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Über den Film

Wenn man sich das Alter jenseits des siebzigsten Lebensjahres vorstellt, denkt man in der Regel an Menschen mit gebeugtem Gang, röchelndem Atem und müdem Blick. An Menschen in unförmigen Kleidungsstücken, die sich in dunklen Wohnungen verkriechen. Doch das Bild der Alten erlebt derzeit einen kräftigen Wandel. Immer häufiger kann man auf der Leinwand dabei zusehen, wie sich verhuschte graue Großmütter in begehrte Frauen verwandeln, wie ein Funkeln in ihre Augen zurückkehrt und ein Glanz auf ihre Wangen: etwa in Filmen wie „Die Mutter – The Mother“ („The Mother“, 2003) und „Wolke 9“ (2008), um nur wenige zu nennen. Statt sich zu verstecken, treten die modernen Alten in gleißendem Rampenlicht auf die Bühne, und statt sich den Mund verbieten zu lassen, singen sie aus vollem Halse, so wie die britische Rentnerband „The Zimmers“, die gerade ihr erstes Album aufgenommen hat. Oder wie der 1982 gegründete Seniorenchor „Young@Heart“, dem nach vielen Auftritten in Amerika und Europa ein gleichnamiger Dokumentarfilm gewidmet wurde. Man könnte, analog zur Studentenbewegung der Jungen, von einem „Aufstand der Alten“ reden, und tatsächlich bekommen Songs wie „Should I Stay or Should I Go?“, „Forever Young“, „Staying Alive“ oder „I Feel Good!“ eine ganz neue Bedeutung, wenn sie nicht von feurigen Rockstars, sondern von betagten Chorsängern intoniert werden. Statt ein jugendliches Lebensgefühl zu beschwören, mobilisieren sie die Rebellion gegen Krankheit und Siechtum, gegen Gebrechlichkeit und Tod.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass das Alter eine eher trübsinnige Angelegenheit war, vor allem im amerikanischen Kino mit seiner Leidenschaft für makellose Schönheit und unbefleckte Jugend. Mit fortschreitendem Alter schwinden die Energien, der Ehrgeiz, die Eitelkeit, die Ansprüche – jedenfalls meinte man das noch bis vor Kurzem. Doch inzwischen regt sich etwas in den festgefahrenen Bildern von der älteren Generation. Das hat vor allem damit zu tun, dass die heutigen Alten bewusster leben, dass sie aktiver und sportlicher sind und deshalb auch attraktiver. Vor zwanzig Jahren bedeutete es noch etwas ganz anderes als heute, vierzig, fünfzig, sechzig oder gar achtzig zu sein. Entsprechend dauert das Alter auch viel zu lang, um es achtlos vergehen zu lassen. Auf fade Vergnügungen wie Kaffeekränzchen und Butterfahrt wollen sich die modernen Senioren jedenfalls nicht länger beschränken, sie wollen die Welt nicht mehr nur vom Fenster oder von der Parkbank aus sehen.

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Das Pensionsalter ist heutzutage kein Grund mehr, sich unförmig zu kleiden, triste Kittelschürzen zu tragen und sich in abgedunkelten Räumen zu verstecken, um dort auf einen Gnadenbesuch der Kinder oder in der Kneipe nebenan auf den nächsten Weinbrand zu warten. Resignation und Langeweile sind out, die neuen Alten wagen Experimente, sie verlieben sich, sie ziehen in die Welt hinaus, erkunden und genießen ihre Wunder. So beispielweise Jack Nicholson, der sich in Alexander Paynes „About Schmidt“ (2002) im Wohnmobil auf eine Art Initiationsreise quer durch Amerika begibt, oder Horst Krause in „Schultze Gets the Blues“ (2003), der sich in einer schlaflosen Nacht von ungewohnten Zydeco-Klängen zu einer Reise in den amerikanischen Süden verlocken lässt. Oder Fritz Wepper, der sich in Doris Dörries „Kirschblüten – Hanami“ (2008) zu einem Aufbruch nach Japan entschließt.

Hollywood hat die Best Ager entdeckt und zeigt sie so, wie sie sind: Voller Lebens- und Liebeslust, aktiv, attraktiv, selbstbewusst und selbstbestimmt. Alternde Schauspieler wie Clint Eastwood oder Jack Nicholson setzen sich geradezu systematisch und durchaus augenzwinkernd mit ihrer eigenen Vergänglichkeit auseinander. In Filmen wie „Besser geht’s nicht“ („As Good as It Gets“, 1997),, „Was das Herz begehrt“ („Something's Gotta Give“, 2003), „About Schmidt“ (2002) und „Das Beste kommt zum Schluss“ („The Bucket List“, 2007) oder „Erbarmungslos“ („Unforgiven“, 1992), „Space Cowboys“ (2000) oder „Blood Work“ (2002) loten sie mit selbstironischer Komik nicht nur die Tücken, sondern vor allem die Möglichkeiten des Alters aus. So spielt Jack Nicholson in „Was das Herz begehrt“ einen alten Schürzenjäger mit schnell wechselnden, hyperjungen Liebschaften, der nach einem Herzinfarkt Unterschlupf im Haus der Mutter seines aktuellen Liebchens findet. Während sein junger Arzt (Keanu Reeves) ein Auge auf die attraktive Schriftstellerin in den Sechzigern wirft, entdeckt auch der betagte Casanova zunehmend ihr erotisches Potenzial. Vorbei sind die Zeiten, in denen nur alternden Männern blutjunge Liebschaften gestattet waren, längst dürfen auch reife Frauen wie Meryl Streep und Diane Keaton solche Vergnügungen genießen, und zwar nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im echten Leben. So wie Demi Moore es uns vorlebt, die mit dem sehr viel jüngeren und sehr attraktiven Ashton Kutcher langfristiges Glück teilt. Und immer häufiger zeigen auch reife Damen wie Diane Keaton oder Charlotte Rampling – beide Jahrgang 1946 –, dass sie sich auch ohne Rundumerneuerungen, wie eine Cher es bevorzugt, durchaus hüllenlos sehen lassen können. Das beweisen sie in „Was das Herz begehrt“ oder der französischen Boulevardkomödie „Wir verstehen uns wunderbar“ („Désaccord parfait“, 2006), wo sie so schön und erotisch, so sexy und verführerisch sein dürfen, dass sie mühelos neue und verflossene Eroberungen gleichermaßen aus der Ruhe bringen. Und die betagte Hausfrau und Witwe, die Marianne Faithful in „Irina Palm“ (2007) spielt, stürzt sich in ein ganz neues Leben im Rotlichtbezirk von London und trotzt den Widrigkeiten ihres neuen Jobs mit demselben anpackenden Pragmatismus, mit dem sie als Hausfrau daheim in der Küche waltet. Der neue Job, den sie angenommen hat, um ihrem Enkel eine lebensrettende Operation zu ermöglichen, mag anrüchig sein, doch er verleiht ihr bald ein bisher noch nie erfahrenes Selbstbewusstsein. Die graue Maggie aus der öden Vorstadt verwandelt sich in die aufregende Irina Palm der schillernden Metropole, das unscheinbare Aschenputtel in eine stolze Königin der Nacht, und dieses Selbstbewusstsein können ihr weder die scheinheiligen Dorfbewohner noch der prüde Sohn wieder nehmen, und wenn sie sie noch so sehr als Hure beschimpfen.

All die mutigen, abenteuerlustigen, neugierigen, sinnlichen Damen und Herren dieser Filme verbreiten eine geradezu ansteckende Lebenslust. Und dabei eröffnen sie tröstliche Aussichten auf die Zeit nach der Pensionierung: Nach und nach verliert das Alter seinen bitteren Nachgeschmack, statt Sackgassen eröffnen sich unzählige Möglichkeiten. Das gilt auf sehr irdische und reale Weise auch für die Helden von Mike Leighs neuem Film ANOTHER YEAR, für das kleine Glück, das sich das Ehepaar in seinem Londoner Häuschen gebaut hat, egal ob es aktiv in seinem Schrebergarten werkelt oder Grillpartys und Dinnergesellschaften für Familie und Freunde ausrichtet. Und wenn die beiden am Ende von den Reisen ihrer Jugendjahre erzählen, kann man sich gut vorstellen, dass sie sich bald wieder gemeinsam auf den Weg machen. Versauern werden sie jedenfalls nicht.

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