An einem Samstag Poster

Fakten und Hintergründe zum Film "An einem Samstag"

Kino.de Redaktion  

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über den Film

Ich wollte schon lange eine „filmische Metapher“ über die Katastrophe von Tschernobyl drehen. Keinen Dokumentarfilm, keinen Blockbuster, keinen Film darüber, wer wann den falschen Knopf gedrückt hat. Mich hat vielmehr die Frage interessiert, warum Menschen, die von diesem Unglück wussten, nicht aus der Stadt geflüchtet sind. Vielleicht, weil diese Gefahr unsichtbar ist? Menschen, die ihr tägliches Einerlei unbeirrt und ohne zu hinterfragen leben und damit zufrieden sind, für die sind es die vielen kleinen Freuden des Alltags, die in solchen Momenten umso wertvoller werden. Wenn das Leben unrettbar verloren ist und sich dem Ende zuneigt, erblüht es zum Abschied noch ein letztes Mal.

Genau so ist es in dem Film. Ein kleiner, unwichtiger Parteiausbilder erfährt durch Zufall, was in der Nacht passiert ist. Von der Angst angetrieben, greift er sich die Frau, die ihm das meiste auf der Welt bedeutet, und versucht mit ihr zu fliehen. Aber der Absatz ihres Schuhs bricht, bevor beide den Zug erreichen können. Und sie will natürlich sofort neue Schuhe haben. Also gut, aber nur die Schuhe und dann fliehen, so schnell es geht. Mit dem Auto, zu Fuß, egal wie, Hauptsache fliehen. OK, und jetzt nur noch ihren Pass bei den Musikern holen, der für eine Gitarre hinterlegt wurde. So trifft Valerij auf seine früheren Freunde, mit denen er viele Jahre in einer Band als Drummer gespielt hat. Da gibt es viel zu klären zwischen den alten Kumpels… Wer hat wen verraten, wer hat wen gerettet? Da ist Eifersucht – und Alkohol, den man kaum bekommen hat in diesen Jahren. Und so sitzt er am Ende buchstäblich mit ihnen allen in einem Boot auf dieser Reise ins Zentrum der Katastrophe, der er doch entkommen wollte. Als Anton Shagin das Drehbuch gelesen hatte, sagte er zu mir: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich es schaffe, mich in die Zeit von damals hineinzuversetzen. Da muss ich in mir besondere Knöpfe finden und drücken.“

Diese Aussage hat mich motiviert. Anton ist ein großer russischer Schauspieler – ich weiß niemanden, mit dem ich ihn vergleichen könnte. Ich habe schon lange keinen Menschen mehr getroffen, der so talentiert ist. Valerij Kabysh, den Anton im Film spielt, kann das Leben nicht aufhalten, das Leben ist stärker als der Tod. Deswegen ist es eine lebensbejahende Geschichte, trotz der tragischen Umstände.

Über die Produktion

Das Reaktorunglück von Tschernobyl in der Nacht zum 26. April 1986 markiert einen Epochenbruch ähnlich dem der Terroranschläge vom 11. September 2001: Es war ein als apokalyptisch wahrgenommenes Ereignis, nach dem nichts mehr so sein kann wie zuvor. Ein Ereignis, das die Selbstgewissheit der Menschen und ihren Glauben an die grenzenlosen Möglichkeiten der Technik und damit an die Beherrschbarkeit der Natur in ihren Grundfesten erschütterte. 2011 jährt es sich zum fünfundzwanzigsten Mal.

Informationen über die Tragweite der bis dahin größten Umweltkatastrophe der Menschheitsgeschichte und die Folgen des radioaktiven Fallouts drangen erst Stück für Stück an die Öffentlichkeit. Jenseits wie diesseits des Eisernen Vorhangs hatten viele ein Interesse daran, das Ausmaß und die Folgen des Unfalls zu verschweigen oder herunterzuspielen. Daher ist die Reaktorkatastrophe auch ein deutsch-deutsches Thema. Der 25. Jahrestag und der fahrlässige Umgang mit der Wahrheit waren der Anlass für unseren Film. Wir konnten nicht ahnen, dass er durch die Ereignisse in Fukushima eine erschreckende Aktualität erhält.

In unseren intensiven Auseinandersetzungen mit den Ereignissen in Pripjat/Tschernobyl und in zahlreichen Gesprächen vor Ort wurde deutlich, wie eng die Thematik mit der dortigen Bevölkerung und deren Lebensgefühl verbunden ist. Und so haben wir uns gegen einen klassischen Katastrophenfilm entschieden, sondern statt dessen für die wahre Geschichte eines jungen Parteifunktionärs, auf der das Drehbuch von Alexander Mindadze basiert, und damit zugleich für einen Regisseur, der aus dem betroffenen Land stammt und die Mentalität der Menschen kennt. Die politischen Botschaften des Films sind oftmals subtil, wie es der damaligen Situation entspricht, und gerade dies verleiht dem Film seine Authentizität.

Das Herz des Films sind die Menschen in der kleinen Stadt nahe dem Reaktor, die sorglos ihrem Wochenendvergnügen nachgehen und erst allmählich die tödliche Bedrohung ahnen, ohne sie wirklich einordnen zu können. Und selbst die, die davon wissen, schaffen es nicht, einfach wegzurennen. Nichtnur, weil man die Strahlung nicht sehen kann.

Auch, weil im Wissen um die Ausweglosigkeit plötzlich ungeahnte Fragen wichtig werden: Die Diskussion, ob jetzt auf einmal englische, also westliche Lieder erlaubt sind. Die Suche nach Rotwein, der einem Volksglauben zufolge die Strahlung dekontaminiert. Die Frage, wieviel Geld man für die Flucht braucht. Das Erschrecken darüber, dass eigentlich gerade die Schicht im zerstörten Reaktorblock IV beginnt. Und die Versöhnung mit dem Freund, der durch seine Parteikarriere einen Verrat beging. Was zählt wirklich, wenn man ahnt, dass der Todunausweichlich ist?

Im Film stehen die Leute in der Nacht nach der Explosion auf einer Brücke und sehen den Reaktor in Flammen, die Ventilationsrohre am Himmel wie Kerzen. Der Fluss leuchtet unten. Dass sie später die „Brücke des Todes“ genannt werden würde, werden die meisten von ihnen niemals erfahren.

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