Fakten und Hintergründe zum Film "Alter und Sch?nheit"

Kino.de Redaktion |

Alter und Schönheit Poster

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Interview mit Michael Klier

Welche Idee steht hinter ihrem Film?

Ich wollte die Generation, die zur Zeit der Gründung der Bundesrepublik geboren wurde, 50 Jahre später zeigen, zu einem Zeitpunkt, an dem sie gezwungen wird, ein Resümee ihres Lebens zu ziehen und zu erkennen, was sie aus ihren Träumen und aus ihrem Leben gemacht hat. Diese Männer sind emotional gescheitert, ihren Frauen und ihren Kindern gegenüber. Das ist ihr großes Manko, und sie ahnen es. Dabei stammen sie ja aus einer Zeit, in der immer alles gut ging und aus einer Generation, die über Jahrzehnte nur Wohlstand kannte, und immer nur vorwärts wollte. Nun werden diese Männer mitten im Leben plötzlich angehalten. Sie müssen sie sich fragen, ob sie den für sie richtigen Weg gegangen sind.

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Für die dynamischen Jahre von Wirtschaftswunder und Wohlstand steht im Film der Ferrari. Die Idee für diesen Film ist aber auch ihrem Kurzfilm „Ferrari“ geschuldet?

Ich habe vor Jahrzehnten einen Kurzfilm gedreht, mit dem Titel „Ferrari“, wo ein junger Typ, der ein Jaguar Coupé fährt, in einem Schaufenster einen Ferrari erblickt und verkündet, dass er diesen Wagen haben muss. Mein Traum ist ein Ferrari, sagt er von da an… Dieser Traum erfüllt sich 30 Jahre später. Ich wollte einfach wissen, was aus diesem jungen Mann, was aus seinem Leben und seinem Traum geworden ist, in welcher Lage er sich heute befindet.

Eine sensationelle Besetzung - wie ist es zu der Besetzung gekommen?

Mir war es wichtig, Schauspieler zu finden, die vor allem Leichtigkeit ausstrahlen können und nicht diese Schwere in sich tragen, die man bei deutschen Schauspielern oft findet. Das hätte den Film so bedeutungsschwanger gemacht, wie ich ihn überhaupt nicht haben wollte. Dass jeder dieser Schauspieler seine Figur sozusagen überzeugend darstellen kann, versteht sich von selbst, genau so wichtig war mir, wie man filmisch, visuell gestaltet, ihnen eine „Erscheinung“ auf der Leinwand gibt, die von ihrem üblichen Image abweicht. Mir lag es daran, diese bekannten Schauspieler so zu filmen, dass man sie neu entdecken kann. Armin Rohde z. B., den man ja als oft als quirligen, lauten Schauspieler erlebt, einfach nur still und sanft, sozusagen minimalistisch, sein zu lassen. Wenn ich Sibylle Canonica eine Perücke aufsetze, dann um aus ihr einen ganz anderen Typus zu schaffen. Und Peter Lohmeyer wirkt derart anders mit Bart und kommt dadurch von seinem eigenen Image weg, was für seine Figur wichtig war. Mein Hintergedanke war, Leichtigkeit und Tiefe in die Darstellung zu kriegen.

Sie hatten ein Ensemble von hochkarätigen und viel beschäftigten Schauspielern, aber relativ wenig Drehtage. Alles Profis, keine Frage, aber muss man nicht gerade mit derart profilierten Darstellern zunächst das Zusammenspiel proben?

Also, diese Zeit für ausführliche Proben hatten wir natürlich nicht. Und dann will ich auch nicht vorher unbedingt alles wissen, es ist keine Theaterarbeit, es ist Film, der eine eigene Magie entfaltet. Ich mag es beim Filmen und beim Drehen, mich überraschen zu lassen, von den Schauspielern, vom Licht, von etwas, was sich direkt am Set aus der Situation aufdrängt. Und was die Rollen anbetrifft, so sind es ja keine psychologischen Figuren, die eine Entwicklung durchlaufen, sie brauchen deshalb auch keine Studien betreiben. Das Spiel der Darsteller besteht ja aus einer Mischung aus eigenen Empfindungen und jener, die diese Figur ihnen abverlangt. Mit wenig Gestus viel ausdrücken, das ist eine Linie, an der ich entlang arbeite. Und dabei ist letztlich doch nur wichtig, dass du einem Menschen in die Seele schauen kannst, und die Schauspieler dir dies ermöglichen.

War es schwer mit den Schauspielern, jeder für sich doch ein Star zu arbeiten?

Eigentlich nicht. Sie waren alle interessiert an so einem Thema. Aber jeder von denen ist ja ein alter Fuchs in diesem empfindsamen Beruf. Und da musst du manchmal als Regisseur wie ein Diplomat agieren, um so viele große Namen zum Zusammenspiel zu bringen und sich nicht einer von ihnen in den Vordergrund spielt. Wichtig war mir dabei, eine gewisse Unschuld in ihrem Spiel herzustellen, auf ihren Gesichtern etwas zu evozieren, die ja nicht mehr jung sind, aber auch nicht alt. Ich wollte sie, das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch an, zum Leuchten bringen - durch das Licht der Kamera, durch subtile Nuancen in ihrem Spiel, durch Blicke, durch die Bewegung des Körpers - und ich hoffe, dass es mir geglückt ist. Dass alle vollkommen unkompliziert waren, würde ich nicht sagen. Also nicht ganz, zum Glück nicht, denn nur so sind sie, nachdem der Regisseur „Action“ gebrüllt hat, gleichzeitig wie aufgeladen und erlöst. Das kann sehr faszinierend sein, wie sie dich dann mit einer Einfachheit im Spiel überraschen, mit der es ihnen gelingt, ihre Figuren zu transzendieren.

Es gibt verschiedene Typen von Regisseuren - sind Sie eher der Dompteur oder mehr der Moderator?

Heute bin in meinem Auftreten eher zurückhaltend, also keiner, der am Set groß herumtönt. Ich bin jetzt leise. Ich spreche mit jedem einzeln. Ich stimme sie ein, wie ein Coach einen Fußballspieler, der ihm suggestiv die zwei, drei wichtigen Dinge ins Ohr flüstert, am Spielfeldrand. Mehr braucht man auch den Schauspielern nicht unbedingt sagen. Das Ziel ist ja ein Wahrhaftigkeitsgefühl im Spiel herzustellen, und die emotionalen Akzente zu setzen, die subtil oder intensiv sein können, je nachdem.

ALTER UND SCHÖNHEIT ist ein Film über Männer. Ich habe das Gefühl, dass die Frauen ein wenig zu kurz kommen.

Aber es gibt Sibylle Canonica, und das ist der atomare Kern des Films, wenn man so will, von da geht die Spaltung der Materie aus, denn sie ist die eigentlich starke, die schillernde Figur, die ein Geheimnis hat, was auch nicht gelüftet wird, das man aber erkennen kann, wenn man sehr genau hinsieht. Sie hat ihre Spuren hinterlassen, daran entlang bewegt sich der Film in seiner Inneren Bewegung. Jeder der vier Männer sieht sie anders, du kannst dir kein Bild von ihr machen, das ganz deutlich wäre. Sie ist eine sehr selbständige, starke Figur, auch in der Schwäche stark. Natürlich hat es eine Frau, die älter wird und so derangiert auftritt wie sie, schon äußerlich viel schwerer als die Männer. Aber das juckt eine Figur wie Rosi und auch die Schauspielerin Sibylle Canonica nicht im Geringsten. Insofern bildet sie ein starkes Gegengewicht zu den vier Männern. Aber es gibt noch einen anderen, interessanten Frauenaspekt im Film. Die Frau von Bernhard, Britt (gespielt von Friederike Wagner), ist scheinbar spröde und kühl. Das soll auch ein Licht auf ihren Mann werfen. Wer sich so eine Frau aussucht, hat Schiss vor Frauen und würde es nie wagen, sich gegen sie durchzusetzen. Braucht aber auch so eine Frau. Trotzdem ist sie es, die alles zusammenhält, die sich nicht in romantischen Flashbacks und nicht in romantischen Krisen suhlt wie er. Er kifft auf einmal wieder und hat irgendwo noch eine Sehnsucht. Diese Sehnsucht ist bei seiner Frau längst nicht mehr da. Sie gehört zu einer anderen Generation, ist zehn Jahre jünger und ist straight. Sie geht ihren Weg. Sie darf nicht ergänzen und alles lieb machen, sondern cool sein. Das war die Idee für diese Figur. Die Männer sind, wenn man will, die letzten Romantiker, danach kommt eine andere Generation.

Haben diese Männer aus dem Film richtig gelebt?

Was heißt schon richtig gelebt. Sie haben gut bis sehr gut gelebt, sind aber irgendwie tief im Innern unzufrieden. Sie haben da und dort Frauen und Kindern, aber es ist so schwierig das alles zusammen zu kriegen, und sie weigern sich eigentlich auch Konsequenzen daraus zu ziehen, obwohl ihnen immer wieder kleine Schreckenschreie entfahren, wenn sie von ihren Frauen oder Kindern reden, weil diese „gestandenen Männer“ von ihnen verunsichert werden. Wenn Henry Hübchen rumstöhnt, weil er sich zwischen Ehefrau und Geliebter jetzt entscheiden muss, und klagt, warum kann es denn nicht so bleiben, wie es ist, das ist doch ideal, dann bringt dieser Spruch das ziemlich genau auf den Punkt. Aber es bleibt nicht, wie es ist. Das ist mehr als die gern beschworene Midlife Crisis, die ja eigentlich ein Männerprivileg ist. Es geht darum, wie man in diesem Chaos von Extremindividualismus zusammen kommen kann.

Wie geht das Leben für die drei Freunde weiter?

Keine Ahnung. Gut, hoffe ich, sie sind in jedem Fall sensibilisiert, für das was kommt.

Und was nehmen die Kinozuschauer nach Hause mit? Ist das ein Film, der sich nur an Ihre Generation richtet oder ist es auch ein Film, den 30jährige Jugendliche in der Tragweite schon verstehen?

Der Tod ist in diesem Alter kein Thema. Ich glaube, dass mein Publikum im Bereich der zweiten Lebenshälfte anzutreffen ist, und ich glaube, dass diese Zielgruppe immer relevanter wird, denn es gibt jetzt öfters Filme für sie. Diese Menschen gehen ins Kino, um etwas über das Leben zu erfahren. Und sie haben ganz bestimmt eine dringliche Neugier für Fragen, die mit ihrer aktuellen Lebenssituation zu tun haben. Altern, Sterben, Verlust von Schönheit, auch im weiteren Sinne, sind große Themen.

Sie haben eine lange Filmbiografie, aber in diesem Filmleben relativ wenig Filme realisiert.

Als ich angefangen habe, Ende der 80er Jahre, war es gar nicht so leicht, Filme zu machen. Ich war der erste Regisseur, der beim Kleinen Fernsehspiel Filme gemacht hat, die nach der Fernsehausstrahlung ins Kino gekommen sind, denn ich habe die Rechte von meinen eigenen Filmen gekauft und innovative Verleiher haben sie ins Kino gebracht. Die Filme waren auch auf Festivals sehr erfolgreich und ich habe viele Filmpreise gewonnen. Ich habe zwar früh angefangen mit kurzen Filmen und Portraits über berühmte Filmeregisseure, dann aber Philosophie und Geschichte an der FU studiert und mein Leben mehr dem Fußball zugewandt und sehr lange in Vereinen gespielt. Die Stimmung war also Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre ganz anders, weitaus schwieriger als heute. Damals gab keine richtige Filmwelt und es gab in dieser Zeit keinen Filmemacher, der kontinuierlich drehen konnte, denn es war schwer, einen anspruchsvollen Film zu finanzieren. Ich war gewissermaßen zu früh – und dadurch auf mich allein gestellt. Fernsehen habe ich nicht gemacht.

Sie waren sozusagen ein Vorläufer der Berliner Schule. Gleichzeitig merkt man ALTER UND SCHÖNHEIT an, dass Sie vom französischen Film beeinflusst sind. Das ernste Thema wird nicht teutonisch schwer abgehandelt, stattdessen hat Ihr Film eine französische Anmutung.

Kamera und Musik haben dazu natürlich beigetragen. Die Kamerafrau Sophie Maintigneux ist Französin, der Komponist Laurent Petitgand ist Franzose. Und ich selber fühle mich ein bisschen der Nouvelle Vague verbunden, was man an dem erwähnten Kurzfilm erkennen kann, von dem ja ein paar Ausschnitte in ALTER UND SCHÖNHEIT zu sehen sind. Bei aller befürchteten „Dunkelheit“ des Themas Sterben war es mir wichtig, die klare Transparenz der Bilder, ihr Leuchten dagegen zu setzen. Und auch eine Kamera zu haben, die den Figuren Raum gibt als Zeichen dafür, dass sie, im Alltag längst erstarrt, während der Geschichte wieder in Bewegung kommen. Wir schauen den Figuren dabei zu wie sie sich öffnen: für sich selbst, für die anderen, für das, was noch kommt in ihrem Leben. Laurent Petitgand hat eine echte Kinomusik komponiert, die einen Film und seinen Protagonisten Flügel verleihen kann. Kamera und Musik, der Film hat von beiden auf schöne Weise profitiert.

ALTER UND SCHÖNHEIT hebt sich ab von dem, was als deutscher Film im Kino läuft. Ein stiller, leiser Film, der zurückhaltend, geradezu scheu seine großen Themen umkreist statt sie kinomäßig groß auszustellen. Was heißt denn schon „kinomäßig“?

Große Gefühle, große Gesten, denen ich nicht eine Sekunde lang trauen würde? Ich will auch niemand „packen“ oder ergreifen. Heute muss man bei der Darstellung von Gefühlen auf Distanz gehen, sie eher andeuten als bunt ausmalen, denn in der großen Geste findest du keine Wahrhaftigkeit mehr, sondern billige und abgenutzte Klischees wie man sie oft im Kino oder im Fernsehen sehen kann. Für mich völlig uninteressant. ALTER UND SCHÖNHEIT ist ein Film, der nicht altmodisch auf Pathos setzt, sondern ganz modern ist in der minimalistischen Beschreibung der Emotionen. Ein Film, der kein Gemälde sein will, sondern ein Aquarell ist, eine Tuschzeichnung mit leichten Farben, die ein paar Männer und eine Frau in einem Moment ihres Lebens zeigt, wo sie noch einmal aufblühen. Wenn man so will ein Patchwork aus Blicken, kaum sichtbaren Gesten, einer gelegentlich komödiantisch anmutenden Körpersprache und lakonischen Dialogsätzen besteht – eine filmische Meditation über Tod, Alter, Schönheit, Verfall, Freundschaft und Liebe.

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