Wenn Ulrich Tukur spielt, sind seine Rollen von zeitlos überzeitlicher Schauspielkunst, unangestrengt und von freiem Geist. Tukur muss nicht buhlen... - Foto: Kurt Krieger http://images.kino.de/flbilder/max09/kuk09/kuk21/u0921287/b150x150.jpg Ulrich Tukur

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Ulrich Tukur


  • Bürgerlicher Name
    Ulrich Scheurlen
  • Geburtstag
    29.07.1957
  • Geburtsort
    Viernheim

Wenn Ulrich Tukur spielt, sind seine Rollen von zeitlos überzeitlicher Schauspielkunst, unangestrengt und von freiem Geist. Tukur muss nicht buhlen, ringen oder die Rampensau rauslassen, er - ist. Seine SS-Offiziere sind keine Teufel, seine Mörder keine schwitzenden Psychopathen, seine Terroristen keine Übeltäter, und die Personen der Zeitgeschichte, die er verkörpert, hat er nicht imitiert, sich nicht um äußerliche Ähnlichkeit bemüht, sondern ihnen unbekannte Facetten geliehen. Er ist kein Verinnerlichungsmime oder Beifallsucher. Tukur ist die Leichtigkeit des Seins, humorvoll, glänzend, generös und mit offenem Blick, ein Gewinn in jeder Rolle, spannend, aufregend, zerrissen und abgründig, aber lachend am Abgrund.

Ulrich Tukur brachte 1986 einen neuen Ton in den deutschen Film. Sein RAF-Terrorist Andreas Baader in Reinhard Hauffs "Stammheim" ist kein ideologisch blinder Dämon, sondern einer, der mit dem Staat spielt, ihn herausfordert und vorführt. Das hat vier Regisseurinnen zu dem Fehlschluss verleitet, sie könnten ihn im Episodenfilm "Felix" (1987) als feministisches Experimentierfeld vorführen, doch Tukur ließ sich nicht vereinnahmen. Da spielte er lieber in Hans-Christoph Blumenbergs Doku-Essay "In meinem Herzen, Schatz" (1989) den blonden Hans Albers und brachte den Volkssschauspieler wieder in Erinnerung. Oder in Peter Kegelvic's "Das Milliardenspiel" (TV) den ersten einer Reihe von Karrieristen, deren bester sein so jovialer wie gefährlicher Stasi-Offizier Anton Grubitz in Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der anderen" (2006) ist, der blitzschnell vom politischen Witz zur Drohung wechselt.

Seit Tukur den jungen Herbert Wehner in Heinrich Breloers Doku-Drama "Wehner" spielte, hat er Personen der Zeitgeschichte nicht didaktisch, sondern spielerisch angelegt, ihnen das Bedeutende genommen, sie vermenschlicht, General Lucius D. Clay ("Die Luftbrücke"), Helmut Schmidt ("Die Nacht der großen Flut") den Schauspieler Conrad Veidt in "Beim nächsten Schuss knall ich ihn nieder" (1996).

Tukur wurde 1957 in Viernheim, Hessen, geboren, bestand sein Abitur in Hannover und schloss in Boston an der Highschool ab. Dem Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte in Tübingen folgten Jobs als Knödeltenor und Akkordeonspieler, Schauspielausbildung in Stuttgart, Bühnendebüt 1982 und Spielfilmdebüt in Michael Verhoevens "Die Weiße Rose" (1983, als Willi Graf). Tukur blieb seiner Wahlheimat Hamburg und dem Hamburger Schauspielhaus verbunden und führte als Intendant die Hamburger Kammerspiele aus der finanziellen Krise.

Dieter Wedel holte ihn 2006 für seinen Fernsehfilm "Mein alter Freund Fritz" zusammen mit Veronica Ferres ans Set. Der Zuschauer erlebt in grotesken Szenen die Wandlung vom Saulus zum Gutmenschen. Spannend wurde es in "Ein fliehendes Pferd", nachdem er als Aussteiger Klaus zufällig seinen ehemaligen Schulfreund (Ulrich Noethen) trifft, der sich als Kleinbürger entpuppt. Als charmanter nazitreuer Reporter Arau soll er in "Nordwand" über die Erstbesteigung des berüchtigten Eiger berichten. Das Drama von Philipp Stölzl erfuhr im August 2008 auf dem Filmfestival in Locarno seine Weltpremiere. Tukur gelang im selben Jahr die beeindruckende Darstellung des Frauenmörders im Doku-Drama "Der Mann, dem die Frauen vertrauten - Der Serienmörder Horst David".

Mit "John Rabe" von Oscar-Preisträger Florian Gallenberger und aktuell Michael Hanekes "Das weiße Band" feierte Tukur weltweit Festivalerfolge. Zuvor wurde er u.a. als Schauspieler des Jahres 1986 ausgezeichnet und mit dem Adolf-Grimme-Preis, der Goldenen Kamera und dem Grace Prize in Los Angeles ausgezeichnet.

Seit 1995 tritt Ulrich Tukur als Sänger, Pianist und Akkordeonspieler mit den Rhythmus Boys auf, trägt Lieder der 30er- bis 50er-Jahre vor, ohne sie im Arrangement zu modernisieren, und hat fünf Alben aufgenommen. Er lebt mit seiner Frau Katharina John seit 2003 in Venedig, um ein wenig Distanz zu Deutschland zu bekommen.

  • Bürgerlicher Name
    Ulrich Scheurlen
  • Geburtstag
    29.07.1957
  • Geburtsort
    Viernheim
  • Geburtsland
    BRD
  • Familie
    Ehefrauen:
    Katharina John (seit 2003)
    Amber Wood (? - ?)

    Kinder: Töchter Lilli und Marlene
  • Autogrammadresse
    c/o Erna Baumbauer Management
    Keplerstr. 2
    81679 München

Das war Cannes 2009

25 Jahre ist es her, dass mit Wim Wenders' "Paris, Texas" zuletzt ein deutscher Film in Cannes mit der begehrten Goldenen Palme prämiert wurde.

Großansicht Strahlten um die Wette: Sieger-Regisseur Michael Haneke und sein Hauptdarsteller Ulrich Tukur (Foto: Kurt Krieger)

Strahlten um die Wette: Sieger-Regisseur Michael Haneke und sein Hauptdarsteller Ulrich Tukur (Foto: Kurt Krieger)

Gestern gab es an der Croisette endlich wieder strahlende deutschsprachige Sieger. Die Goldene Palme ging an "Das weiße Band", ein Film des österreichischen Regisseurs Michael Haneke, produziert in Deutschland mit einer deutschen Schauspieler-Riege, angeführt von Ulrich Tukur, Josef Bierbichler und Burghart Klaußner. Ein formal strenges Werk in starken Schwarz-Weiß-Bildern, das von mysteriösen Vorkommnissen in einem norddeutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs erzählt, in dem die Autorität und Strenge der dörflichen Autoritäten schleichend die Gesellschaft vergiftet. Eine Parabel auf die Mechanismen von Faschismus und Terrorismus.

Mit Christoph Waltz gab es einen weiteren glücklichen deutschsprachigen Gewinner: Der österreichische Schauspieler, der bislang vornehmlich in Fernsehrollen glänzte, wurde für seinen Part in "Inglourious Basterds" als bester Darsteller prämiert. Zurecht, verkörpert er doch meisterhaft einen ebenso charmanten wie bedrohlichen SS-Offizier in Quentin Tarantinos neuestem Film. Er ist der Gegenspieler der "Basterds", einem Trupp jüdischer US-Soldaten, die während des zweiten Weltkriegs Jagd auf Nazis machen, im Film angeführt von Brad Pitt.

Großansicht Willkommen in Hollywood: Für Christoph Waltz bedeutet die Darsteller-Palme den Beginn einer neuen Karriere-Phase (Foto: Kurt Krieger)

Willkommen in Hollywood: Für Christoph Waltz bedeutet die Darsteller-Palme den Beginn einer neuen Karriere-Phase (Foto: Kurt Krieger)

Ekliger Schnitt im Schritt

Am Ende besiegt das Kino selbst das Dritte Reich in diesem wunderbaren Filmmärchen, das Tarantino mit gewohnt witzigen Dialogen, einem ausgefeilten Soundtrack und jeder Menge Reminiszenzen an die Filmgeschichte angereichert hat. Neben Waltz haben in diesem in Berlin-Babelsberg gedrehten Film noch jede Menge anderer deutscher Schauspieler ihren großen Auftritt, von Til Schweiger über Diane Kruger bis Daniel Brühl.

Viele Filme des diesjährigen Cannes-Wettbewerbs strotzten nur so vor Gewalt. Der große Skandalfilm war "Der Anti-Christ" des dänischen Regisseurs Lars von Trier, in dem sich ein Paar nach dem Tod seines Kindes in einer abgeschiedenen Waldhütte gegenseitig malträtiert - Genitalverstümmelungen inklusive. Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg brachte dieser Rolle eine Palme ein.

Großansicht Als sie ihre Wiese hinter dem Haus in Augenschein nahmenm, ahnten sie nicht, dass es das größte Konzert aller Zeiten werden würde: "Taking Woodstock" (Foto: Tobis)

Als sie ihre Wiese hinter dem Haus in Augenschein nahmenm, ahnten sie nicht, dass es das größte Konzert aller Zeiten werden würde: "Taking Woodstock" (Foto: Tobis)

Wüstes Gemetzel und feiner Blumenduft

Blutig waren auch Park Chan-wooks Vampirfilm "Thirst" und "Kinatay" vom Philippino Brillante Mendoza, der über weite Strecken beschreibt, wie eine Prostituierte vergewaltigt, ermordet und zerteilt wird - die Jury hielt dies dennoch für preiswürdig. Auch der Kritikerliebling "Un prophète" aus Frankreich (Großer Preis der Jury) sparte nicht mit Gewalt. Doch in der Geschichte über einen jungen Kleinkriminellen, der sich im Knast zum Gangsterboss hocharbeitet, steht sie zumindest im Dienst der Geschichte.

Ohne Gewalt, aber mit viel lakonischem Humor kommt dagegen "Looking for Eric" von Ken Loach aus. Ein kleiner Postangestellter bekommt darin Lebenstipps von ManU-Fußballstar Eric Cantona. Ang Lee zeichnet mit "Taking Woodstock" ein warmherziges Porträt der Hippie-Ära mit viel Liebe zum Detail, während Pedro Almodóvar sein Liebesdrama "Zerrissene Umarmungen", das leider nicht so so gelungen ist wie sein Vorgänger "Volver", ganz auf seine Diva Penélope Cruz angelegt hat. Das Weltkino hat eben auch 2009 viele Gesichter.


Filmografie

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