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Hintergrund: In den Jianghu

Der Jianghu – wörtlich „Flüsse und Seen“ – ist das Paralleluniversum, in dem Martial Arts Geschichten spielen. Es ist ein Universum, das sich oft mit unserem überschneidet: Manchmal tauchen darin reale historische Figuren auf und oft kommen reale Orte und Ereignisse vor. Die wuchernde Ansammlung von Charakteren in Martial Arts Romanen spiegelt die Schwierigkeiten von realen Großfamilien in der Konfuzianischen Tradition, genauso wie die Fehde und Rivalitäten zwischen einzelnen Gruppen die Auseinandersetzungen und Kriege zwischen Klans spiegeln, die es schon immer in der Chinesischen Geschichte gab.

Aber es gibt auch entscheidende Unterschiede zwischen dem jianghu und der Welt, wie wir sie kennen. Viele Aspekte der sozialen Ordnung sind abwesend, und Individuen – sowohl die heldenhaften als auch die anderen – definieren ihre eigene Moral. Die Charaktere sind meistens über- (oder unter-) lebensgroß, durch die Kontrolle ihres eigenen qi (der Lebensenergie) sind sie zu übermenschlichen Taten in der Lage und das Geschlecht ist irgendwie etwas fließender als in der Alltagswelt. Exotische Kampfkunstfertigkeiten sind aufs Fantastischste ausgeklügelt und diejenigen, die sie beherrschen, geben sich ebenso exotische und fantastische noms de guerre, wie etwa „Heimtückischer Herrscher des Ostens“ oder „Heimtückischer Herrscher des Westens“. Übernatürliche Kräfte können auch ins Spiel kommen. Am auffälligsten ist, dass die üblichen physikalischen Gesetze aufgehoben werden können: Wenn es drauf ankommt, können diese Leute fliegen.

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Das literarische Genre geht mindestens bis zur Ming Dynastie (1368-1644 nach Christus) zurück, als zahlreiche mündlich überlieferte Geschichten über die Helden eines rebellischen Aufstands gegen die Regierung der Nördlichen Song Dynastie (960-1126 nach Christus) in Prosamärchen formalisiert wurden, die The Water Margin oder Outlaws of the Marsh heißen. (Louis Cha situiert seine eigenen Martial Arts Romane ausdrücklich in einer Tradition, die auf der mündlichen Überlieferung der Song Dynastie basiert.) Jianghu Geschichten wurden in der späten Qing Dynastie und im frühen republikanischen China (Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts nach westlicher Zeitrechnung) unglaublich populär und bis in die späten 1920er Jahre wurden viele von ihnen fürs Kino adaptiert. Tatsächlich waren wuxia pian – „Ritterkampffilme“– das populärste rein chinesische Genre, das von der shanghaischen Filmindustrie produziert wurde. Einige Geschichten spannten sich über zwanzig oder mehr spielfilmlange Episoden. Das Genre wurde 1931 durch Chiang Kai Sheks Kuomintang Regierung (KMT) verboten, da es angeblich Aufruhr und Gesetzlosigkeit förderte.

Die kommunistische Regierung, die 1949 in China an die Macht kam, war dem Genre nicht freundlicher gesinnt als die KMT, jedoch erlebten jianghu Romane und Filme im Hongkong der 1950er ein schwungvolles Comeback – ein Beispiel, dem Taiwan bald folgte. Jin Yong (Louis Cha) begann 1955 seine jianghu Romane als Fortsetzungen zu schreiben und erreichte damit eine ungeheure Popularität und wurde allmählich zum größten Autor, den dieses Genre jemals hervorgebracht hat. Etwas weiter unten in diesem Pantheon sitzt der taiwanesische jianghu Autor Gu Long, der im Westen vor allem für eine lange Reihe an Filmen bekannt ist, die Chu Yuan bei den Shaw Brothers in den 1970er und 1980er Jahren nach seinen Büchern drehte. Und während diese neuen Romane erschienen, wurden viele Klassiker aus den 1930er Jahren wieder aufgelegt und erreichten so eine neue Generation an Fans und Genrehistorikern.

Seine volle Blüte erreichte das wuxia Filmgenre Mitte der 1960er Jahre, als King Hu Come Drink With Me (1965) und Zhang Xinyan & Fu Qi The Jade Bow (1966) drehten. King Hu erhob daraufhin die Tradition in Taiwan mit Dragon Gate Inn (1966) und A Touch of Zen (1969) in neue Höhen, während Zhang Che und andere Regisseure bei den Shaw Brothers in Richtung Macho und mehr Blut drängten und damit den Weg frei machten für die waffenlosen kung-fu Filme der 1970er, mit denen Bruce Lee und Jackie Chan weltberühmt wurden. Die alten Genretraditionen wurden von „New Wave“-Regisseuren wie Tsui Hark wiederbelebt, dessen Regiedebüt der jianghu Klassiker The Butterfly Murders (1979) war und dessen erste teure Special Effects Extravaganza Zu: Warriors from the Magic Mountain (1983) von einem Martial-Arts-Roman von Li Shanji inspiriert war, der erstmals 1930 veröffentlicht wurde.

In den letzten Jahren fand dank Wong Kar Wai, Ang Lee und Zhang Yimou auch ein viel größeres westliches Publikum seinen Weg ins jianghu. Ashes of Time (1994) und Crouching Tiger, Hidden Dragon („Tiger & Dragon“, 2000) sind Filme, die sich an ihren Genrevorgängern orientieren und den jianghu zugleich mit modernen Ideen über Psychologie, Sexualität und existentielle Einsamkeit bereichern. Zhang Yimous Hero (2002) und House of Flying Daggers (2004) verdanken Genrevorbildern weniger als der einfallsreichen Neuinterpretation chinesischer Geschichte, trotzdem sind sie im jianghu verwurzelt. So oder so, der jianghu herrscht.

Hintergrund: Louis Cha

Louis Cha veröffentlichte zwischen 1955 und 1972 zwölf Martial Arts Romane unter dem Pseudonym Jin Yong. Die Geschichten erschienen zuerst als Fortsetzungsromane in Zeitungen und wurden später in Buchform publiziert, in bis zu fünf Bänden. Anders als einige andere Autoren dieses Genres verankert Cha seine Handlungen immer in historisch spezifischen Zeiten. Seine Romane wurden unzählige Male adaptiert – als Filme, Fernsehserien, Graphic Novels und zuletzt auch als Computerspiele. Der dritte dieser Romane war The Eagle-Shooting Heroes (1957-59), der in vier Bänden erschien und die Figuren Dongxie (Heimtückischer Herrscher des Ostens) and Xidu (Heimtückischer Herrscher des Westens) enthielt. In Ashes of Time hat Wong Kar Wai diese zwei Charaktere aus Chas Handlung – mit ein oder zwei anderen, wie Hong Qi – weiterentwickelt und sich ausgemalt, wie sie als junge Männer hätten sein können.

Louis Cha wurde 1924 in der chinesischen Provinz Zhejiang geboren. Er wurde in Hongkong nach dem Krieg als Gründer und Herausgeber der chinesisch-sprachigen Zeitung Ming Pao Daily News bekannt – sie ist noch immer die meistrespektierte und maßgebliche unabhängige Tageszeitung in Hongkong. Neben seinen Romanen unter dem Pseudonym Jin Yong hat er politische Kommentare sowie journalistische und historische Essays geschrieben. Er hat in diversen öffentlichen Funktionen gedient und eine aktive Rolle in Hongkongs Intellektuellenkreisen gespielt. Kurz vor der Rückgabe Hongkongs an China zog er sich aus seinem Verlagsimperium zurück.

Der außergewöhnlich kultivierte Mann, durchdrungen von Chinas Geschichte, ist auch Dozent für Buddhismus. Er ist Wynflete Fellow des Magdalen College in Oxford und ein Honorary Fellow des St. Antony’s College in Oxford. Er hat einen Ehrendoktor der Sozialwissenschaft an der Universität von Hongkong und einen Ehrendoktor in Literatur an der University of British Columbia in Kanada. Queen Elizabeth II verlieh ihm den Order of the British Empire und Frankreich machte ihm zum Ritter der Ehrenlegion.

Trotz dieser zahlreichen Auszeichnungen bleibt sein fiktionales Werk bis heute in den meisten westlichen Abhandlungen über asiatische Literatur unerwähnt. Das liegt zum Teil daran, dass englische Übersetzungen erst seit 1993 erscheinen und zum Teil mit Sicherheit auch an versnobten Vorurteilen gegenüber Genreliteratur. Doch die weltweit in chinesischen Gemeinden verehrten „Jin Yong“-Romane führen eine sehr alte chinesische mündliche und literarische Tradition fort. Neben ihrem Unterhaltungswert sind es kluge und raffinierte Kommentare auf philosophische Traditionen des Buddhismus und Taoismus und Analysen des fortlaufenden Kampfes für eine reife kulturelle Identität Chinas.

Director’s Notes zur 1994er Version des Films

Im Winter 1992 schlug jemand vor, dass ich Louis Chas berühmten Martial Arts Roman The Eagle-Shooting Heroes verfilmen könnte. Ich las noch mal alle vier Bände und beschloss, nicht den Roman zu adaptieren, sondern eine neue Geschichte über die frühen Jahre von zwei der Hauptfiguren zu entwickeln, Dongxie (Herrscher des Ostens) und Xidu (Herrscher des Westens). Im Buch tauchen beide nur als alte Männer auf. Ich wählte diese beiden, weil sie völlig entgegengesetzte Persönlichkeiten haben. Man kann sich den einen als die Antithese des anderen vorstellen.

Martial Arts Geschichten haben eine lange Tradition in der chinesischen Literatur. Vor allem in unruhigen Zeiten waren sie immer sehr populär, etwa während des Bürgerkriegs zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder während des Chinesisch-Japanischen Kriegs oder im Hongkong der 1950er Jahre. Das könnte daran liegen, dass die Welt, in der diese Geschichten spielen, der jianghu, erfunden ist und darin Werte nur in ihrer absoluten Form existieren. Es ist auch eine Welt, in der das einzige Gesetz das Gesetz des Schwertes ist. Und die Geschichten handeln von Helden.

Ich habe versucht, ein wenig vom traditionellen Martial Arts Genre abzuweichen. Anstatt diese Charaktere wie Helden zu behandeln, wollte ich sie wie normale Menschen sehen – in der Phase, bevor sie zu Helden werden.

Es gibt auch einen bedeutenden Unterschied zwischen ASHES OF TIME und meinen anderen Filmen. Normalerweise starte ich mit dem Anfang einer Geschichte oder mit bestimmten Figuren, und entwickle erst während des Drehs allmählich, wohin die Story geht und wo sie endet. In diesem Fall wusste ich aber bereits, wohin sich diese Charaktere entwickeln und ich konnte nichts daran ändern. Das durchtränkte sowohl mich als auch den Film mit einer Art Fatalismus. Nachdem der Film nun fertig ist und ich versuche, mich an die ganze Erfahrung der Dreharbeiten zu erinnern, fallen mir ein paar Zeilen des Buddhistischen Kanons ein und ich habe beschlossen, sie als Vorwort für den Film zu benutzen:

“Die Fahne ist still. Der Wind ist ruhig. Es ist das Herz des Mannes, das in Aufruhr ist!“

(Wong Kar Wai, 1994)

Director’s Notes zur 2008er Version des Films

Im Laufe der Jahre fiel mir auf, dass etliche unterschiedliche Versionen von ASHES OF TIME im Umlauf sind, von denen ein paar von mir genehmigt waren und einige nicht. Um diesen Zustand zu beheben, beschlossen wir, das Projekt noch einmal anzupacken und die endgültige Version zu kreieren.

Als wir mit der Arbeit begannen, mussten wir feststellen, dass die Originalnegative und das Tonmaterial in Gefahr waren: Das Labor in Hongkong, wo sie gelagert waren, wurde plötzlich ohne Vorwarnung geschlossen. Wir retteten so viel wie möglich, aber die Negative waren kaputt. Wir begannen bei verschiedenen Verleihern, die den Film herausgebracht hatten, nach Kopienmaterial zu suchen. Wir suchten sogar in Lagerräumen von Chinatown Kinos im Ausland. Dabei stellten wir fest, dass in Städten, wo Hongkong Filme gezeigt worden waren, die Lagerräume der chinesischen Viertel mit Hunderten von Filmkopien gefüllt waren. Als wir das Material durchforsteten, entfaltete sich vor uns die Saga vom Auf und Ab des Hongkongkinos der letzen Jahrzehnte. Und zu dieser Filmgeschichte gehört natürlich auch ASHES OF TIME.

Wir gründeten unsere Produktionsfirma Jet Tone Films 1992 und ASHES OF TIME war unser erstes Projekt. Ich habe immer bedauert, wie wir damals ASHES OF TIME realisieren mussten und dabei nicht die technischen Standards erreichen konnten, die der Film gebraucht hätte. Jetzt, 15 Jahre später, will ich das wieder gutmachen.

Es ist kompliziert, einen Traum zu wiederholen, der über 15 Jahre alt ist. Neue Technologie hilft in vielen Fällen, aber nicht immer. Ich musste mich davon abhalten, den Film durch den Filter von Erfahrungen und Veränderungen zu sehen, die ich in den Jahren seitdem gemacht habe. Ich wollte nur den Film realisieren, der er immer sein sollte, und ich akzeptiere seine Werte, sollte er welche haben, ebenso wie seine Fehler.

(Wong Kar Wai, 2008)

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    Kino.de Redaktion  

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