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Aprile

Kinostart: 05.11.1998

Filmhandlung und Hintergrund

Intellektuelles, emotionales, banales und überaus witziges Reality-Essay von und mit Nanni Moretti.

Der Wahlsieg der Linken und die Geburt seines Sohnes Pietro, prägende Erlebnisse im Leben von Nanni, geschehen im April. Neben den ihn überfordernden Vaterpflichten, die ihn beanspruchen, will Nanni aber auch einen politischen Dokumentarfilm über die Lage der Nation drehen, nachdem er seine ursprüngliche Idee, ein Musical um einen Konditor, aufgegeben hat.

Intellektuelles, emotionales, banales und überaus witziges Reality-Essay von und mit Nanni Moretti.

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Kritikerrezensionen

  • Aprile: Intellektuelles, emotionales, banales und überaus witziges Reality-Essay von und mit Nanni Moretti.

    Vier Jahre nach „Liebes Tagebuch“ erfrischt Nanni Moretti mit einem neuen höchstpersönlichen und wunderbar leicht inszenierten Film. Privates und Politisches verbindet er diesmal zu einem liebevoll reflektierenden, aber auch nicht unpolemischen Report über den Niedergang der Rechten und die Erwartungen an die Linke nach ihrem Wahlsieg in Italien. Zur Zeit dieses Wahlsieges, im April 1996, wird sein Sohn Pietro geboren. Nanni, der Ich-Erzähler in „Aprile“, will einen politischen Dokumentarfilm drehen, aber gleichzeitig ein perfekter Vater sein. Wie er Familie, die Arbeit und die Politik miteinander verbindet und durcheinander bringt, ist mit viel Witz und ehrlichem Engagement erzählt. Junge Leute dürften daran mindestens so viel Spaß haben wie Morettis Generation der Mittvierziger und noch Ältere.

    Nanni Moretti bezieht in all seinen Filmen einen eigenen, subjektiven Standpunkt zu der ihn unmittelbar umgebenden und betreffenden Wirklichkeit. Die Tatsache, daß er selbst sein eigener Hauptdarsteller ist, bemäkeln Kurzdenkende gern als eitlen Exhibitionismus. Das Gegenteil ist der Fall: Subjektivität heißt auch Identität mit der eigenen Person und damit Ehrlichkeit. Die Angriffsflächen sind dabei ebenso groß wie die Möglichkeiten zu Distanz und Anerkennung. Das macht die Auseinandersetzung mt Morettis Filmen so vergnüglich.

    „Aprile“ beginnt mit einem rückblickenden Moment der Wut im Bauch: Berlusconis Wahlsieg am 28. März 1994. Nanni (seit „Liebes Tagebuch“ tritt Moretti unter seinem eigenen Namen und nicht mehr als Michele Apicella auf) sitzt vor dem Fernseher und raucht aus Zorn einen dicken Joint, zum erstenmal in seinem Leben. Man beginnt wieder, in Italien über den Widerstand zu reden. Nanni filmt in Mailand die Demonstration zum Jahrestag der Befreiung am 25. April. Im Herbst 1995 aber hat er bereits wieder andere Ideen: sein seit Jahren geplantes Musical über einen trotzkistischen Konditor zu drehen. Da überrascht ihn seine Frau Silvia mit der Mitteilung, daß sie schwanger ist. Nanni kann sich nicht mehr auf den Konditor-Film konzentrieren und vertagt ihn ein zweites Mal.

    Die Mischung aus Politik, Profession und Privatem kombiniert Moretti zu einer vitalen Wechselwirkung, Und die Geschichte, die er uns kurzweilig in der geradezu munter machenden Filmkürze von 78 Minuten erzählt, hat bei aller fabulierenden Inszenierungskraft immer wieder Momente von authentisch dokumentarischer Überzeugung. Wenn Nanni beispielsweise in Venedig bei der Unabhängigkeitserklärung Padaniens dreht oder in Apulien, wo ein Schiff mit albanischen Flüchtlingen gesunken ist und viele Passagiere in den Tod gerissen hat, haben auch die Kinozuschauern Gelegenheit, sich zu erinnern. Darum geht es Moretti in all seinen Filmen, und jetzt in „Aprile“ kommt er, vielleicht dank seiner offensichtlichen glücklichen Stimmungslage als erstmaliger Vater, völlig ohne Agitation und moralisierende Bitterkeit aus. Die Polemik steht nicht mehr im Vordergrund, sondern ist zwischen den Zeilen erkennbar. Moretti hält Augenblicke unserer jüngsten Geschichte fest, weil er sie vor allem selbst im Gedächtnis behalten will. Das ist im Film sehr genau zu spüren.

    Wenn im April 1996 sein Sohn geboren wird und die Linke die italienischen Wahlen gewinnt, ist Nanni glücklicher Vater und froher Bürger. In den ersten lebensmonaten des kleinen Pietro erzählt der schon bald von der neuen Regierung enttäuschte Papa dem Baby vor dem Einschlafen von Politikern, Senatoren, Ministern. Da gibt es nicht nur Momente herzlichen, sondern auch schwarzen Humors. Damit geht Moretti in „Aprile“ ohnehin lustvoll souverän um - wenn er beispielsweise Zeitungsausschnitte mosaikartig zu einer überdimensionalen Gazette zusammensetzt und sich selbst in diesem Meer von gedruckten Nachrichten wie in einer idyllischen Blumenwiese niederläßt. Einen pointierteren visuellen Gedanken zum Thema Mediensatire kann man sich kaum vorstellen.

    „Aprile“ endet im August 1997, Morettis 44. Geburtstag. Die linke Regierung hatte viele Erwartungen enttäuscht. Und Nannis in der Filmmitte geäußerte Überlegung, daß man auch als Vater Grund hat, erwachsen zu werden, findet nun am Ende ihre schöne Entsprechung in dem Beschluß, nur das zu filmen, was ihm gefällt. Und so kommt es doch noch zu dem 50er Jahre Musical über den trotzkistischen Konditor. Nanni Morettis Kunst, Kino und Leben zu lebendigem Kino zu verbinden, ist im europäischen Film ziemlich einzigartig. Und trotz aller Authentizität, Selbstbespiegelung und Selbstironie - jeder spielt sich in „Aprile“ selbst - gibt es nichts Voyeuristisches und Exhibitionistisches in diesem intellektuellen, emotionalen, witzigen Reality-Essay. Morettis Spezialeffekte sind die Menschen - Spannung und Spaß sind dabei garantiert. fh.

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