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Fakten und Hintergründe zum Film "Alle Anderen"

Kino.de Redaktion |

Alle Anderen Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit Birgit Minichmayr (Gitti)

Was für ein Frauentyp ist Gitti?

Sie ist authentisch und entspricht dabei wohl eher einem selbstbewussten, moderneren Frauentyp. Sie stellt sich aber relativ schnell der Tatsache, dass sie gerne anders wäre. Vor allem in Bezug auf ihren Freund Chris.

Was, meinen Sie, hält Gitti und Chris zusammen; was zieht sie zueinander hin, und was treibt sie später auseinander?

Gitti mag an Chris, dass er so ein ruhiger Typ ist, etwas künstlerisch versponnen … Ich glaube, dass da eine starke gegenseitige Liebe vorhanden ist. Vielleicht passt gerade, dass sie unterschiedlich sind, er holt sich ihre Energie und sie sich seine Ruhe, durch die Gegensätze ziehen sie sich an, sie brauchen einander.

Ist die Art und Weise, wie die Protagonisten miteinander umgehen, typisch für eine bestimmte Generation?

Ja, ich finde das schon sehr generationstypisch, diese unabhängigen Pärchen, die nicht so sein wollen wie alle anderen. Wir leben eben in einer Zeit, in der beide Geschlechter sehr selbstbewusst mit ihrer Arbeit umgehen. Bei der Generation meiner Mutter ist das zum Beispiel überhaupt noch nicht der Fall. Meine Figur hat gar nicht so ein Interesse an Erfolg, sie sucht die Erfüllung mehr in der Liebe. Chris ist da anders, er ist eher auf der Suche nach Anerkennung und nicht so sehr nach Liebe.

Wie haben Lars Eidinger und Sie das beeindruckend authentische und überzeugende Verhältnis zueinander spielen können, haben Sie aus eigenen Paarerfahrungen geschöpft, mussten Sie beide sich zum Beispiel erst richtig gut kennenlernen, oder muss man sich dafür einfach komplett auf diesen fremden Charakter einlassen?

Dass wir schon lange wussten, wir würden diese Rolle zusammen spielen, hat sehr geholfen, und dass Maren über das Jahr verteilt sehr oft und immer wieder mit uns geprobt hat – man hatte sich also immer wieder gesehen. Alles andere ist eben Vorstellungskraft, das ist die Arbeit des Schauspielers. Aber ganz lustig war in dem Zusammenhang das Casting: Dabei lief es zwischen Lars und mir relativ sperrig, glaube ich; ich habe am zweiten Tag gedacht, dass ich es total versemmelt hätte. Doch für Maren stimmte etwas. Ich hatte das Gefühl, bei Lars Eidinger musste ich mich anders abarbeiten. Das war Marens Geschick, dass sie das gemerkt hat.

Wie sah die Vorbereitung auf die Rolle aus?

Natürlich achtet man viel auf Liebesthematiken, wir haben auch gemeinsam viele Filme geguckt. Dann Figurenarbeit: Wie ist meine Figur, welche Eigenheiten hat sie; das haben wir mit Maren immer wieder besprochen. Ich habe mich ansonsten einfach sehr viel mit dem Drehbuch beschäftigt, fast, als ginge es um ein Theaterstück. Das habe ich eigentlich noch nie bei einem Filmdrehbuch gemacht. Es hat funktioniert, weil so viele Dialoge und Texte drin sind, bei denen man merkt und anreißen kann, was da alles drunter liegt. Erst beim Drehen selbst entsteht dann das fertige Bild.

Alles spielt fast durchgehend im Ferienhaus und drum herum, wie wirkt sich das auf das Spielen aus?

Das war unglaublich toll, die Produzentin Janine und Maren haben ein fantastisches Team zusammengesucht, wie eine große Familie. Wir hatten keinen Lagerkoller, wir haben alle auf dem Hügel in Torre delle Stelle gewohnt, es war sehr familiär und hat viel Spaß gemacht. Nach Drehschluss konnte man noch ins Meers springen. Nur in der Mittagspause durften wir das nicht, weil sonst die Maskenbildnerin ausgerastet wäre.

Wie haben Sie von dem Film gehört, und was war Ihr erster Eindruck beim Lesen des Drehbuchs?

Die Casterin Nina Haun hat mich für die Rolle vorgeschlagen, ich habe das Buch gelesen und war begeistert. Ich hatte Marens Film „Der Wald vor lauter Bäumen“ gesehen, den ich ganz fantastisch fand, und sie hat mich als Regisseurin unglaublich interessiert. Das Casting selbst hat viel Spaß gemacht, weil Maren dabei sehr energetisch präsent war, ihre Anwesenheit hat mich sehr gepuscht, man hat sich geradezu animiert gefühlt, ihr etwas vorzuspielen. Dann wurden verschiedene Pärchenkonstellationen getestet, und danach hieß es: du und Lars. Ich hab mich wahnsinnig gefreut, weil ich Maren für eine sehr besondere Regisseurin mit einer ganz eigenen Filmspracheund einem unglaublichen Gespür für Sprache halte. Ich hatte das Gefühl, auf sehr hohem Niveau arbeiten zu können, mit einem hohen Anspruch aller Beteiligten aneinander. Das ist eine Arbeitsgrundlage, die ich sehr liebe, die mich kreativ macht und mir Hingabe erlaubt.

Interview mit Lars Eidinger (Chris)

Was für ein Typ ist Chris?

Das kann ich nicht sagen. Ich kann Ihnen ja auch nicht sagen, was ich für ein Typ bin. Meiner Meinung nach schränkt eine Typisierung einen Schauspieler generell eher ein, da Figuren genau wie Menschen komplexe Gebilde sind, die sich in ihrer Art und in ihrem Verhalten nicht auf eine Formel herunterbrechen lassen. Einen Charakter zeichnet in erster Linie aus, wie er sich in bestimmten Situationen verhält und welche Entscheidungen er trifft – und ein Spieler muss das nachvollziehbar machen und beglaubigen. In dem Moment, in dem er sich auf einen Typen festlegt, läuft er immer Gefahr, ins Klischee zu verfallen. Als Darsteller muss ich den Verlauf und die Entwicklung einer Figur verstehen, um sie spielen zu können.

Können Sie das Verhalten, das Chris an den Tag legt, nachvollziehen? Kennen Sie diese Situation, sich einer Sache unsicher zu sein, etwas ändern zu wollen, aber nicht zu wissen, was?

Wenn ich nicht in der Lage wäre, Chris′ Verhalten nachzuvollziehen, könnte ich ihn auch nicht spielen. Zumindest nicht so, dass die Figur glaubwürdig erscheint. Was ich gut verstehen kann, ist der Konflikt, dass man sich seinem Partner mitteilen will, aber befürchtet, an Attraktivität einzubüßen, indem man dem anderen seine Ängste und Schwächen offenbart. Natürlich kenne ich das Gefühl, unsicher zu sein, bevor ich gewisse Entscheidungen treffe. Aber auch hier wittert man doch immer die Gefahr, im Ansehen des Partners zu sinken, wenn man eine Entscheidung nicht mit Gradlinigkeit fällt, sondern den Partner zu sehr an seinen Selbstzweifeln teilhaben lässt. In einer Beziehung geht es schließlich immer um Macht, darum, die Balance zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit auszutarieren.

Wie würden Sie die Entwicklung beschreiben, die Chris im Film durchmacht?

Chris hadert mit seiner Situation, sowohl beruflich als auch privat. Er geht bewusst das Risiko ein, die Beziehung zu Gitti aufs Spiel zu setzen, um eine Veränderung, egal in welche Richtung, zu provozieren.

Wie haben Birgit Minichmayr und Sie das beeindruckend authentische und überzeugende Verhältnis zueinander spielen können?

Die Beziehung zwischen Gitti und Chris ist einfach sehr gut geschrieben, vor allem, was die Dialoge angeht. Birgit und ich hatten verhältnismäßig wenig Raum zu improvisieren, und Maren hat sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir die Texte so sprechen, wie sie sie aufgeschrieben hat. Es zeugt absolut für Marens Talent, dass sie Dialoge so authentisch und glaubwürdig klingen lässt. Birgit und ich haben uns erst beim Casting kennengelernt, und obwohl Maren überzeugt war, dass wir Gitti und Chris sind, hat es schon ein bisschen gedauert, bis wir zueinander gefunden haben. Wir hatten eine sehr lange und intensive Probenphase, in der wir gemeinsam mit dem Kameramann Bernhard Keller das Buch zweimal komplett durchgespielt haben. Wenn man die ersten Aufnahmen mit dem vergleicht, was letztendlich im Film zu sehen ist, merkt man, wie wichtig diese Vorbereitung war und wie sehr unser Spiel miteinander dadurch gewonnen hat. Eine Beziehung ist ja im Film immer erst mal bloße Behauptung, umso erstaunlicher ist es, wenn es dann für den Zuschauer funktioniert.

Wie war die Zusammenarbeit mit Maren Ade?

Maren ist sehr genau, nahezu pedantisch, was die Umsetzung ihres Buches angeht. Sie hat eine außerordentlich präzise Vorstellung, wie die Szenen zu laufen haben. Das führte dazu, dass wir Einstellungen sehr oft wiederholen mussten. Sie kann jedoch auch überaus genau beschreiben, was ihr fehlt, und Hilfestellung geben. Da fühlt man sich als Spieler zwar äußerst gefordert, aber auch sehr gut aufgehoben. Vor Drehbeginn hat mir Maren ein Bild gezeigt, auf das sie die Figur Chris und ihre Entwicklung innerhalb des Films gemalt hatte. Das habe ich mir in meinem Apartment übers Bett gehängt und draufgeschaut, wenn ich mal nicht weiterwusste.

Wie sah Ihre Vorbereitung auf die Rolle aus?

Ich habe sehr viel geschrieben. Frei assoziiert, was ich mir vorstellte, wo Chris herkommt. Über Freundinnen, die er vor Gitti hatte, was er vom Leben erwartet, welche Sehnsüchte und Ängste in ihm stecken. Welche Beziehung er zu seinen Eltern hat, wie er aufgewachsen ist, aus welchem sozialen Kontext er kommt. Und ich habe mich als vermeintlicher Architekturstudent eine Zeit lang im Architekturbüro Sauerbruch Hutton einschleusen lassen, um eine konkretere Vorstellung davon zu bekommen, wie Architekten arbeiten. Außerdem habe ich Italienisch gelernt.

Alles spielt fast durchgehend im Ferienhaus und drum herum, wie wirkt sich das auf das Spielen aus?

Das Haus hatte eine wahnsinnige Magie, und teilweise kam es mir so vor, als verbrächten Gitti und Chris zu dritt ihren Urlaub: die beiden und das Haus. Das liegt natürlich vor allem daran, dass das Ferienhaus Chris′ Eltern gehört und er sich permanent daran abarbeiten muss. Der Ort ist also schon besetzt. Auf das Spiel hatte es insofern eine Wirkung, dass die Konzentration vor allem auf dem Partner liegt, da keine ständig wechselnden Motive ablenken. Die Szenen haben ja oft etwas seltsam Modellhaftes, und obwohl das Haus tatsächlich auf Sardinien steht, kam es mir manchmal so unwirklich vor, als ob wir irgendwo im Studio arbeiteten. Auch der Moment, in dem wir plötzlich zur Wanderung in die Berge aufbrachen und das Haus zurückließen, hatte nach all der Zeit, die wir dort verbracht hatten, etwas beinahe Monströses.

Wie haben Sie von dem Film gehört, und was war Ihr erster Eindruck beim Lesen des Drehbuchs?

Dirk Engelhardt, einer der Produzenten von ALLE ANDEREN, hatte mir von dem Projekt erzählt. Unabhängig davon schlug mich die Casterin Nina Haun für die Rolle vor. Ich war sofort begeistert vom Buch. Maren hat eine sehr eigene Art zu erzählen, und ich war beeindruckt von der Spannung, die von der Geschichte ausgeht, ohne dass sie klassischen Erzählstrukturen folgt und ohne dass es einen vordergründigen Konflikt gibt, an dem sie sich aufhängt.

Interview mit Maren Ade (Regie, Drehbuch, Produkti

Es scheint, als würden Gitti und Chris für eine Generation moderner Beziehungen stehen, die auf keinen Fall angepasst sein möchte und permanent auf der Suche nach sich selbst ist. Können Sie uns etwas über die Idee zu diesem Stoff erzählen?

Es gab nicht nur die eine Idee. Es ging ein Prozess voraus; die Idee setzte sich nach und nach zusammen. Manche Elemente, die am Anfang unwichtig waren, wurden später stärker. Ich lasse mich beeinflussen, von den Menschen, die mir begegnen oder von dem, was mir passiert. Irgendwann wusste ich, dass ich einen Film über ein Paar machen möchte, aber das Thema stand nicht ganz am Anfang. Ich wollte von einer Liebesbeziehung erzählen, die noch nicht lange andauert, in der es noch vieles auszukämpfen gibt und in der man noch Angst hat, sich zu offenbaren. Mich hat dieses verworrene, einzigartige Gebilde interessiert, das zwei Menschen ergeben, wenn sie eine Liebesbeziehung führen. Dieses chaotische Geflecht aus Sehnsüchten, Geheimnissen, Ansprüchen, Machtverhältnissen und Ritualen. Die Hauptfigur sollte das Paar sein und keine einzelne Person. Und ich wusste nach meinem letzten Film, dass ich mich in gewissen Punkten nicht wiederholen möchte. Einer dieser Punkte war, dass ich Hauptfiguren wollte, die mir soziologisch näher sind.

Also wollten Sie etwas Autobiografischeres machen?

Nein, aber ich wollte, dass meine Figuren einen ähnlichen Alltag oder ähnliche Berufe haben. Das ist natürlich nicht autobiografisch, aber es steckt zwangsläufig in diesem Film viel von mir. Ich habe ja nur meinen Kopf und meine Gefühle, aber ich bin nicht Gitti und auch nicht Chris. Trotzdem empfinde ich einen Film als etwas Privates, gerade weil das alles ausgedacht ist. Ich zeige, worüber ich nachdenke, was mich beschäftigt. Es interessiert mich auch nicht, die Realität nachzustellen. Der Film ist reine Fiktion. Die Geschichte hat vielleicht ihren Ursprung in der Wirklichkeit, aber ich suche gezielt nach einer dramaturgischen Dichte. Ich mag zum Beispiel eine gewisse Überhöhung. Wenn die Figuren Dinge tun, die im Alltag unwahrscheinlich sind. Wenn es aus dem Film und aus den Figuren heraus glaubhaft ist.

Dass ich das Paar dann in etwa mein Alter gegeben habe, schien mir logisch, und zwangsläufig tauchen dann auch „generationstypische“ Themen auf. In der Entstehung haben mich mehr das Liebesthema und die grundsätzlichen Ängste und Sehnsüchte der beiden beschäftigt. Beide haben Angst, dass der Partner sie nicht für das liebt, was sie sind. Zudem sehnen sie sich selbst danach, anders sein zu können. Sie suchen sich neue Rollen, weil sie glauben, dem anderen so besser zu gefallen. Vielleicht auch weil sie denken, dass es gesellschaftlich richtiger ist, so zu sein. Gitti und Chris verirren sich gemeinsam und spüren am Ende auch ihre eigene Falschheit.

Ist es heute kompliziert, eine Frau zu sein?

Wenn man anfängt darüber nachzudenken, was man so sein soll, dann wird es immer kompliziert. Obwohl sie eine selbstbewusste, mutige Frau ist, gerät Gitti ja in große Unsicherheit, was ihre Person angeht. Sie beginnt überraschend, sich ihrem Freund anzupassen, um ihm zu gefallen. Ich habe vor Kurzem „Das goldene Notizbuch“ von Doris Lessing gelesen, und das hat mich sehr berührt – dieser schmerzhafte Kampf, den die Hauptfigur führt, zwischen der Freiheit, die sie sich als Frau bewahren will, und dem Verlangen nach Männern und der emotionalen Abhängigkeit von ihnen. Das beschreibt für mich diesen Konflikt sehr genau. Ich glaube, dass Frauen anders lieben als Männer und darin sofort viel unfreier sind. Das widerspricht dann dem Bild, das man von sich als starke, selbstbestimmte Frau hat.

Gitti gerät für mich in diese Falle. Zum einen hat sie Angst, Chris zu verlieren, zum anderen folgt sie auch einer persönlichen Sehnsucht nach einer altmodischen Frauenrolle, die in ihr schlummert. Einem Wunsch nach Weichheit, Lieblichkeit, vielleicht sogar Fremdbestimmtheit. Dem gibt Gitti nach. Sie flüchtet sich in diese Rolle und merkt, wie viel sie an sich unterdrücken muss. Sie entfernt sich dabei weit von sich.

Fühlen Sie sich der Frauenfigur oder der Männerfigur näher?

Es ist mir leichter gefallen, die Frauenfigur zu erzählen. Bei seiner Figur hatte ich das Gefühl, an natürliche Grenzen zu stoßen. Bei ihm gab es einen Rest Hemmung oder Unsicherheit bei der Frage, ob mein zwangsläufig weibliches Wissen ausreicht. Ich hatte bei der Frauenfigur eher das Gefühl, dass ich alles erzählen darf. Ich erkenne mich mehr in ihr, aber ich bin deshalb strenger mit ihr.

Mit Chris und seinen Zweifeln fühle ich vielleicht stärker mit. Ich mag seine Nachdenklichkeit und Melancholie. Ich wollte von einem modernen Mann erzählen, der das zulässt und auslebt. Er erlebt in dem Film ja etwas wie eine Lebenskrise. Auch wenn er mit Anfang dreißig noch jung ist, gibt es den Moment der ersten Abrechnung, der sehr brutal und existenziell ausfällt. Er merkt, dass es ihm nicht gelingt, seinen beruflichen Idealismus aufrechtzuerhalten. Durch die Begegnung mit Hans beginnt er grundsätzlich an seiner Person und damit an sich als Mann zu zweifeln. Er versucht, den alten defensiven Chris loszuwerden. Doch er entfernt sich so weit von sich, dass es gefährlich wird.

Bei den Sichtungen des Films war es interessant, dass die Zuschauer oft stark für einen der beiden Partei ergriffen haben. Das war zwar ausgewogen, hat mich aber überrascht. Es sollte nicht um Recht und Unrecht gehen. In einer Liebesbeziehung spielt sich das meiste für mich jenseits dieser Begriffe ab.

Warum haben Sie das Ganze auf einer Insel in einer Urlaubssituation angesiedelt?

Ich wollte das Paar herausstellen, ausschneiden aus dem alltäglichen Kontext. Mich haben nicht die Wohnungen interessiert, ihre Freunde oder die Kneipe, in die sie gehen. Das wäre alles zu kleinteilig geworden. Und ein Urlaub ist eine Herausforderung. Man kann nicht voreinander fliehen, die Erwartungen sind hoch. Ich fand diese Isolation gut, das ermöglichte eine Konzentration auf die Geschichte. Ich wollte das Liebesleben oder den Paaralltag untersuchen, der abseits der Öffentlichkeit stattfindet. Und es sollte eine Insel sein. Von einer Insel geht für mich ein großes Glücksversprechen aus.

Trotzdem wollte ich keinen neutralen Hintergrund. Das Elternhaus erzählt ein Stück Deutschland und ist eine Reibefläche für die beiden. Das Haus sollte die beiden am Anfang zu „Kindern“ werden lassen. Im Verlauf des Films passen sie sich dem Haus an und nehmen die Plätze der Eltern ein.

Welche Filme haben Sie beeinflusst, was sind Ihre Vorbilder?

Ich habe eigentlich erst nach der Filmhochschule angefangen, intensiver und mit Begeisterung Autorenfilme zu schauen. Während der Filmhochschule wollte ich in erster Linie selbst drehen. Mittlerweile habe ich viel nachgeholt von Cassavettes, Bergmann, Antonioni, Pialat, Fassbinder, Doillon. Und ich habe mir gezielt dialogintensive Filme angesehen, in denen es um Paare geht – „Szenen einer Ehe“, „A Woman Under the Influence“ haben mich inspiriert. Und natürlich die Klassiker wie „Die Verachtung“, „La Notte“. Für mich kann aber eine Geschichte, die mir jemand erzählt, genauso inspirierend sein.

Sie haben sehr nah und berührend inszeniert und geben Ihren Darstellern Raum und dem Zuschauer viel Zeit, sich den Figuren zu nähern. Diese Unmittelbarkeit lässt vergessen, dass es sich um einen Spielfilm mit geschriebenen Dialogen handelt. Können Sie uns etwas über Ihre Arbeitsweise erzählen? Wie ist das Drehbuch entstanden?

Da ich viel über Dialoge erzählen wollte, wusste ich nicht, wie ich anfangen soll. Ich habe dann die erste Buchversion am Stück durchgeschrieben. Das war im Mai 2004. Sie hat zwar viel gemeinsam mit dem heutigen Film, die Figuren sind ähnlich, aber sie war zu wild und dramaturgisch zu unpräzise. Ich konnte nicht damit arbeiten, hatte aber eine Ahnung, was funktionieren könnte und was nicht. Dann habe ich brav von vorne angefangen mit einem Exposé und mich erst nach mehreren Treatments an das Drehbuch gewagt. Insgesamt habe ich drei Jahre gebraucht.

Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet? Haben Sie improvisiert?

Es gibt ein paar Szenen, in denen Birgit und Lars freier gespielt haben, wobei das weit entfernt war von Improvisation. Die Dialoge stehen generell so im Drehbuch. Aber wir hatten eine lange gemeinsame Probenzeit, die mir wichtig war. Es war immer klar, dass das ein Schauspielerfilm werden wird. Dass alles mit dem Spiel der beiden steht und fällt.

So haben wir fast einen Monat – über ein halbes Jahr verteilt – damit verbracht, das Buch zu lesen, Szenen auszuprobieren, über das Thema zu reden, Filme zu sehen. Für mich war das Proben vor allem dazu da, um die beiden als meine Figuren kennenzulernen und um ein Vertrauen zueinander aufzubauen.

Bernhard Keller, der Kameramann, war immer dabei und hat Aufnahmen gemacht. Beim Auswerten des Materials zeigte sich dann schnell, was glaubhaft ist und worin der Reiz der Konstellation liegt. Die beiden mussten ihr eigenes Paar werden, ohne dass sich das verändert, was ich erzählen wollte. Da habe ich mir noch viel Inspiration geholt und danach das Buch den beiden angepasst. Auf den Dreh haben Birgit und Lars sich aber auch separat vorbereitet. Was sie da gemacht haben, war ihr Geheimnis.

Und wie sind Sie während des Drehs vorgegangen?

Wir haben viel ausprobiert und hatten ein hohes Drehverhältnis. Wir haben viel an Sätzen, am Rhythmus und Haltungen gefeilt. Ich habe die Szenen oft am Stück durchspielen lassen, damit Gitti und Chris eine gemeinsame Realität haben konnten. Das waren meistens die tollsten Momente, in denen die Kamera so lange läuft, dass die Filmrealität einen eigenen Raum bekommt, in denen die beiden Schauspieler ihrem Rhythmus folgen dürfen. Ich habe oft viele Takes gedreht. Entweder es klappt sehr schnell, oder es dauert. Wenn etwas sich nicht spielen lässt oder sich nicht erzählt, dann muss man die Szene verändern und ausprobieren. Dann dauerte es eine Weile, bis das Schauspiel wieder lebendig wird. Bis Birgit und Lars das, was ich wollte, mit ihrer eigenen Intuition verbinden konnten. Das ist extrem anstrengend und forderte viel von den beiden: durchlässig zu bleiben und trotzdem genau zu sein. Die Schauspieler müssen emotional etwas von sich geben. Dann entsteht etwas Unmittelbares. Es ist ein großer Luxus, soviel zu drehen und nicht nur eine Möglichkeit zu verfolgen. Und am Ende ist es ein ganz widersprüchlicher Blick oder Satz, der es interessant macht.

Wie geht es mit den beiden nach dem Film weiter?

Ich habe bewusst ein offenes Ende gewählt. Meine Meinung, mein Gefühl wie es weitergeht zwischen den beiden, ist nicht richtiger als die Gedanken des Zuschauers. Es gibt da nur einen individuellen Wunsch oder eine Vermutung, je nachdem wie man den Film gesehen hat. Und es ist mir wichtig, dass ich genau da aufhöre zu erzählen, wo der Film endet.

Wie haben Sie mit dem Kameramann zusammengearbeitet?

Wir haben uns lange vorbereitet, viel Zeit miteinander verbracht und im Prinzip alle kreativen Schritte gemeinsam gemacht. Bernhard Keller war von Anfang an bei den Proben dabei und hat fotografiert oder mitgefilmt. Er hat nach seinen Vorstellungen Bilder gesucht, ohne dass wir etwas besprochen hatten. Die Aufnahmen und Fotos waren dann die Basis für die Bildsprache und die Auflösung.

Am Anfang haben wir viel über die Wirkung der Schauspieler in den verschiedenen Einstellungsgrößen, über Nähe und Distanz und auch ganz grundsätzlich über den Inhalt der Szenen geredet. Dann haben wir mehrere Motivreisen gemacht und durch die gemeinsame Wahl der Motive die Grundstimmung und die Astethik festgelegt.

Sie führen mit Janine Jackowski seit 2000 die Produktionsfirma Komplizen Film, 2006 kam Dirk Engelhardt als weiterer Produzent dazu. Sie fungieren also neben Ihrer Tätigkeit als Regisseurin auch als Produzentin. Wie sind die Aufgaben verteilt?

Ich finde sehr wichtig, dass jeder ein Bewusstsein für beide Seiten hat. Da ich zuerst Produktion studiert habe, ist es für mich etwas Normales, aus Produktionssicht zu denken. Trotzdem ist es für mich Teil eines kreativen Prozesses zu entscheiden, wofür man das Geld ausgibt. Janine und ich kennen uns jetzt schon sehr lange. Wir wissen, wie der andere tickt, und vertrauen uns. Wir sind sehr offen miteinander, entscheiden alles gemeinsam. In der Buch- und Schnittphase haben wir uns sowohl bei ALLE ANDEREN als auch bei „Der Wald vor lauter Bäumen“ (2003) viel ausgetauscht. Wenn ich Regie führe, gibt es natürlich irgendwann den Punkt, meistens beim Drehen, an dem ich nur Regisseurin bin. Der Spagat ist oft nicht einfach. Deshalb war es eine Bereicherung, mit Dirk Engelhardt noch einen weiteren Produzenten dabei zu haben.

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