Akira Poster

Der Siegeszug des Animé

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Längst passé sind die Zeiten, als der japanische Zeichentrickfilm lediglich mit großäugigen Kinderfiguren und stocksteifen Hintergründen assoziiert wurde. Ausgefallene Bilder und innovative Ideen haben den Animés auch im Westen zum Erfolg verholfen.

Oscarprämiert: Chihiros Reise ins Zauberland Bild: Universum (Constantin)

Animés sind auch in unseren Gefilden schon lange keine unbekannte Größe mehr. Insbesondere die auf ein vorwiegend jugendliches Publikum zugeschnittenen Erfolgsserien vom Schlage eines „Pokémon“ oder „Dragonball Z“ haben in den letzten zehn Jahren einen Siegeszug in deutschen Wohnzimmern angetreten.

Vergleichsweise zahme Zeichentrickkost für die Kleinen erfreut sich morgens nach wie vor höchster Beliebtheit, während sich nachmittags zur Freude der etwas größeren Kinder immer mehr Actionserien aus dem Land der aufgehenden Sonne tummeln.

Hit für Kids: Pokémon Bild: Warner

Schlüpfrige Kost

In den Abendstunden bieten Musiksender den etwas älteren Anhängern der japanischen Kost in Serien wie „Aika“ diverse Blicke unter viel zu knapp ausfallende Schuluniformröckchen. Daneben senden manche Kanäle zu fortgeschrittener Uhrzeit immer wieder Spielfilme und klassische Serien.

Von Eltern und Pädagogen oft misstrauisch beäugt, können sich Animés dank zahlreicher hochklassiger Werke jedoch auch hierzulande langsam aus der Kinder- und Schmuddelecke befreien.

Auch bei älteren Semestern Kult: Dragonball Z Bild: Splendid (Rekord-Film)

„Verrückter“ Ursprung

In Japan haftet dem Zeichentrickfilm traditionell kein Kinderimage an, basiert er doch auf einem förmlich als Kunstform wahrgenommenen Medium: Dem Manga. Übersetzt man die beiden Silben „man“ und „ga“ wörtlich, so lautet die Bezeichnung „verrückte Bilder“. Ungeachtet dessen kann die asiatische Form des „Comics“ auf eine lange Geschichte zurückblicken.

Vor über hundert Jahren verlieh der japanische Tuschekünstler Hokusai Katsuhika einem seiner Skizzenbücher den Titel „Manga“ und schuf damit den der Cartoons der Zukunft.

Asiatisch gestylte Vorgeschichte eines westlichen Kulthits: "Animatrix" Bild: Warner

Vom Manga zum Animé

Wachsender westliche Einfluss ab Mitte des 19. Jahrhunderts machte Comics auch in Japan populär. Während in deutschen Breiten die amerikanische Comic-Kultur auf geballtes Misstrauen stieß, fiel der Comic/Manga in Japan auf fruchtbaren Kulturboden.

Mittlerweile ist Japan der größte Comicmarkt der Welt. Statistisch gesehen kauft jeder Japaner pro Monat zwei Mangas. Und wenn in Tokio die Comicbörse ansteht, muss das Militär den Andrang regeln.

Ähnlich eindrucksvoll gestaltete sich die Entwicklung bei den filmischen Umsetzungen der Mangas in Form des Zeichentricks. Diese Werke nennt man in Japan „Animé“, in lautmalerischer Anlehnung an das britische „Animation“.

Exportschlager: Heidi Bild: Tivola

Aufstrebendes Genre

1958 setzte der Manga-Pionier Osamu Tezuka mit seiner Verfilmung des eigenen Comicklassikers „Eisenfaust Atom“ Maßstäbe für kommende Produktionen. 1974 gelang Hayao Miyazaki mit dem Exportmodell „Heidi“ der ganz große Wurf. In den 80er und 90er Jahren schuf er insgesamt sieben erfolgreiche Kinofilme.

Bedauerlicherweise sind davon erst die Fantasyliebesgeschichte „Prinzessin Mononoke“ und der x-fach preisgekrönte „Chihiros Reise ins Zauberland“ in Deutschland erschienen.

Begeisterte auch westliches Publikum: "Prinzessin Mononoke" Bild: Buena Vista

Weltweiter Siegeszug

Sein wilder Enkel hatte es in unseren Breiten da leichter: 1982 brach Katsuhiro Otomo mit der Serie „Akira“ sowohl als Comic wie auch als Zeichentrickfilm alle Rekorde und fand auch hierzulande zahlreiche Anhänger. Darauf folgte unter dem Titel „Robotic Angel“ seine Animé-Adaption von Fritz LangsMetropolis„. Sein neuestes Werk, „Steamboy„, besitzt das Potenzial, Myazakis „Chihiro“ in der Gunst des internationalen Festivalvolks abzulösen.

Mittlerweile schicken sich Animés sogar an, die Tempel des Hollywoodkommerzes zu überrennen: Seit Hayao Miyazakis „Prinzessin Mononoke“ beim Heimspiel die „Titanic“ ein zweites Mal versenkte, weiß Disney, wo der Feind wohnt. Und seit „Chihiros Reise ins Zauberland“ von demselben Herren nacheinander Oscar und Goldenen Bären gewann, ist Animé das Kinderimage wohl endgültig los.

Auf ein mögliches Wiedersehen in einer Fortsetzung von "Chihiros Reise ins Zauberland"? Bild: Universum (Constantin)

Rosige Zukunftsaussichten

Mit dem Erfolg schließt sich auch der Kreis, den flankiert wird der Boom des Filmmarkts von einer Flut von Veröffentlichungen auf dem Comicsektor. Die ganze Palette ist im Angebot: vom stilecht in japanischer Leserichtung (also von hinten nach vorne) gehaltenen „Dragonball“ über den unlängst von Tarantino für „Kill Bill 2“ bemühten „Lone Wolf“ alias „Shogun Assassin“ bis zum Kuschelsaurus „Gon“ und seiner wortlosen Destruktionskomik.

Gespannt darf man indes sein, welche Folgen der Computer und die Fortentwicklung der Animationstechniken im japanischen Zeichentrickfilm hinterlassen werden. In Hollywood ist die Abenddämmerung des zweidimensionalen Trickfilms schon im Gange, und Japan gehörte noch nie zu jenen Nationen, die sich technischen Neuerungen lang verschließen. Die Technik mutiert in Jahresfrist. Animé steht mittendrin und dürfte evolutionäre Veränderungen erfahren, die kaum abzusehen sind. Nur eins dürfte gewiss sein: Die Schulmädchenröcke werden kurz bleiben.

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