In den USA schlägt Danny Boyles neuer Film, "127 Hours" hohe Wellen. Die entscheidenden Szenen, in denen sich der Held selbst den Arm abtrennen muss, um sich befreien zu können, sind manchen Kinobesuchern offenkundig zu viel. Drehbuchautor Simon Beaufoy nimmt Stellung.
"127 Hours" sorgt für Aufruhr in den amerikanischen Kinos. Angeblich ist der Film zu intensiv für das Publikum. Sind Sie überrascht?
SION BEAUFOY: Es war zu erwarten. Es ist der entscheidende Moment in "127 Hours"; alles läuft darauf hinaus, dass Aron Ralston sich nach 127 Stunden Gefangenschaft den Arm abtrennt. Natürlich haben wir lange überlegt, ob wir das zeigen können, wie man es zeigen kann, was man zeigen muss. So eine Entscheidung bricht man nicht übers Knie. Aber sie war zwingend: Der Vorgang hat tatsächlich länger als eine Stunde gedauert, danach war er ein freier Mann. Das kann man nicht nicht zeigen. Der ganze Film wird aus der Sicht unseres Protagonisten gezeigt. Man muss also einen Weg finden,
diesen Moment in seiner ganzen Bedeutung rüberzubringen.
Sie hatten dennoch ein Einsehen: Die Tat wird nicht in voller Länge ausgewalzt.
Um Himmels Willen! Uns war nur wichtig zu zeigen, welch eine extreme Tat das war. Dass musste also gar nicht lange dauern. Es fühlt sich ohnehin lange genug an. Aber Sie müssen verstehen: Diese Szene soll nicht schockieren, wir wollen nicht austesten, wie viel das Publikum ertragen kann. Im Gegenteil: Sie müssen verstehen, dass Aron in diesem Augenblick glücklich war. Es ist ein euphorischer Moment, ein Moment des Triumphs. Aron hat gelacht und gestrahlt, als er sich den Arm abgeschnitten hat. Und er hat darauf bestanden, dass wir das im Film auch genauso zeigen.
Gab es Widerstand vom Studio?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie begeistert waren. Sicherlich hätten sie lieber "Slumdog Millionär" von uns gesehen. Aber es war von vornherein klar, worum es bei "127 Hours" gehen würde. Es führte kein Weg daran vorbei. Natürlich ließ man uns wissen, dass wir nicht zu weit gehen sollten. Als wir Fox Searchlight und Pathé einen ersten Schnitt zeigten, mussten sie erst einmal nach Luft schnappen, teilten aber unsere Meinung, dass der Film nicht funktionieren würde, wenn man im letzten Akt etwas wegließe.
Ohnehin gab es noch größere Probleme zu bewältigen.
Es ist ein Actionfilm, in dem sich der Held nicht bewegen kann. Wie macht man das? Wie übersetzt man das in einen Film und gestaltet ihn interessant und packend? Bei "Slumdog Millionär" habe ich von Danny Boyle gelernt, dem Risiko nie aus dem Weg zu gehen, sondern es auf die Hörner zu nehmen. Entsprechend sind wir hier auch vorgegangen: Anstatt sich zu überlegen, wie man gewisse Hürden umgehen kann, machten wir es uns zum Ziel, jede einzelne von ihnen zu nehmen.
Hat Ihnen der Oscar Rückenwind gegeben?
Man wird anders wahrgenommen. Entscheidend ist, sich den Erfolg nicht zu Kopf steigen zu lassen. Zum Glück war die Arbeit an "127 Hours" bereits abgeschlossen. Das half. Das Gute an "Slumdog" ist, dass man mich jetzt nicht mehr als den "Full Monty"-Typen ansieht. Jetzt bin ich der "Slumdog"-Typ. Aber es gibt Schlimmeres.