Drei Jahre nach seinem bewegenden Drama "Iris" überrascht der britische Theater- und Filmregisseur Richard Eyre mit einem heiteren Kostümfilm über verdrehte Geschlechterrollen.
Hat ein Faible für starke Stoffe und starke Frauen: Regisseur Richard Eyre (Foto: Senator)
Ist das Theater trotz Ihrer Filmkarriere die Liebe Ihres Lebens?
RICHARD EYRE: Ja, das stimmt. Ich begann als Fernsehfilm-Produzent und -Regisseur für die BBC und wechselte danach einige Jahre lang zwischen dem Theater und TV-Arbeiten ab. Anschließend leitete ich für ungefähr zwölf Jahre das National Theatre. Das war so ähnlich, wie in einem Kloster zu leben - es gab keine Möglichkeit, außerhalb des Theaters zu arbeiten.
Erst nachdem ich das National Theater verlassen hatte, begann ich wieder Filme zu drehen. Ich hatte das Glück, gleich eine Herzensangelegenheit, nämlich "Iris" machen zu können. Dennoch arbeite ich noch immer am Theater und mache gleichzeitig Filme.
In "Iris" glänzt Kate Winslet als Literatin Iris Murdoch, die an Alzheimer erkrankt (Foto: Buena Vista)
Lernt man mit dem Älterwerden starke Frauen zu schätzen?
Ja. Ich war mir nicht bewusst, eine Art roten Faden in Sachen starker Frauen zu verfolgen. Aber jetzt, wo Sie es erwähnen, fällt mir auf, dass ich als letztes Theaterprojekt die Adaption von "Hedda Gabler" geschrieben habe. Also scheine ich mich tatsächlich für starke Frauen zu interessieren.
"Iris" war sehr bewegend und traurig, "Stage Beauty" hingegen strotzt vor Lebenslust. Was liegt Ihnen näher?
"Iris" lag mir sehr am Herzen. Der Gedanke von ewig gültiger Liebe, die auch eine große Herausforderung überlebt, faszinierte mich schon immer. Der Film hatte auch eine autobiografische Komponente - meine Mutter litt an Alzheimer. Ich schätze, ich wollte nun einfach etwas machen, das sehr entfernt war von solch einem schmerzhaften Thema. Außerdem fand ich das Theater-Setting bei "Stage Beauty" sehr reizvoll.
Sind seit dem Dreh zu "Stage Beauty" auch im echten Leben ein Paar: Billy Crudup und Claire Danes (Foto: Senator)
Warum gerade Theater?
Da kann man genauso fragen, warum man Filme über die Mafia dreht. Es ist eine abgeschottete Welt, die die Leute zu kennen glauben, von der sie tatsächlich aber keine Ahnung haben. Schließlich spielt sich im Theater quasi eine Karikatur des echten Lebens ab.
Hat sich die Liebesbeziehung zwischen Claire Danes und Billy Crudup positiv auf die Stimmung des Films ausgewirkt?
Ich denke, es muss so gewesen sein. Ich war vor allem froh darüber, dass sie so gut miteinander auskamen. Von ihrem Privatleben hatte ich absolut keine Ahnung. Claire Danes und Billy Crudup spielen zwei Verliebte, beide sind gute Schauspieler - wie hätte ich da zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können?
Gehen locker als Briten durch: die Amerikaner Crudup und Danes alias Ned und Maria (Foto: Senator)
Warum hat keine englische Produktion dieses doch so britische Thema verfilmt?
Es gab tatsächlich etwa drei Jahre vor der amerikanischen Fassung unseres Drehbuchautors ein britisches Theaterstück über männliche Frauendarsteller. Es wurde jedoch nie verfilmt.
Nahmen die amerikanischen Produzenten großen Einfluss auf die doch sehr freizügige Sprache und die relative sexuelle Offenheit?
Nein, sie hielten sich zurück. Im Gegenteil, sie wünschten es sich roh und freizügig. Anders als man denken möchte, bestanden sie auch keineswegs auf amerikanischen Darstellern. Die Besetzung von Billy und Claire war allein meine Entscheidung - ich betrachtete sie als ideale Wahl für diese Rollen.
Rupert Everett als König Charles II beschließt, auch Frauen auf der Bühne zu dulden (Foto: Senator)
Man hält "Stage Beauty" allgemein für wesentlich besser als "Shakespeare in Love" - ein Vergleich, der sich aufdrängt. Wie fühlen Sie sich dabei?
Das macht mich sehr glücklich, ehrlich! Denn "Shakespeare in Love" ist doch eine klare Romantik-Komödie. Mein Film dagegen passt in keine Kategorie. Es ist einfach ein Werk über Menschen in einer sehr interessanten Situation. Die Produktion zielte nicht unbedingt von Anfang an darauf ab, das Publikum zu amüsieren.
Ist es schwierig, einen Film zu realisieren, den man nicht einordnen kann?
Es ist wahrlich schwierig. Am Ende hängt alles vom eigenen Glauben an das Drehbuch und von den Schauspielern ab.
Sie liebt Ned (Billy Crudup) so wie er ist: die Garderobiere Maria (Claire Danes) (Foto: Senator)
Wo sehen Sie Ihr Publikum für "Stage Beauty"?
Ich denke da an intelligente Leute, die sich für Filme interessieren, die nicht einer bekannten Formel folgen - Leute, die sich gerne überraschen lassen.
Wie konnten Sie die Leiter des Naval College dazu bringen, Ihnen die Dreh-Erlaubnis zu erteilen?
Das Naval College ist ja heutzutage eine Universität und wir drehten in den Semesterferien. Die Universitäts-Leitung freute sich sogar über das zusätzliche Geld. Schwierigkeiten bereitete uns nur, dass wir unglaublich vorsichtig mit diesen prächtigen Bauten umgehen mussten: Wir durften nichts an die Decke hängen und Dinge nur extrem vorsichtig an die Wände lehnen.
Aber die Location war fantastisch und wir bauten sogar die Straßenzüge in einem der Innenhöfe des Naval Colleges nach. Also hatte man bei jedem Blick auf unsere Kulissen stets die richtige Ära vor Augen.
Sie entwickelt sich zur ernsthaften Schauspiel-Konkurrenz für Ned: Claire Danes als Maria (Foto: Senator)
Was muss das europäische Kino tun, um wieder an Bedeutung zu gewinnen?
Man muss eine eigene Identität gewinnen und sich seiner Bedeutung bewusst sein. Die Probleme des englischen Kinos liegen insbesondere in der Sprache, die wir mit den Amerikanern teilen. Für britische Filmemacher ist es verführerisch, eine meta-atlantische Sensibilität zu entwickeln und etwas nur auf den amerikanischen Geschmack hin zu produzieren. Schließlich reicht das britische Publikum als Zielgruppe oftmals nicht aus, um einen Film über Wasser zu halten.
Stört es einen, dass simple amerikanische Produktionen ein Zigfaches der eigenen Filme einspielen, obwohl man selbst mit viel Herzblut dreht?
Das ist ziemlich schmerzhaft, ja (lacht).