeitig ist dieses Aufarbeiten eine Art Hommage. Einige der Themen in AUF DER ANDEREN SEITE sind aus solchem Sampling entstanden. Die Figur der politisch aktiven Ayten etwa beruht auch auf der Begegnung mit den kurdischen Musikern, die in CROSSING THE BRIDGE mit dabei waren. Hier im Westen müssen wir nicht mehr für Redefreiheit kämpfen. Aber in der Türkei ist diese Auseinandersetzung noch in vollem Gang.

… ÜBER LEIDENSCHAFT UND WAS DARAN SEXY IST

Der leidenschaftliche Einsatz für eine Sache ist sexy. Und ich wollte für meinen Film eine Hauptfigur, die in diesem Sinne sexy ist. Ayten ist sehr emotional. Sie kennt die Straße, und sie ist sehr attraktiv. Sie ist eine politische Person. Zuerst fühlte sich die Schauspielerin Nurgül Yeilçay mit dem politischen Hintergrund ihrer Figur nicht besonders wohl. Als sie dann aber zugesagt hat, hat sie ihn bis ins Detail angenommen. Ich war fasziniert, wie gut sie diese Ayten kannte. Ayten ist so etwas wie eine weibliche Version von mir selbst. Sie glaubt ganz fest an etwas, doch später überrascht sie sich selbst, wenn sie plötzlich ganz andere Ideen hat.

… SEINE POLITISCHE HALTUNG

Ich will die Welt ändern – bin ich politisch? Mein Film hofft, dass sich die Welt ändert – ist er politisch? Wahrscheinlich eher philosophisch, aber ich glaube, alles in der heutigen Welt hat einen Bezug zur Politik. In den Zeiten, in denen wir leben, ist es meiner Meinung nach unmöglich, das Leben von der Politik und diese von der Kunst zu trennen. Ich glaube an die Sachen, an die ich glaube, aber morgen sehe ich viele Sachen vielleicht auch anders. Ich versuche, nicht dogmatisch zu sein. Woran Menschen auch immer glauben – sei es religiös oder politisch – alles hat seine Grenzen, und alles führt in eine Richtung. Ich wollte einen Film darüber machen, wie man durch all das hindurch geht, und

schließlich auf der anderen Seite ankommt. Ich wollte diesen Film mit einer gewissen Distanz machen, als ein Betrachter von außen. Aber es schien nicht möglich. Manchmal gibt nicht der Kopf die Richtung vor. Ich vermute, es ist eher ein anderer Teil meiner selbst, einer der sehr viel irrationaler ist. Vielleicht das Herz.

… DEUTSCHLAND UND DIE TÜRKEI

Als Deutsche verkörpern Susanne und Lotte die Europäische Union, während Ayten und Yeter für die Türkei stehen. Alles, was in AUF DER ANDEREN SEITE geschieht, ist Ausdruck der Beziehungen zwischen diesen beiden Systemen. Ich hatte einigen Spaß beim Streit zwischen Susanne und Ayten über die Europäische Union. Wo ich in diesem Zusammenhang

stehe, ist dabei gar nicht so wichtig. Ich habe diesen Dialog auf Basis meiner Erinnerung an viele Diskussionen in meiner unmittelbaren Umgebung geschrieben. Am Ende meines Films haben die Deutsche Susanne und die Türkin Ayten viele Erfahrungen gemacht, die ihr Denken und Fühlen massiv verändert haben. In der Szene am Schluss,

als sich Ayten und Susanne in der Buchhandlung umarmen, habe ich erst im Schnitt bemerkt, dass es hinter den Frauen zwei kleine Fähnchen zu sehen gibt: ein türkisches und ein deutsches. Mein Freund und Partner Andreas Thiel, der während der letzten Woche der Dreharbeiten gestorben ist, hatte sie dort hingestellt. Das steht für etwas. Ich glaube, AUF DER ANDEREN SEITE ist auch ein Film über das Verhältnis der beiden Länder zueinander.

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