Anduni - Fremde Heimat

Kinostart: 01.12.2011
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Filmhandlung und Hintergrund

Preisgekrönte Tragikomödie um eine junge Armenierin zwischen Integration und Selbstfindung.

Die Armenierin Belinda zieht gerade mit ihrem deutschen Freund zusammen und genießt die ungewohnte Unabhängigkeit. Als ihr Vater stirbt, muss sie wieder zurück in die ihr eigentlich fremde Welt der Großfamilie. Den Clan führt die dominante Tante, bei der sie in der Schneiderwerkstatt arbeitet und die einen passenden armenischen Mann für sie sucht. Für die junge Frau, die bisher in den Tag hineinlebte, ist die Schonfrist vorbei, sie muss für ihre Mutter Verantwortung übernehmen, über ihre eigene Zukunft nachdenken.

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Kritikerrezensionen

    1. Die Tante will die Familie zusammenhalten, die ethnische Identität, die Kultur, die Werte und das Vermögen: Gerade im Ausland, in der Fremde, muss man unter sich bleiben, sich nicht von den Deutschen unterkriegen lassen. Schneiderei, Kiosk, Frisiersalon gehören dem Clan, das soll so bleiben; geheiratet wird nur innerhalb des Kulturkreises. Auch Belinda soll verkuppelt werden mit Nachbarn und Bekannten, so, wie ihr Cousin mit einer Landsfrau verheiratet wurde. Dass die einen anderen geliebt hatte, ist gleichgültig: Man muss Opfer bringen und dankbar sein. Schließlich tut die Tante alles für die Familie.

      Belinda hat einen deutschen Freund, den sie der Familie verheimlicht. Sie ist zum Studium von zuhause weggezogen. Überhaupt spricht sie kaum ihre Heimatsprache. Mit sanftem Druck will die Tante das ändern…

      Während der enorm erfolgreiche „Almanya“ die Integrationsdebatte in einer Comedy auflöste, die ihre Figuren und letztlich das Thema kaum ernst nahm – dafür einen großen Wohlfühlfaktor transportierte –, geht Samira Radsi mit ihrem „Anduni – Fremde Heimat“ eher den Weg des Dramas, nicht ohne komische Elemente freilich. Es geht dabei nicht um Türken, sondern um Armenier. Und fast mehr noch als das Thema ist die Machart des Films interessant: Radsi wirft den Zuschauer hinein in das Milieu, ohne weitere Erklärungen. Nur, dass ein orthodoxer Priester auftaucht, zeigt, dass es sich nicht um eine türkisch-muslimische community handelt. Die Erläuterung wird erst spät nachgereicht, gegenüber einem betrunkenen Partygast: Armenier haben, auch wenn sie aus der Türkei kommen, eine eigene Sprache, eigene Kultur, eigene Religion. Als Minderheit wurden sie von den Türken verdrückt, vor Jahrzehnten; jetzt fühlen sie sich noch immer als Underdogs, auch und gerade in Deutschland.

      Dass Radsi die ethnische Identität zwar nicht verheimlicht, aber auch nicht überdeutlich herausstellt, ist bezeichnend: Es geht um das Fremdsein an sich. Belinda steht zwischen der armenischen und der deutschen Kultur, fühlt sich in beiden nicht ganz heimisch; die Armenier in Köln sind fremd in Deutschland und haben auch in Anatolien keine Heimat mehr. Belindas Vater und ihr Onkel flüchten sich in Westernfilme, bei John Wayne fühlen sie sich heimisch; ihre Mutter wartet ihr Leben lang schon, dass es besser wird. Die Tante will die armenische Identität gegen jede moderne Strömung auch in der Fremde retten – sie ist nicht einfach der böse Antagonist, auch sie hat Recht in dem, was sie denkt und fühlt. Manuel, Belindas deutscher Freund (gespielt von Florian Lucas), kann sich nur begrenzt einfühlen in Belindas emotionales Chaos nach dem Tod ihres Vaters, wenn sie sich mit tausend Anträgen auf Witwenrente für ihre Mutter herumschlagen muss, wenn sie von der Tante in Beschlag genommen wird, wenn sie merkt, dass sie sich selbst finden muss in ihrer Heimatlosigkeit.

      Radsi erzählt das nicht tragisch, aber emotional; auch mit Witz – wobei sie den albernen Gag bei Peter Millowitschs Gastauftritt als Klischeekölner auch hätte weglassen können. Am Ende von Belindas Reise zum eigenen Ich steht die Reise nach Armenien, in die Heimat der Vorfahren. Begleitet von ihrem Onkel (den seltsamerweise der deutsche Tilo Prückner spielt) und der Tante, die mit harter Hand ihre Liebe verteilt, kehrt sie „heim“ – dahin, wo einmal Heimat war. Und es kommt zu einem etwas zu mythischen, zu irrealen Ende; bei dem allerdings völlig richtig ist, alles offen zu lassen. Auch und gerade die Zukunft von Belinda, die sich nähergekommen ist, ohne irgendwo so richtig angelangt zu sein.

      Fazit: Ein Film über das Fremdsein der Armenier in Deutschland, über das Zu-Sich-Kommen und über das Finden der eigenen Identität.
    2. Anduni - Fremde Heimat: Preisgekrönte Tragikomödie um eine junge Armenierin zwischen Integration und Selbstfindung.

      Eine junge Armenierin in Deutschland zwischen fremder Heimat und Heimat in der Fremde.

      Was ist Heimat, ein Ort der Sprache, der Selbstverwirklichung oder der Familie? Ein Mensch? Für Migranten oft eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Zwischen allen Fronten bewegt sich die Armenierin Belinda, die mit ihrem deutschen Freund (Florian Lukas) gerade zusammen zieht, das Studium nur nebenbei betreibt und die ungewohnte Unabhängigkeit genießt. Als ihr Vater stirbt, wird sie wieder in die eigentlich fremde Welt der Großfamilie gezogen mit starren Regeln, aber Geborgenheit. Den Clan führt die dominante Tante, bei der sie bald in der Schneiderwerkstatt arbeitet und die einen passenden armenischen Mann für sie sucht. Für die junge Frau, die bisher in den Tag hinein lebte, ist die Schonfrist vorbei, sie muss für ihre Mutter Verantwortung übernehmen und sich um deren Rente kümmern, auch über ihre eigene Zukunft nachdenken.

      Das beim Max Ophüls Preis in Saarbrücken prämierte Erstlingswerk von Samira Radsi (Förderpreis der DEFA-Stiftung) nähert sich etwas unsicher dem Thema Integration und Selbstfindung. Die Protagonistin steht zwischen den Kulturen und begibt sich auf die Suche nach Identität, bricht mit einem Teil der Sippe auf nach Armenien. Dort wird ihre Sehnsucht nach Heimat ebenfalls nicht erfüllt, sie bleibt eine Fremde in der fremden Heimat. Trotz Sprünge in der Handlung und in der Personenzeichnung und einem etwas süßlichen Ende weckt die Multikulti-Tragikomödie Interesse für das wohl in vielen Bereichen repräsentative Schicksal einer in der eigenen Existenz Verlorenen, die erst sehr spät weiß, wo ihr Platz ist - nicht geografisch, sondern an der Seite des Menschen, den sie liebt. Der Filmtitel „Anduni“ heißt soviel wie heimatlos und ist ein traditionelles Thema armenischer Musik und Kultur, so klingt auch die Geschichte der Vertreibung und Diaspora von Millionen Armeniern an, wie auch der Genozid durch die Türken. Im Vordergrund steht aber nicht Politik, sondern der Mensch, der seine Zukunft bestimmt. mk.

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