Disneys 50. Animationsfilm vereinigt traditionelle Disney-Qualitäten mit modernen Actionsequenzen und Rollenumdeutungen. Verantwortlich für "Rapunzel - Neu verföhnt" sind die langjährigen Disney-Mitarbeiter Nathan Greno und Byron Howard für Regie, Roy Conli für Produktion, Glen Keane für Design und als Executive Producer.
Rapunzels Haar wurde nicht nur "neu verföhnt", sondern auch für jede Strähne einzeln animiert - das gab's noch nie im Kino! (Foto: Walt Disney)
Es soll kein einfacher und ein sehr langer Weg zum Film gewesen sein ...
ROY CONLI: Kein Film ist wirklich einfach. Ähnlich wie bei "Die Schöne und das Biest" liegen die Anfänge in den Vierzigerjahren. Es geht darum, den richtigen Zugang zum Stoff zu finden. Nathan Greno und Byron Howard hielten sich an eine Devise Disneys, "Wir adaptieren keine Märchen, wir kreieren sie", und fanden den Zugang über die neue Figur des Flynn. Aus einer Geschichte mit einem Protagonisten wurde eine mit zwei Hauptfiguren. Davor gab es ein halbes Dutzend anderer Ansätze. So fingen wir quasi wieder bei Null an. Wir hatten nur zwei Jahre Zeit. Ohne unser außerordentlich erfahrenes Team hätten wir es nicht geschafft.
Nathan Greno und Byron Howard, wie haben Sie denn die Flynn-Rolle angelegt?
NATHAN GRENO: Wir haben uns die Prinzen aus den Disney-Filmen angesehen und dachten: Wir wollen etwas anderes, mal sehen, wie weit wir gehen können! So kamen wir darauf, aus ihm einen Dieb zu machen.
Und wie haben Sie die Prinzessinnrolle verwandelt?
NG: Rapunzel weiß gar nicht, dass sie eine Prinzessin ist. Wir wollten keine, die passiv zu Hause sitzt und auf ihren Prinzen wartet, sondern ein Mädchen "von nebenan", das vielleicht auch ein bisschen schräg ist, zu dem ein modernes Publikum einen Bezug herstellen kann.
BYRON HOWARD: So läuft sie z.B. barfuß und hat Sommersprossen.
NG: Im Prinzip überlegten wir bei allen Figuren, wie wir sie neu und anders erscheinen lassen können, auch bei den Sidekicks. So verhält sich das Pferd wie ein Spürhund, und Rapunzels Begleiter ist ein Chamäleon. Wir entschieden auch, dass die Tiere stumm sind. Wir lieben Stummfilme und Stars wie Buster Keaton oder Sir Charlie Chaplin. Und den Animatoren hat es besonders gefallen, weil sie sich auf die Körpersprache konzentrieren konnten.
Wie viel des Grimm'schen Märchens steckt überhaupt noch im Film?
RC: Die Hauptfigur, die in einem Turm gefangen gehalten wird. Die Geschichte tauchte im Italien des 15. Jahrhunderts auf und wurde im 19. Jahrhundert in Deutschland von den Grimms aufgegriffen. Wir wollten aber einen Film für das 21. Jahrhundert machen. Und was ein zeitgenössisches Publikum sehen will, sind Humor, Action und Herz. Entsprechend wollten wir, dass die Actionszenen auch wirklich aufregend wirken. Gleichzeitig sollte der Film Walt Disneys Erbe würdigen. Er ist bewusst nicht zynisch gehalten.
Was waren Ihre Inspirationsquellen?
RC: Wir ließen uns für die Designs von europäischen, insbesondere osteuropäischen Landschaften inspirieren und von klassischen Disney-Filmen. Einiges von "Pinocchio" und Schneewittchen" steckt in der Ortschaft und dem Turminneren, einiges von "Aschenputtel" im Wald. Eine weitere Inspiration war klassische Malerei.
BH: Wir lieben insbesondere die Filme aus den späten Vierzigern, Anfang der Fünfziger, ihren Look und das Gefühl. Wir wollen dem Publikum eine Welt zeigen, die ihm bekannt vorkommt, in der es sich wohlfühlt, andererseits aber auch etwas, was man nie zuvor gesehen hat.
Warum haben Sie sich für 3D entschieden?
RC: Egal, ob 2D oder 3D. Wir nutzten die Möglichkeit, die richtig für die Geschichte ist. Und bei diesem über 20 Meter langen Haar bietet sich 3D an, auch wenn Haare zu gestalten wirklich eines der schwierigsten Dinge bei der CGI-Animation ist. Uns war klar, dass wir hier neue Maßstäbe setzen müssen.
BH: Der Film enthält die größte Effekteszene, die man bei Disney Animation je gemacht hat, in der 100 Mio. Liter Wasser durch die Schlucht donnern. Die war relativ einfach im Vergleich zum Haar, das aus etwa 100.000 einzelnen Strähnchen besteht, sich möglichst natürlich bewegen muss und manchmal wie ein Lasso benutzt wird. Viele CGI-Animationsfiguren haben deswegen oft eine Bobfrisur. Sechs Jahre wurde an den Haaren gearbeitet. Noch im Januar waren wir nicht ganz sicher, ob es wirklich so aussehen würde, wie wir uns das vorstellten.
NG: Aber Byron und ich mögen Herausforderungen! Wir spornen uns gegenseitig an, wir beide spornen die Crew an, und John Lasseter spornt uns an.
BH: Bei "Bolt - Ein Hund für alle Fälle" hat uns John Lasseter quasi die 3D-Technik beigebracht. Mit 3D und CGI hat man eine viel größere Freiheit. Man kann mit unterschiedlichen Linsen und Schärfen arbeiten, ganz anderes Licht setzen, die Kamera in jede Richtung bewegen und absolut jede Farbabstufung erreichen.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit John Lasseter aus?
RC: Einen Filmemacher als Executive als Unterstützung zu haben, ist ein Traum. Das gilt nicht nur für mich als Produzent, sondern für die ganze Firma. Er lässt Disney und Pixar ihre eigene Kultur bewahren und fortführen. Lasseters Philosophie ist ein von Künstlern geführtes Studio. Pixar ist eine Gruppe von Regisseuren, also Brad Bird, Andrew Stanton und Lasseter. Und hier bei Disney zieht er nun eine neue Gruppe von Regisseuren heran, wie eben Nathan, Byron und Chris Williams.
Haben Sie sich besonders unter Druck gefühlt, einen erfolgreichen Film abzuliefern, nachdem "Küss den Frosch" nicht ganz so gut lief und "Rapunzel" dazu noch der 50. Disney-Animationsfilm ist?
NG: Wir versuchen immer, einen Film zu machen, der beim Publikum ankommt und ein großer Erfolg wird. So gibt es immer einen gewissen Druck. Den 50. Film zu machen, bedeutet noch ein bisschen mehr Druck als gewöhnlich. Wir haben unser Bestes gegeben, und wenn der Film entsprechend vermarktet wird, hoffen wir, dass sehr viele Leute in den Film gehen und ihn mögen werden.
Sind Sie beim Marketing auch mit eingebunden?
BH: Ja, wir machen Vorschläge, und die Artworks von den Marketingleuten gehen über unseren Tisch. John Lasseter pflegt den Kontakt zu den anderen Abteilungen wie Marketing oder Consumer-Products usw. Die Kommunikation untereinander hat sich, seit er hier ist, deutlich verbessert.
Was sind Ihre nächsten Projekte?
RC: Ich bereite ein neues Animationsprojekt vor, das sehr viel Humor und Fantasyelemente haben wird.
BH: Wir haben John Lasseter schon vor einem halben Jahr unsere Ideen gepitcht. Wir sind noch bei der Recherche.
NG: Es wird etwas völlig anderes werden, aber auch wieder Humor, Action und Herz haben.