Andula - Besuch in einem anderen Leben Poster

Fakten und Hintergründe zum Film "Andula - Besuch in einem anderen Leben"

Kino.de Redaktion  

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Produktion: Von der Idee zum Dokumentarfilm

Vor vielen Jahren erzählte mir der damalige Fernsehdirektor und spätere Filmproduzent Kurt Rittig von dem grausamen Schicksal von Anna Letenská. Allerdings kannte er nur die Grundzüge der Biografie. Im Zentrum stand jedoch der zynische Umgang der damaligen Machthaber und ihrer Kollaborateure mit der Schauspielerin, die gezwungen wurde, im Angesicht des Todes in einer „kriegswichtigen“ Komödie mit dem Titel Ich komme gleich zu spielen. Ihre Lebensgeschichte packte mich sofort. Ich rief einen Freund in Tschechien an und bat ihn, für mich zu recherchieren. Erste Ergebnisse kamen. Das Bild konkretisierte sich etwas.

Ich begann auf eigene Faust, ein Drehbuch für einen Kinofilm zu schreiben. Das nahm über zwei Jahre in Anspruch. Mit dem Buch ging ich auf die Suche nach Produzenten und Sendern. Weil sich Andreas Schreitmüller von ARTE schon früh für den Stoff interessierte, kam der Gedanke auf, parallel zu der Entwicklung des Kinoprojekts einen Dokumentarfilm zu produzieren, so dass man mit beidem einen Themenabend auf ARTE hätte veranstalten können.

Ich sprach Anne Worst an, die ich von einer kurzen Zusammenarbeit kannte und als ausgezeichnete Dokumentarfilmerin schätzte. Über sie kam unser späterer Kameramann Peter Klotz mit ins Boot. Ohne einen Sender oder andere Finanziers zu haben setzten wir unsere Recherchen fort und reisten im Sommer 2002 nach Prag. Wir hatten inzwischen über eine tschechische Filmfirma herausgefunden, dass sowohl der Sohn von Anna Letenská, Jiři Letenskỷ, als auch Otakar Vávra, der Regisseur des Films Ich komme gleich noch lebten. Jiři war damals schon sehr krank, Vávra dagegen bei bester Gesundheit und schon über 90 Jahre alt. Glücklicherweise haben wir Jiři Letenskỷ damals in Brünn besuchen können und mit ihm über seine Mutter gesprochen. Dabei entstanden die Aufnahmen, die einen wesentlichen Teil des Films tragen und einen starken, emotionalen Eindruck hinterlassen.

Unglücklicherweise ist Jiři gestorben, bevor wir 2008 mit den Dreharbeiten beginnen konnten. Nach unserem ersten Besuch in Prag und Brünn überarbeitete ich das Drehbuch für den Kinofilm. Derselbe Stoff begegnete mir kurze Zeit später, als Artur Brauner, mit dem ich einen meiner ersten Filme (Der Hammermörder) realisiert habe, mir ein amerikanisches Drehbuch über das Schicksal von Anna Letenská zuschickte. Er bat mich um Überarbeitung, was ich wegen meiner eigenen Pläne jedoch ablehnen musste. Doch das Spielfilmprojekt erwies sich als zu teuer, um damals eine realistische Chance auf Verfilmung zu haben. Auch Brauners Buch wurde nicht verfilmt.

Der Dokumentarfilm war aber im Bereich des Realisierbaren. Und das konkretisierte sich mit der Zusage von Beate Schlanstein vom WDR für eine Koproduktion mit ARTE und dem RBB. Anne Worst und ich gründeten die „BRAWO Film“ (eine Abkürzung von BReinersdorfer und Anne WOrst), die dann den Film zusammen mit der Ottonia Media in Leipzig und mit Fördermitteln der MDM und der DREFA herstellte.

Produktion: Zeitzeugen und Dokumente

Zeitdruck entstand. Denn unsere potentiellen Interviewpartner waren hoch betagt und zum Teil bettlägerig. Alle waren äußerst kooperativ. Nur in einem sehr bedauerlichen Fall gab es Schwierigkeiten. Der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, verlangte die Summe von 25.000 € für ein Interview vor der Kamera über die Rolle seines Onkels Miloš Havel in der Affäre um Anna Letenská. Glücklicherweise stellte sich jedoch sein Bruder, der Wissenschaftler Ivan M. Havel zur Verfügung.

Die Recherchen, geleitet von Alexander Bundtzen, der zugleich unser Dolmetscher war, förderten immer mehr Fakten und Details aus dem Leben von Anna Letenská, aber auch von Miloš Havel und anderen damals involvierten Menschen zu Tage. Schließlich trieb Alexander im Nationalarchiv die Originalrollen des Films Ich komme gleich auf, für uns eine kleine Sensation, ebenso wie die Gestapo-Protokolle der Vernehmungen des Ehemanns von Anna Letenská. Über sie selbst allerdings blieben die Dokumente spärlich.

Ihr Schicksal sollte wahrscheinlich, so weit es ging, von den Nazis vertuscht werden. Ganz besonders ihre emotionale Situation während der Dreharbeiten, wo ihr gleichzeitig der Tod drohte, ist heute kaum noch zu recherchieren. Ihr Neffe gab einige Hinweise.

Der Regisseur Vávra hatte sich offensichtlich nicht weiter um seine Schauspielerin gekümmert, obwohl er, wie er vor der Kamera sagte, sah, wie sie litt.

Produktion: Die filmische Rekonstruktion

An dieser Stelle kam ich während einer Zugfahrt von Prag nach Berlin auf die Idee, eine Art filmische Rekonstruktion der Emotionen unserer Hauptfigur durch eine Schauspielerin zu schaffen. Anne Worst stimmte sofort zu. Allerdings wollten wir kein Reenactment. Wie also die Darstellerin einsetzen?

Ein langer Weg mit vielen Experimenten folgte. Erst nach einem Recherchebesuch in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen hatte ich die Lösung vor Augen: die Schauspielerin den Leidensweg von Anna Letenská in das KZ bis zum Krematorium nachgehen lassen. Stumm und in heutiger Kleidung, von der Kamera beobachtet.Es gelang mir, Hannah Herzsprung für die Rolle zu begeistern. Und schon bei der ersten Besprechung stellten wir die verblüffende

Ähnlichkeit von Hannah und Anna Letenská fest, die wir durch die Frisur im Film noch unterstrichen haben. Gleichzeitig sollte Hannah im Off die Geschichte von Anna Letenská erzählen. Es sollte wie ein Besuch in einem anderen Leben sein, wie es nun im Untertitel des Films zu lesen ist. N.b. die Idee, Andula, den Spitznamen von Anna Letenská zum Titel zu machen, stammt von Hannah Herzsprung.

Produktion: Cineastische Anmerkungen

Weil Hannah die tragende Stimme im Film ist und weil ich die Sprache unserer oft sehr alten Zeitzeugen so wundervoll finde, habe ich auf andere Voice over verzichtet und mit Untertiteln gearbeitet.

Vom Drehbuch her ist der Film dramaturgisch aufSpannung geschrieben. Das Prinzip Hoffnung stützt emotional die Handlung. Wer genau hinschaut, erkennt, dass ich sogar noch ganz am Ende des Films damit arbeite. Selbst im Angesicht des Todes hatte Anna Letenská ein Deckchen gestickt mit dem Wort „Domu“; das bedeutet „nach Hause“. Ihr Sohn Jiři zeigt es uns im Film. Ich habe diese Szene an den Schluss montiert. Wir haben bei den Aufnahmen mit den Zeitzeugen mit zwei Kameras gearbeitet, um einen spielfilmähnlichen Look zu erzielen.

Eine Kamera war starr, die zweite wurde von Peter Klotz als Handkamera eingesetzt. Dadurch gab es keinerlei Anschlussprobleme und wir konnten im Schnitt sehr variabel montieren. Schließlich haben wir versucht, so weit es ging, bei den Zeitzeugen die typischen „talking heads“ zu vermeiden und Auftrittssituationen inszeniert, um sie filmisch ins Bild kommen zu lassen.

Der greise Otakar Vávra beispielsweise steigt über die breite Treppe ins Lucerna-Kino hinauf und setzt sich in die erste Reihe, wo er seinen alten Film anschaut. Oder wir verfolgen, wie der ehemalige Widerständler Šará das Gefängnis von Pankrác betritt, wo er inhaftiert war und von der Gestapo gefoltert wurde.

Das Dokumentarmaterial ist unterschiedlich eingefärbt. Warme Töne habe ich den Bildern gegeben, die mit Anna Letenská zu tun haben, bläulich dagegen sind die Passagen mit Reinhard Heydrich und den Nazis. Auch im Sounddesign bin ich mit Olaf Mehl und seinen Leuten radikalere Wege gegangen. Unsere Collagen sind oft sehr abstrakt. Dem trägt auch die Musik Rechnung. Bewusst habe ich auf jede Opulenz verzichtet und mich auf ein Instrument beschränkt.

Das Klavier. Die wärmeren Passagen zitieren die „Moldau“ von Smetana, weil ich kein Stück kenne, das mehr nach diesem wunderbaren Böhmen „riecht“. Die Rahmenmusik „Stabat Mater“ schließlich, habe ich ausgesucht, nachdem mir Beate Schlanstein vorgeschlagen hatte, auf das etwas abgedroschene „Ave Maria“ zu verzichten. Dafür bin ich dankbar. Denn „Stabat Mater“ ist das bessere Stück für unseren Film.

Zeitzeugen

Jiři Letensky

Der Sohn von Anna Letenská trat in die Fußstapfen seiner Eltern und war zu Lebzeiten Schauspieler. Er verstarb im Jahre 2002.

Ivan Pilny

Der Neffe von Anna Letenská ist Direktor eines Puppentheaters geworden und bekam von „Andula“ sein erstes Puppenspiel.

Eva Gerová

Die Schauspielerin arbeitete zusammen mit Anna Letenská beim Rundfunk. Nach einigen kurzen Auftritten in diversen Filmen wurde sie Bibliothekarin in Prag.

František Černy

Der Professor für Theaterwissenschaften in Prag gilt als Koryphäe in der Theaterszene. Er schrieb ein mehrbändiges Werk zur Geschichte des tschechischen Theaters.

Zita Kabátová

Die Schauspielerin zählte während der deutschen Besatzung zu den bestbezahlten und schönsten Darstellerinnen.Nach dem Krieg spielte sie in einigen UFA-Produktionen, unter anderem neben Heinz Rühmann.

František Štĕpán

Der Widerstandskämpfer arbeitete in der Firma von Anna Letenskás zweitem EhemannVladislav Caloun.

Václav Berdych

Der ehemalige Redakteur der tschechischen Wochenschau, war auch im Widerstand und saß mit Anna Letenská im gleichen Zug nach Theresienstadt.

Miroslaw Šará

Der Widerstandskämpfer wurde mit 14 Jahren, als Funker, Mitglied einer militärischen Gruppe, die von seinem Vater angeführt wurde. Nach dem Krieg wurde er Oberst bei der tschechoslowakischen Armee.

František Novák

Der spätere Freund von Milos Havel lernte den Filmtycoon in der Nachkriegszeit in dessen Exil in München kennen.

Ivan M. Havel

Der Neffe von Milos Havel und Bruder des Ex-Präsidenten Václav Havel ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik und arbeitet im Zentrum für theoretische Studien.

Libuše Chourová

Die Zellengenossin von Anna Letenská, in der kleinen Festung Theresienstadt, wurde mit ihrer Schulklasse wegen „antideutschen Verhaltens“ verhaftet.

Otakar Vávra

Der 97-jährige Filmregisseur drehte zwischen 1934 und 2002 über 50 Filme. Er ist eine lebende Ikone und zählt zu den besten und bekanntesten tschechischen Regisseuren. Vor allem in den 1930er und 1940er Jahren war er besonders erfolgreich.

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