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Fakten und Hintergründe zum Film "Am Ende kommen Touristen"

Fakten und Hintergründe zum Film "Am Ende kommen Touristen"
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Interview mit Robert Thalheim

Mit dem Hochschulfilm NETTO machte der Berliner Robert Thalheim (32) 2005 auf sich aufmerksam. Der Träger des Deutschen Filmkunstpreises schloss sein Regiestudium an der Filmhochschule Babelsberg mit dem Drehbuch zu AM ENDE KOMMEN TOURISTEN ab. Die Realisierung dieses Drehbuchs wurde sein Debütfilm – eine Produktion von 23/5 Filmproduktion in Koproduktion mit „Das kleine Fernsehspiel“ (ZDF). Auf dem 60. Filmfestival Cannes läuft AM ENDE KOMMEN TOURISTEN in der Sektion „Un Certain Regard“ als Weltpremiere.

Was bedeutet die Einladung nach Cannes für Sie?

Es ist natürlich toll in Cannes dabei zu sein. Ich war noch nie dort und es freut mich vor allem, dass den Film nun sicherlich einige Leute wahrnehmen werden und die Diskussionen, die wir während der Entwicklung des Stoffes hatten, sich im Gespräch mit dem Publikum fortsetzen können. Es ist eine große Belohung für den langen Weg, den die Produzenten Britta Knöller und Hans-Christian Schmid mit mir gegangen sind.

Wie ist der Titel entstanden?

Ich wollte im Filmtitel nicht das Wort Auschwitz verwenden. AM ENDE KOMMEN TOURISTEN ist der Titel eines Gedichtbandes des Berliner Autors Björn Kuhligk, dessen Gedichte allerdings nicht mit meinem Thema in Verbindung stehen. Der Titel hat mich sofort begeistert, weil er eine allgemeinere Dimension hat, aber sehr schön auf das Dilemma verweist, das mich auch in meinem Film beschäftigt. Auf der einen Seite liegt etwas Befremdliches darin, dass an einem Ort der Verbrechen des Nationalsozialismus heute Touristenbusse vorfahren und sich Leute vor dem Tor „Arbeit macht frei“ fotografieren. Auf der anderen Seite ist es eben wichtig, dass dieser Ort besucht wird und nicht in Vergessenheit gerät und dazu braucht es eine gewisse museale Infrastruktur.

Trägt der Film autobiografische Züge?

Ich habe, ähnlich wie mein Protagonist Sven, meinen Zivildienst in der Begegnungsstätte in Oswiecim geleistet. Das war für mich eine Möglichkeit, nach der Schule ins Ausland zu gehen. Das Nachbarland Polen war Anfang der 90er Jahre für einen Jugendlichen aus der Berliner Vorstadt exotischer als Asien. Ich war mit meinen Eltern viel in der Welt herum gereist, war als Austauschschüler in den USA, aber alles östlich vom Alexanderplatz erschien mir fremd und viel weiter entfernt. Die 18 Monate in Polen waren eine sehr prägende Zeit für mich. Es sind neue Freundschaften entstanden, ich bin in die polnische Kultur eingetaucht und habe begonnen mich mit dem Kino von Roman Polanski, Krzysztof Kieslowski und Andrzej Wajda zu beschäftigen. Polen war eine neue Welt für mich und es ist manchmal schwer zu erklären, dass sich mir das Land gerade von Auschwitz aus erschlossen hat. Aber genau dieser Widerspruch hat mich gereizt, an diesem Ort eine fiktionale Geschichte zu erzählen, die nichts konkret Autobiografisches enthält.

Ist die Geschichte des Holocaust-Überlebenden, der in Auschwitz geblieben ist, wahr?

Als ich als Zivi in Auschwitz gearbeitet habe, wohnten noch fünf ehemalige polnische politische Häftlinge, zu denen ich teilweise ein sehr persönliches Verhältnis hatte, in der Stadt. Viele kümmerten sich um das Museum und sprachen mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse. Sie sind da geblieben oder zurückgekommen, um das Museum aufzubauen und zu erhalten. Irgendwann ist das Museum Teil ihres Lebens geworden, sie haben dort Familien gegründet und sind nicht mehr weggegangen.

Wie für Krzeminski in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN war ihr Alltag dort auch immer ein stiller Triumph: „Seht her, wir leben noch – und Eure Taten sind hier dokumentiert für die Welt.“ Heute lebt nur noch ein ehemaliger Häftling, Kazimierz Smolen, in der alten Kommandantur am ehemaligen Lager. Nur noch wenige Besucher haben die Möglichkeit, sich von Menschen berichten zu lassen, die das Lager wirklich erlebt haben.

Wie hätte Andrzej Wajda wohl Am Ende kommen Touristen erzählt?

Ich bewundere am Kino Wajdas, wie es ihm gelingt, große gesellschaftliche Themen anhand persönlicher Geschichten zu erzählen. Aber als Filmemacher hätte er sich wahrscheinlich stärker an die historischen Vorgänge – beispielsweise durch Rückblenden – gehalten. Das ist es ja gerade, dass sich viele Filme mit den historischen Ereignissen auseinandersetzen oder sie als Kulisse für ihre Geschichte benutzen. Mich haben aber die Auswirkungen und der Umgang mit diesen Ereignissen am heutigen Ort Auschwitz interessiert. Und als Pole wäre seine Perspektive auf das Thema ohnehin eine andere. Er dreht gerade einen Film über die Verbrechen der Roten Armee in Katyn. Mal sehen, wie er das macht.

Wie sind Sie bei der Besetzung vorgegangen?

Vor allem nach den drei Hauptdarstellern haben wir mit Hilfe von Simone Bär in Berlin und Magda Szwarcbart in Warschau sehr lange gesucht. Mir war es wichtig, für Sven ein unbekanntes Gesicht zu finden, das nicht für den Zuschauer schon durch andere Rollen besetzt ist. Obwohl Alexander Fehling zum ersten Casting zwei Stunden zu spät aufgetaucht ist, war nach einem Jahr der Suche dann schnell klar, dass wir Sven gefunden hatten. Alex ist wirklich ein unglaublich genauer und ehrgeiziger Schauspieler. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er mich immer wieder herausgefordert hat und nichts mit sich hat machen lassen, was ihm selbst künstlich oder gestellt vorgekommen wäre. Ryszard ist ein Schauspieler alter Schule, seine Filmographie liest sich wie die Chronologie des polnischen Kinos. Ich war beeindruckt mit welcher Geduld und Offenheit er uns Jungen begegnet ist. Er ist eng befreundet mit einigen ehemaligen Häftlingen, das hat ihm für die Rolle sehr geholfen.

Wie haben sich die Dreharbeiten in Polen gestaltet?

Da es mir wichtig war, an Originalmotiven zu drehen, waren wir an allen 28 Drehtagen in Oswiecim. Allerdings bin ich schon vier Wochen vor Drehbeginn mit den Hauptdarstellern dort gewesen. Wir haben uns Zeit genommen, um uns das ehemalige Lager und die Stadt anzuschauen. Großartig war für mich, dass die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz, in der ich ja selbst gearbeitet habe, uns so intensiv unterstützt hat. In Oswiecim haben wir vor Drehbeginn die wichtigsten Szenen geprobt und vom 26. Juli bis 1. September 2006 gedreht. Dabei hat uns die polnische Serviceproduktion Nordfilm Gdynia sehr unterstützt. Gedreht wurde in einer Mischung aus Deutsch, Polnisch und Englisch – immerhin war die Hälfte des gesamten Teams polnisch. In der Stadt sind wir auf sehr positive Resonanz gestoßen, viele Leute wollten uns helfen oder als Komparsen mitmachen. Sie haben sich gefreut, dass ihre heutige Stadt und ihr Umgang mit der Vergangenheit einmal zum Thema gemacht wurden. Es war sehr wichtig für mich, dass viele der Leute im Team dabei waren, denen ich mich seit der gemeinsamen Arbeit an NETTO sehr verbunden fühle: Stefan Kobe (Schnitt), Yoliswa Gärtig (Kamera), Anton K. Feist (Ton- und Musikgestaltung) und Michal Galinski (Szenenbild).

Wie sah Ihr ästhetisches Konzept aus?

Mir geht es um die Konzentration auf die Charaktere, die Schauspieler. Ich wollte mich dem Thema sachlich, dokumentarisch, mit einer behutsamen Handkamera nähern. Daher haben wir zu Gunsten des Drehverhältnisses auf kostenintensive Kamerafahrten und aufwändigen Lichteinsatz verzichtet.

Was hat dieser Ansatz für Ihren visuellen Umgang mit dem ehemaligen Konzentrationslager bedeutet?

Von vornherein war es immer wieder ein Thema, wie wir diesen Ort zeigen sollen. Wie man in Dialog mit den Bildern treten kann, die viele Zuschauer im Kopf haben, ohne sie einfach zu verdoppeln. Mir ging es darum, die Perspektive von jemandem zu illustrieren, der nicht als Besucher für einige Stunden kommt, sondern um für einige Zeit dort zu leben und zu arbeiten. Gerne hätte ich dazu auch einige dokumentarische Szenen auf dem Gelände der Gedenkstätte gedreht, verstehe aber, wenn die Leitung des Museums Spielfilmaufnahmen grundsätzlich untersagt. Wir haben daher einige Orte, die uns für unsere Erzählung unerlässlich erschienen, nachgebaut. Dazu gehörten die Kofferausstellung und der Gang von Sven durch eine ehemalige Lagerstraße in Auschwitz I. Ansonsten haben wir originale Ansichten des ehemaligen Lagers von außen gewählt, die einem auch im Alltag der Stadt begegnen. Beispielsweise wenn die Jugendlichen nahe des Museums baden gehen, Sven und Ania mit dem Fahrrad an dem langen Zaun von Birkenau entlang fahren oder durch das Dorf Monowitz (Auschwitz III) gehen. Ich setze darauf, dass der Zuschauer an diesen Stellen selbst die historischen Bilder abrufen kann oder zumindest wie Sven durch die Geschichte von Krzeminski eine Ahnung von den Verbrechen der Vergangenheit dieses Ortes bekommt.

Zwischen polnischem Hardrock und Schubert oszilliert der Film durch den Einsatz von verschiedenen Musikstilen…

Schon früh gab es einige Lieder, die ich mir für den Film vorgestellt habe. Dazu gehörte der Titelsong von Czeslaw Niemen, die Schubertmusik und die Rockmusik von Coma, der Band von Anias Bruder Krzysztof. Niemen ist eine Musikerlegende, das Stück hat eine unheimliche Kraft und ist für mich ganz persönlich eng mit Polen verbunden. Auch der Text überschneidet sich auf merkwürdige Weise mit den widersprüchlichen Eindrücken in Svens erster Fahrt durch die Stadt: „Verrückt ist diese Welt“ heißt das Lied und erzählt davon, was der Mensch dem Menschen anzutun im Stande ist, dass sich aber am Ende die Menschlichkeit durchsetzen wird. Bei Krzeminskis Leidenschaft für Schubert geht es mir um den Widerspruch, der für uns darin liegt, wenn ein ehemaliger KZ-Häftling deutschsprachige Kultur schätzt. In meiner Zeit in Auschwitz habe ich Herrn Opuczinski kennen gelernt, der immer stolz mit seinem Mercedes zum Zeitzeugengespräch vorgefahren ist und Herr Smolen, der immer gesagt hat: „Aber die Sprache kann doch nichts dafür.“

Die Band Coma ist eine real existierende, erfolgreiche polnische Rockband, deren Leadsänger der Schauspieler Piotr Rogucki ist. Ich habe ihn als Schauspieler entdeckt, bevor ich wusste, dass er auch Musik macht. Sie haben den Drehtag der Konzertszene auf ihrer Homepage veröffentlicht und dann sind hunderte Jugendliche aus ganz Polen angereist, die wir gar nicht alle hineinlassen konnten. Ich mag es eigentlich nicht, wenn Musik zur Emotionssteigerung eingesetzt wird. Trotzdem haben Anton K. Feist und Uwe Bossenz es geschafft, eine sehr dezente Filmmusik zu komponieren, die den Film und die verschiedenen Originalmusiken zusammenfügt.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich arbeite mit einem Stipendium der DEFA-Stiftung an einer Tragikkomödie, über selbständige Ladenbesitzer, die von der Pleite bedroht sind. Außerdem entwickle ich mit Alexander Buresch einen Art-House Thriller und lese viele fremde Drehbücher, in der Hoffnung, dass mich eins so berührt, dass ich es verfilmen möchte…