Mit "Verblendung" legt David Fincher die Hollywood-Version von Stieg Larssons Bestseller vor - der dennoch völlig anders geworden ist, wie man es sich vom Auftakt eines großen Studio-Franchises vorstellen würde.
Rooney Mara als US-Lisbeth ist für Regisseur David Fincher Dreh- und Angelpunkt seiner Neuverfilmung der schwedischen Kultkrimi-Triloge "Millennium" (Foto: Sony)
Die entscheidende Frage gleich vorweg: Werden Sie auch bei einer Fortsetzung Regie führen?
DAVID FINCHER: Mir dürfen Sie die Frage eigentlich nicht stellen, denn ich bin nicht derjenige, der die Entscheidung trifft, ob nach "Verblendung" auch die anderen Romane von Stieg Larsson verfilmt werden. Aus meiner Sicht ist es so: Mir war es wichtig, dem ersten Buch gerecht zu werden und den Ball ins Rollen zu bringen. Ich habe das zweite Buch gelesen; das dritte Buch habe ich schnell beiseite gelegt, weil es nicht viel mit dem zu tun hatte, worauf ich mich bei meinem Film konzentrieren musste. Ich hatte aber den Eindruck, dass Buch zwei und drei eine große Geschichte erzählen. Worauf ich keine Lust hätte, ist Folgendes: Ich will nicht noch einmal drei Jahre damit verbringen, zwei weitere Larsson-Filme zu machen, habe aber auch kein Interesse, nur den zweiten Roman zu verfilmen.
Warum musste es gleich zwei Jahre nach der schwedischen Verfilmung eine Hollywood-Version geben?
Es ist eine gute Geschichte. Mir gefällt Niels Arden Oplevs Film. Aber ich sah etwas anderes in den Romanen als er, und das Andere war es, was mich interessiert hat. Ich habe die Figuren anders verstanden, den Inhalt, das Gewicht. Vor allem meine Vorstellung von Lisbeth Salander ist völlig anders. Mein Blomkvist ist eine ganz andere Figur. Ich kann daran nichts Falsches finden. Es sind zwei verschiedene Interpretationen eines Romans. Warum hat Polanski "Macbeth" gemacht? Hatte er Welles' Version nicht gesehen?
Im Fokus der Diskussion steht Rooney Maras Interpretation von Lisbeth Salander.
Noomi Rapace ist eine großartige Schauspielerin, ihre Darstellung in den Larsson-Filmen ist außergewöhnlich. Aber ich muss ganz klar sagen: Ich gebe Rooney Mara den Vorzug. Für mich ist sie Lisbeth Salander. Lisbeth Salander ist ein Kind. Sie ist aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse auf einer gewissen Altersstufe stehen geblieben. Sie hat gelernt, auf eine sehr spezifische Weise mit der Welt umzugehen - und das ist nicht besonders erwachsen oder durchdacht. Sie ist nicht vorbereitet auf die Dinge, die ihr zustoßen. Und sie reagiert ganz pragmatisch. Wenn sie ihren Vormund, der sie vergewaltigt hat, mit einem Tazer niederstreckt, mit einem Dildo vergewaltigt und ihn tätowiert, dann ist das kein sadistischer Impuls, es gefällt ihr nicht. Sie bezieht keine Befriedigung aus ihren Taten.
Wie weit kann man gehen bei dem, was man zeigt, was man zeigen darf?
Die beiden Vergewaltigungsszenen waren wichtig, weil sie entscheidend sind für Salanders Motivation, Blomkvist helfen zu wollen, einen Frauenmörder und -peiniger zu jagen. Es muss also immer klar sein, was vorfällt. Aber ich hatte nicht das geringste Interesse, explizit zu zeigen, was geschieht. Entsprechend haben wir die Einstellungen gewählt, die Kamerabewegungen: Ich wollte mit den Bildausschnitten immer vermitteln, dass sie diesem Mann ausgeliefert ist, dass da niemand ist, der ihr helfen kann, dass man als Kinopublikum dazu verdammt ist, tatenlos zusehen zu müssen.
Der langwierige Besetzungsprozess von Rooney Mara als Lisbeth wurde im Internet minuziös mitverfolgt. Mussten Sie so hart mit ihr umspringen?
Habe ich das? Überhaupt nicht. Rooneyist nicht die beste amerikanische Version von Lisbeth Salander, ist auch nicht die Beste-unbekannte-Schauspielerin-Version von Lisbeth Salander. Sie IST Lisbeth Salander. Für mich bestand daran kein Zweifel. Ich wusste das sofort. Als ich mich an die Menschen wandte, die mir 100 Mio. Dollar geben wollten, um diesen Film zu machen, reagierte man zunächst zurückhaltend, als ich ihnen sagte, dass ich Rooney Mara für die Idealbesetzung hielt. Bei Sony kannte man sie nur aus "The Social Network", wo sie eine eloquente, lebhafte, erwachsene, sehr warme Figur gespielt hatte. Auf Lisbeth trifft nicht eines dieser Attribute zu. Sie ist verschlossen, kann den Menschen nicht in die Augen sehen, unkommunikativ. Die Frage stand also im Raum, ob sie es wirklich draufhätte, Lisbeth Salander zu spielen. Deshalb all die Leinwandtests und Proben - ich musste Sony von etwas überzeugen, was ich bereits wusste.
Sie bestanden darauf, in Schweden zu drehen. Hatten Sie jemals den Eindruck, Ihr Blick auf das Land sei sehr amerikanisch?
Nein. Ich hatte nie den Eindruck, dass wir die Art von Eroberer sind, von denen im Titelsong "Immigrant Song" gesungen wird. Ich empfand uns eher als würdevolle, neugierige Botschafter. Ich wollte in Schweden drehen, weil es mir um den Ort ging - und nicht um meine Sicht des Ortes. Ich wollte den Ort verstehen und mich davon inspirieren lassen. Wir waren vielleicht zehn Amerikaner, die aus Hollywood angereist waren. Der Rest der Crew wurde von Schweden gestellt. Ihre Hilfe und ihre Kenntnis war von unschätzbarem Wert. Darum ging es mir. Es sollte sich echt anfühlen.
Hat Schweden Ihren Blick auf den Film verändert?
Es gibt ein schwedisches Sprichwort: Böses soll mit Bösem ausgetrieben werden. Ich glaube, ich hatte es nie richtig verstanden, und unterhielt mich mit Stellan Skarsgård darüber. Er erklärte mir, dass es sich dabei um Homöopathie für Wikinger handelt. Es ist nicht einem biblischen "Auge um Auge" zu vergleichen. Es geht nicht um Rache. Es geht um das Suchen und Finden einer Lösung, alles sehr stoisch und emotionslos: Wenn man erkältet ist, soll man in Eiswasser springen, um sich abzuhärten. Das hat mir sehr geholfen, Schweden und die Menschen, die in dem Land leben, zu verstehen - und Lisbeth Salander. Ich konnte auf einmal verstehen, wie Stieg Larsson sie mit Pippi Langstrumpf vergleichen konnte. Sie geht nie weiter, als sie muss. Weil sie sieht, dass sie den Bösewicht nicht mehr erschießen muss, dreht sie sich um und geht weg. Es geht um eine Ökonomie der Bedürfnisse.
Das lässt sich auch über Ihren Film sagen, der sehr funktional ist. War die Menge an Plot ein Problem?
Natürlich hat man als Filmemacher immer den Druck, einen Film abzuliefern, der möglichst nah an die Zwei-Stunden-Marke herankommt. Das ist der Grund, warum wir Szenen gekürzt oder Nebenhandlungen geopfert haben. Das Erzählen einer Geschichte sollte in meinen Augen immer so effizient wie nötig und gleichzeitig so effektiv wie möglich sein. Keine Szene sollte länger sein als nötig. Ein Freund von mir sagte: Es hört ein bisschen zu lange auf, nachdem es zu Ende ist. Im Schneideraum hatten wir das Problem, dass die Handlung eigentlich schon fertig erzählt ist - und dann noch einmal wenigstens ein kompletter Akt kommt. Der Dreiakter hat sich bewährt, das Publikum ist ihn gewöhnt. Aber wenn ein vierter Akt folgt, kann es sich im Kino ziemlich unbequem anfühlen. Und dennoch konnte ich ihn nicht weglassen. Ich wäre Lisbeth Salander sonst nicht gerecht worden.
Das muss Ihnen bereits bei der Lektüre des Romans aufgefallen sein.
Es fühlte sich ein bisschen an, als hätte man zuviel abgebissen und könnte es nicht herunterschlucken. Da waren so viele Geschichten, so viele Figuren, so viele Handlungsfäden. Das Buch ist sehr undiszipliniert und eiert manchmal ziemlich herum. Aber es ist faszinierend, da stecken viele gute Sachen drin. Mir gefiel die Prämisse eines Mannes, der den Kampf gegen den Faschismus aufgenommen hat, der sich längst in der Wirtschaft versteckt hält. Aber vor allem sie hatte es mir angetan. So einer Figur war ich noch nie begegnet. Es steckten viele Geschichten in dem Buch, aber ich wollte ihre Geschichte erzählen.
Was reizte Sie daran, sich an einer Filmreihe zu versuchen? Verspürt der Mann, der Tyler Durden auf die Leinwand gebracht hat, nicht ein tiefes Bedürfnis, einerseits die Konventionen zu bedienen, sie andererseits aber auch zu untergraben?
Sony hat sich die Recht an einer Romantrilogie, die weltweit 65 Millionen Mal verkauft wurde, sicherlich nicht gesichert, um nur ein Buch davon zu verfilmen. Das Studio findet Lisbeth Salander spannend und will möglich viel von ihr sehen. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass ein Studio auf einen Filmemacher zukommt, der seit 20 Jahren düstere Filme über perverse, kranke Serienmörder macht, und zu ihm sagt: "Hör mal, wir haben da diesen düsteren, kranken, perversen Stoff für Dich, und wir wollen, dass Du die harte 'Der Exorzist'-R-Rated-Version davon machst? So etwas passiert nie. Und doch... Hier ist es passiert. Wie konnte ich da ablehnen? Aber mir ging es nicht um drei Bücher. Ich habe nur an das eine Buch gedacht. Das wollte ich so gut verfilmen, wie ich konnte.
...gilt als einer der besten Filmemacher seiner Generation. Nachdem sich der einstige Werbeclip-Regisseur in den Neunzigerjahren mit "Alien 3", "Sieben" und "Fight Club" einen Namen als Spezialist für düstere Stoffe gemacht hatte, stellte David Fincherin den letzten Jahren mit "Der seltsame Fall des Benjamin Button" und "The Social Network", die ihm Oscar-Nominierungen einbrachten, unter Beweis, dass er auch im Mainstream ein Meister ist. Mit "Verblendung" kehrt er zu den düsteren Stoffen seiner frühen Tage zurück.