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Fakten und Hintergründe zum Film "Anonyma - Eine Frau in Berlin"

Kino.de Redaktion |

Anonyma - Eine Frau in Berlin Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Anmerkungen zum Film von Günter Rohrbach

Es ist das letzte große Tabu des zweiten Weltkriegs. Bis heute gibt es, auch in der Wissenschaft, darüber nur wenige Veröffentlichungen, kein Standardwerk, keine verlässlichen Zahlen. Hunderttausende Frauen sind vor allem im Osten Deutschlands in den letzten Kriegswochen vergewaltigt worden. Manche Schätzungen bewegen sich zwischen einer und zwei Millionen, zuverlässig sind sie nicht. Wie sollten sie auch, denn kaum jemand hat darüber öffentlich gesprochen, am wenigsten die Frauen selbst. Sogar in den Familien gab es so etwas wie einen Schweigebann. So groß wie das Leid war die Scham, auch und gerade dem eigenen Mann, den eigenen Kindern gegenüber.

Soweit sich die Wissenschaft überhaupt dem Thema näherte, stützte sie sich auf die wenigen schriftlichen Zeugnisse, die ihr zugänglich waren. Historiker arbeiten nach Aktenlage. Mündliche Recherchen sind ihnen fremd. So waren es Journalisten wie Erich Kuby („Die Russen in Berlin 1945“) und vor allem die Filmemacherin Helke Sander, die die fundiertesten Beiträge zum Komplex der Vergewaltigungen geliefert haben. Helke Sanders Film „Befreier und Befreite“ erschien Anfang der 90er Jahre zusammen mit dem gleichnamigen Buch. Ergänzend zu zahlreichen persönlichen Zeugnissen wird hier erstmals auch versucht, den bestürzenden Umfang der Ereignisse mit Zahlen zu unterlegen. Gegenüber der Methodik dieser Ermittlung mag es Zweifel geben, unzweifelhaft ist aber, dass es hier um eine Größenordnung geht, deren erfolgreiche Verdrängung durchaus skandalös genannt werden kann. In den Kriegen der Männer waren die Frauen seit jeher eine mehr oder weniger selbstverständliche Beute. Heute nennt man das Kollateralschäden. Daran hat sich, folgt man den Berichten aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Irak oder Afghanistan, bis in unsere Gegenwart hinein nichts geändert. Dennoch war das Ausmaß der Vergewaltigungen von 1945 extrem und beispiellos.

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Die Tabuisierung dieser Ereignisse hat viele Gründe. Der wichtigste: die eigene schwere Schuld hat es den Deutschen jahrzehntelang schwer, ja unmöglich gemacht, sich auch mit jenen Verbrechen der Nazizeit und des Krieges zu beschäftigen, bei denen sie sich selbst als Opfer sehen konnten. Diese Haltung war im Nachkriegsdeutschland weitgehend unumstritten. Erst in letzter Zeit hat man, nicht ohne kritische Begleitgeräusche, damit begonnen, in diesem oder jenem Falle eine andere Perspektive zuzulassen. Zweifellos hat es auch eine Rolle gespielt, dass bei den Vergewaltigungen die Täter vor allem Soldaten der Roten Armee waren, die Opfer Bürger der DDR. Es war gerade in der DDR politisch nicht opportun, die Befreier mit einem solchen Makel zu belasten. So war es eine große Ausnahme, wenn Bert Brecht in seinem Arbeitsjournal unter dem Datum vom 25.10.1948 mit aller Vorsicht und im Bemühen um Gerechtigkeit folgendes schrieb:

„immer noch, nach den drei jahren, zittert unter den arbeitern, höre ich allgemein, die panik, verursacht durch die plünderungen und vergewaltigungen nach, die der eroberung von berlin folgten. In den arbeitervierteln hatte man die befreier mit verzweifelter freude erwartet, die arme waren ausgestreckt, aber die begegnung wurde zum überfall, der die siebzigjährigen und die zwölfjährigen nicht schonte und in voller öffentlichkeit vor sich ging. Es wird berichtet, dass die russischen soldaten noch während der kämpfe von haus zu haus, blutend, erschöpft, erbittert, ihr feuer einstellten, damit frauen wasser holen konnten, die hungrigen aus den kellern in die bäckereien geleiteten, die unter trümmern begrabenen ausgraben halfen, aber nach dem kampf durchzogen betrunkene horden die wohnungen, holten die frauen, schossen die widerstand leistenden männer und frauen nieder, vergewaltigten vor den augen von kindern, standen in schlangen an vor häusern usw…“

Nicht zuletzt waren es die Frauen selbst, die eine Auseinandersetzung mit diesem Thema verhinderten, weil sie kein Interesse daran hatten, mit dem, was sie trotz allem auch für ihre Schande hielten, erneut konfrontiert zu werden. Auch in der von dem Historiker Rolf-Dieter Müller im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegebenen zehnbändigen Gesamtdarstellung des zweiten Weltkriegs werden die Vergewaltigungen nur beiläufig behandelt. Auch hier keine Zahlen – man beschränkt sich auf die pauschale Formulierung „Hunderttausende“ und resigniert vor der Unmöglichkeit einer zuverlässigen Quantifizierung mit dem Begriffspaar „zahllos und namenlos“.

Wann immer freilich in den vergangenen Jahrzehnten die Verbrechen an den Frauen im Berlin des Jahres 1945 zum Thema wurden, hat man sich nicht zuletzt auf die Tagebuchaufzeichnungen der Anonyma unter dem Titel „Eine Frau in Berlin“ berufen. Sie sind bis heute die einzige authentische Veröffentlichung, die es über die Massenvergewaltigungen des letzten Krieges gibt. Es ist bezeichnend, dass die Autorin ihren Namen auch Jahrzehnte nach den geschilderten Vorgängen nicht genannt hat. Wir haben ihren Wunsch, auch über den Tod hinaus anonym zu bleiben, respektiert, obwohl der Name an anderer Stelle inzwischen öffentlich geworden ist.

Es hat Versuche gegeben, die Authentizität dieses Dokumentes in Zweifel zu ziehen. Überzeugend waren sie nicht. Ein Gutachten Walter Kempowskis hat sie im übrigen widerlegt. Die Ereignisse selbst sind ohnehin unumstritten.

Die Anonyma hat in der Zeit vom 20. April bis 22. Juni 1945 in Berlin Tagebuch geführt und diese Aufzeichnungen unter Anleitung ihres Mentors Kurt W. Marek (dem berühmten C.W Ceram) erstmals 1954 in New York in englischer Übersetzung veröffentlicht. Das Buch wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Nach etwa einem Dutzend weiterer ausländischer Ausgaben erschien das Buch Ende der 50er Jahre auch in Deutschland – und blieb weitgehend unbemerkt. Zu kurz war damals noch der Abstand, zu frisch waren die Wunden. Ohnehin war man in jenen Jahren vor allem damit beschäftigt, die Ereignisse des zweiten Weltkriegs möglichst aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Es war allerdings nicht nur der Inhalt, der die Leser abschreckte, sondern vor allem der Ton, in dem die Anonyma ihre Erlebnisse verarbeitet hatte. Er ist frei von jeder Larmoyanz, kein Opfer-Pathos, kein Mitleidsappell. Anonyma schildert diese Wochen des Grauens und der Verfolgung selbstbewusst und mit jener schnoddrig sachlichen Kühle, die so typisch ist für die Berlinerin. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen, so wenig wie viele der Frauen in ihrer Umgebung, ihr Überlebenswille war groß und stark. Und sie hat sich auch nicht gescheut, sich zu prostituieren, wenn anders das Weiterleben nicht gewonnen werden konnte.

Aber genau das, ihre Bereitschaft, das scheinbar Unmögliche zu tun, mit kühner Entschlossenheit die Gesetzlichkeiten der bürgerlichen Moral zu ignorieren und es auch noch trotzig niederzuschreiben, hat die deutschen Zeitgenossen der 50er Jahre empört. Ihr Bild von der deutschen Frau ließ nichts anderes zu als den Opfergang, im Zweifel bis zum Letzten.

Als Hans Magnus Enzensberger zu Beginn dieses Jahrhunderts das Buch wieder aufgriff und es in seiner „Anderen Bibliothek“ veröffentlichte, war die Resonanz überwältigend positiv. Befördert vom Enthusiasmus der Kritiker enterte das Buch auf Anhieb die Bestsellerlisten. Erneute Veröffentlichungen in zahlreichen Ländern waren die Folge.

Ich habe mich damals sogleich um die Rechte bemüht, was nicht ganz einfach war, weil deren Inhaberin, eine Freundin der verstorbenen Anonyma und die hinterbliebene Ehefrau von Kurt W. Marek, ihre Zustimmung zunächst verweigerte. Sie musste hartnäckig umworben und überredet werden. In der Zwischenzeit hat es zahlreiche Anfragen nach den Verfilmungsrechten aus dem In- und Ausland, nicht zuletzt auch den USA gegeben.

Der Film stellt sich dem Thema in seiner ganzen Komplexität, das heißt, er erzählt keine Opfergeschichte. Er verschweigt also nicht, wer in diesem Krieg die Angreifer, wer die Täter waren. Es ist kein Film über arme deutsche Frauen und böse russische Soldaten. Dennoch weicht er den harten Fakten nicht aus. Das ist ein schmaler Grad, auf dem er sich bewegt, aber es ist möglich, weil die Anonyma für sich selbst die mutige Entscheidung getroffen hat, kein Opfer sein zu wollen. Sie hat uns überdies die Chance gegeben, das zu vermeiden, was in vergleichbaren deutschen Filmen immer wieder geschieht, dass nämlich die Hauptfiguren aus dem politischen Kontext der Nazizeit herausgelöst und ideologisch entschuldet werden. Wir haben uns dem Problem gestellt, dass die Anonyma ein Teil des Systems war. „War ich selber dafür? Dagegen?“, schreibt sie in ihrem Tagebuch, „ich war jedenfalls mittendrin und habe die Luft eingeatmet, die uns umgab und die uns färbte, auch wenn wir es nicht wollten.“ Sie war Journalistin, da hatte sie nicht viele Möglichkeiten, den Ansprüchen derer zu entkommen, die dieses Land regierten. Sie hat Texte geschrieben, wie sie damals geschrieben wurden, auch von Journalisten, die später den demokratischen Geist der Bundesrepublik repräsentierten.

Wir haben uns auch bemüht, den russischen Soldaten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie waren zum großen Teil einfache Bauern, denen man dieses reiche Deutschland als Beute versprochen hat, als Ausgleich für erlittenes Leid. Kein anderes Volk hat auch nur annähernd so viele Opfer gebracht. Von den über 50 Millionen Toten des zweiten Weltkriegs waren mehr als die Hälfte Bürger der Sowjet-Union.

Den Rahmen des Films bilden die Vergewaltigungen und die mutige Selbstbehauptung, mit der eine Gruppe von Berliner Frauen versucht, damit umzugehen. In seinem Kern aber erzählt der Film eine hochdramatische Geschichte zweier Menschen, die Feinde sind und die dennoch ein starkes Gefühl füreinander entwickeln. Wir stützen uns dabei auf vorsichtige Andeutungen der Tagebuchautorin, erlauben es uns aber, darüber hinauszugehen. „Der Krieg verändert die Worte“, sagt Anonyma zu ihrem Beschützer, „Liebe ist nicht mehr das, was es war.“ Als am Ende Gert, ihr Mann, zurückkehrt, erleben wir das wahre Drama dieser Geschichte. Die Frauen haben, jedenfalls in ihrer Mehrheit, ihre Verletzungen tapfer ertragen. Es waren die Männer, die es nicht schafften.

Director’s Note von Max Färberböck

Als ich das Buch „Anonyma“ zum ersten Mal las, war ich mit mir uneins. Zum einen war ich von dem, was damals in Berlin geschah, geschockt. Zum anderen war ich von der Intelligenz und Schonungslosigkeit, mit der die anonyme Autorin über die Geschehnisse berichtete, hingerissen. Ich konnte mich ihrem erzählerischen Sog nicht entziehen. Trotzdem gab es da eine kleine, nagende Distanz. Das war die Aura der Autorin. Ihre absolut unsentimentale Art zu schreiben, die Härte ihres Blicks auf sich selbst und alle anderen - Deutsche wie Russen – war irritierend. Warum ?

Vielleicht, weil eine Frau, die so etwas erlebt, mehr leiden müsste, mehr Opfer sein müsste? Eine Menge Fragen taten sich auf. Und das einzige, was ich damals, also ganz zu Beginn, wusste, war, dass ich mich ihnen stellen musste.

Zunächst war da die Frage nach der historischen Bedeutung des Tagebuches. Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen haben zu den damaligen Ereignissen geschwiegen. Das Geschehen war und ist sowohl für das deutsche wie auch für das russische Volk tabu. Darf man so ein Tabu anfassen? Und wenn, wie schreibt und inszeniert man solche Ungeheuerlichkeiten, ohne die damals Beteiligten bloß zu stellen oder zu verletzen? Wer gibt einem das Recht, über das Schweigen so vieler Menschen zu verfügen?

Historische Stoffe sind beliebt. Aber das macht sie, wie mir scheint, oftmals fragwürdig. Natürlich können Kino- und Fernsehplots Geschichte emotionalisieren und „wieder erlebbar“ machen. Aber warum? Muss man sich jede leidvolle Periode einverleiben, weil sie gute Geschichten hervorbringt? Oder darf man sich wie eine Kinderfrau vor das Leben stellen und sagen, wie es damals zu sein hatte, damit es in eine heute konsumierbare Handlung passt?

Ich denke schon. Geschichten-Erfinder und die damit verbundene Film- und Fernsehindustrie, dürfen das. Die Frage ist nur, ob diese nacherfundenen, oftmals sehr konfektionierten Erzählungen zu mindestens annährend auf Augenhöhe mit der geschilderten Realität sind. Ob sie versuchen, der Wirklichkeit den Vorrang zu lassen, oder ob sie nur als eine arge Verkleinerung dessen, was wirklich geschah, gedacht sind.

Bei „Anonyma“ haben wir, meine Co-Autorin Catharina Schuchmann und ich uns bemüht, dem Tagebuch und zahlreichen anderen Recherchen zu folgen. Wir sind zusammen mit der Historikerin Dr. Elke Scherstjanoi in diese grausame, sehr widersprüchliche Zeit eingedrungen und haben versucht, zu hören, was sie uns mit ihren vielen Stimmen erzählen möchte.

Das brauchte seine Zeit. Zwischen dem ersten und dem zweiten Treffen mit meinem Produzenten Günter Rohrbach lagen circa sieben Monate. Eine Zeit, angefüllt mit verzweifelten und seltsam lebensstarken Frauen, die sich couragiert über das Leid ihrer Männer hinweg gesetzt haben, um zu überleben. Frauen, die sich manchmal lieber prostituierten, als sich vergewaltigen zu lassen, um so ihre Würde zu retten. Frauen, die spöttisch, heiter, manchmal gallig waren. Frauen, die einfach nicht in einen Plot passten. Trotzdem wollte ich sie mehr und mehr dem Schweigen entreißen.

Warum?

Weil es wichtig ist, darüber zu sprechen, wie Menschen reagieren, denen genau das, was absolut nicht sein darf, zustößt. Weil das, was damals mit den Vergewaltigungen geschah, auch heute in jeder Sekunde des Weltgeschehens passiert. Und weil es vielleicht auch sinnvoll ist, dass eine Frau, die sich prostituiert, das damit verbundene Überschreiten der Moral nicht mehr nur als den ureigensten Abgrund sieht.

Wie viele dieser Frauen haben weiter mit dieser „Schuld“, die keine war, und mit dem lebenslangen Schweigen, das vermutlich immer schwerer wurde, gelebt? Wie viele Männer haben etwas geahnt und auch geschwiegen? Wie sahen diese Ehen später aus? Man kann sich diesen Geschehnissen nicht nähern, ohne daran zu denken, wie tief greifend sie das Familienleben beeinflussten. Wie viele Frauen haben die Achtung vor den einst so heldenhaft verehrten Männern verloren, ihre eigenen Kräfte mobilisiert und zugepackt? Heute würde man so was Emanzipation nennen. Damals ging es um Schweigen, Verdrängen und Wiederaufbau. Wiederaufbau nicht nur der Städte, sondern auch der kränklichen Männer, die man so schnell wie möglich wieder als Familienoberhaupt brauchte.

Die Autorin von „Anonyma“ hat all dies mit sezierend scharfem Blick gesehen, hat die Zukunft geahnt und sich geweigert zu schweigen. Sie war intelligent genug, das Überzeitliche, geradezu Archaische dieser brutalen Vorgänge zu erkennen. Gleichzeitig kam es ihr auf jedes Detail, auf jede menschliche Regung an. Sie wollte festhalten, berichten und verstehen. Die Hoffnung, dass sich durch so einen Bericht etwas am Leben verändern würde, hätte sie verlacht. Wahrheit stand ihr näher als Moral.

Mit ihrer Schilderung einer kurzen sexuellen Erfüllung durch einen russischen Major brach sie nicht nur das Tabu, sich nicht berühren zu lassen, sondern auch noch darüber zu schreiben. Dass so jemand nicht mehr zur Weltverbesserung taugt, war ihr klar. Ich sehe das anders. Gerade ihr Mut, auch noch das Äußerste zu schildern, kann uns allen nur ein Beispiel sein. Denn oft ist das Schweigegebot einer Epoche genau das, was ihr am meisten schadet.

Und dann die Russen. Die Bestien. Die meisten von ihnen wurden von ihrer eigenen Führung zerschunden, viele von ihnen ins Feuer geschickt. Viele waren überzeugte Sowjets, andere Mörder und Schänder. Man schätzt die Toten auf sowjetischer Seite auf ca. 26 Millionen. Mindestens die Hälfte davon waren Zivilisten. Alte, Frauen, Kinder. Wer bis Berlin kam, hatte Brand und Tod und unendlich viel Blut gesehen. Wer bis Berlin kam, war zum Äußerten fähig. Alle? Ganz sicher nicht.

Unser Urteil über die Brutalität der Russen sitzt fest. Auch heute noch. Warum sich also damit anlegen? Weil die Widersprüche in der Roten Armee enorm waren und weil nicht hunderttausende Soldaten Schänder und Mörder waren. Um sie, die nicht dazu gehörten, besser zu verstehen, habe ich die erste Fassung des Drehbuches aus russischer Perspektive geschrieben. Danach erst war ich in der Lage, meinem überaus geduldigen Produzenten das Projekt zuzusagen. Ich möchte ihm an dieser Stelle für sein großes Vertrauen und die intensive Zusammenarbeit danken.

Mir ging es weniger als ihm um Gerechtigkeit. Ich könnte bei der historischen Komplexität des Stoffes nicht mal sagen, was das ist. Aber die Geschehnisse und ihre Authentizität kenne ich gut.

Wenn man sich intensiv mit einer Zeit beschäftigt, beginnt sie durch einen hindurch zu sprechen. Wir hörten das Gelächter, die Häme und Ansprachen der Russen. Wir rochen den Fusel, sahen ihre Ausgelassenheit und Brutalität. Wir kannten ihre kraftvollen Gesichter schon lange, bevor wir uns durch die Fotos von hunderten russischer Schauspieler und circa zweitausend Komparsen arbeiteten. Und irgendwann geschah ein Wunder. Die Zeit, die zu verstehen wir uns bemühten, stand vor uns. Zerschlissene Uniformen, pralle Freude, Rachsucht und Gewalt. Die ängstlichen Blicke von Frauen, die nicht wissen, was kommt. Der grauenvoll bittere Nachgeschmack deutscher Taten und der unbedingte Wille zu leben. So könnte es damals gewesen sein, dachte ich irgendwann. Jetzt musste ich nur noch den Film drehen…

Ein letztes Wort zu der Beziehung zwischen Anonyma und dem Major. Aus unseren Recherchen weiß ich, dass Anonyma für den Major möglicherweise mehr empfand, als aus dem Tagebuch hervor geht. Dennoch blieb sie, wie die meisten Frauen in diesen gnadenlos bedrängenden Wochen, ohne Illusion. Er war Sowjet. Sie war Deutsche. Und keiner von beiden rückte auch nur einen Millimeter von seinem Denken, seiner Herkunft ab. Trotzdem konnte sie nicht anders, als diesen zutiefst fremden, idealistischen und unberechenbaren Mann in sich auf zu nehmen.

Ihrer beider Geschichte ist die Geschichte einer immer stärker werdenden Anziehung zwischen Feinden. Sie wussten beide, dass sie keine Zukunft haben. Und dennoch versuchten sie dem Anderen alles zu geben. Alles, was der Krieg ihnen ließ. Die Augen, die Worte, den Atem, das Herz.

Ist das Liebe? Anonyma hat es nicht so genannt. Und wenn, hätte sie vielleicht ein anderes Wort gefunden.

Interview mit Nina Hoss

Wie würden Sie die Figur der Anonyma beschreiben?

Diese Frau hat die Welt bereist, sie hat in Moskau, Frankreich und England gelebt, sie hat Kunst, Geschichte und Sprachen studiert, sie war Fotografin und Journalistin – also eine sehr gescheite Person. Die Frage, in welchem Verhältnis sie zum Staat stand, hat mich sehr beschäftigt. War sie eine Faschistin, oder war sie es nicht? Wenn ich das Tagebuch lese, klingt es für mich vor allem, als hätte sie ihr Land geliebt. Sie war eine Nationalistin und ich glaube, sie hat nicht nachgefragt. Sie ist mitgeschwommen, hat sich mitreißen lassen von dieser Welle und der Euphorie, die geherrscht hat. Also durchaus zwiespältig zu betrachten. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist es eine sehr pragmatische Frau für mich. Eine, die anpackt und auch in dieser schwierigen Situation in den letzten Kriegstagen einen Weg des Überlebens findet. Ich glaube, zu ihrem Überleben trug maßgeblich bei, dass sie Journalistin war und Tagebuch schrieb – wenn man das Erlebte niederschreibt, entsteht eine Distanz, mit der man das Geschehene besser verarbeiten kann. Ob sie das nun für ihren Ehemann geschrieben hat, für die Nachwelt oder einfach nur für sich – ich glaube, das war ihr Weg, das Erlebte sofort loszuwerden, es in irgendeine Wort- bzw. Kunstform zu bringen und damit einen Umgang zu finden.

Sie ist auf jeden Fall eine sehr komplexe Figur. Sie ist zugleich sensibel und verletzbar, aber ihr Handeln zeugt auch von großem Mut und Selbstbewusstsein…

Es ist genau die Mischung aus Mut und Verletzbarkeit, die mich an diesem Charakter interessiert hat. Ich habe versucht, der Figur beides zu geben – die tiefen Verletzungen, die sie erlitten hat zu zeigen, aber auch die harte Schale, die sie an den Tag legt und ihr mutiges Auftreten. Sie ist eine, die etwas wagt, die zum Beispiel durch diese Menge von russischen Soldaten hindurch läuft und nach der Kommandantur fragt – wo jeder andere schon längst vor Angst gestorben wäre.

Auch der russische Offizier Andrej scheint beeindruckt von Anonymas selbstbewusstem Auftreten.

Ja, ihr mutiges Auftreten weckt sein Interesse. Und ihr erster Gedanke ist, dass dieser Mann mit seiner eindrucksvollen Statur ihr alle anderen vom Leib halten kann. Und dann kommt der Punkt, an dem sie merkt, dass sie ihn falsch eingeschätzt hat – denn natürlich war auch sie beeinflusst von der NS-Propaganda der letzten Kriegstage, die den Deutschen Angst gemacht hat vor den Russen, vor den Monstern, Bestien und Vergewaltigern. Plötzlich trifft sie auf jemanden, der ein gelehrter und belesener Mann ist, der Schubert auf dem Klavier spielt und wirklich gar nichts zu tun hat, mit diesem Bild des einfachen russischen Bauern.

In dieser Ausnahmesituation entwickelt sich eine ganz zarte Beziehung. Was ist das Besondere an diesem Verhältnis der Beiden?

Genau wie Anonyma hat dieser Mann nichts mehr, seine Frau ist im Krieg umgekommen und es begegnen sich zwei ganz einsame Gestalten, die im Kampf mit sich sind und sich in einer Ausnahmesituation befinden. Ihre jeweilige Weltordnung ist zusammengebrochen. Der Krieg ist zu Ende und Andrej wird von einem Soldaten zum Menschen. Und das wird er auch durch sie, weil er sich auch auseinandersetzt mit ihr, weil diese Frau ihn reizt und er sie nicht ganz begreifen kann. Er versucht, an sie heranzukommen, und dadurch kommt er letzten Endes auch an sich ran. Die harten Schalen der beiden bekommen einen Riss und deswegen kommen sie sich plötzlich so nah. Das finde ich spannend, auch, weil es so vorsichtig erzählt ist. Was passiert mit zwei Menschen, wenn sie etwas empfinden, von dem sie glaubten, dass sie dazu gar nicht fähig seien?

Was war bei dieser Rolle die größte Herausforderung für Sie?

Jemanden in einer solchen Ausnahmesituation zu spielen, der um sein Überleben kämpft – in einem Umfeld, in dem nichts mehr gilt, was wir heute so kennen. Wo man nur noch ans Überleben denkt, wo Werte vernachlässigt und Ordnungen aufgehoben werden. Wie gehen die Menschen dann miteinander um, wo schließen sie sich zusammen, wo betrügen sie sich? Wo helfen sie sich, wo nicht? Das ist anhand der Bewohner des Hauses wirklich äußerst spannend beschrieben.

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