Peter Weir nimmt sich Zeit mit seinen Filmen. Im Interview erklärt der Altmeister, weshalb er statt dem Johnny-Depp-Film "Shantaram" lieber "The Way Back - Der lange Weg" über Männer, die zu Fuß 6000 Kilometer aus einem sibirischen Gulag fliehen wollen, drehte.
Colin Farrell musste für seine Rolle in "The Way Back - Der lange Weg" trotz 6000 Fluchtkilometern zu Fuß keine Hungerdiät absolvieren (Foto: Splendid (Fox))
Die große Flucht im Film wirkt authentisch. Muss man dafür beim Dreh Ähnliches erleben wie die Protagonisten des Films?
PETER WEIR: Nein. Wobei ich den Verdacht und die Sorge hatte, dass meine Schauspieler zu wenig aßen, um den Hunger ihrer Figuren darzustellen. Ich sagte ihnen: "Werdet ja nicht zu dünn." Ich jedenfalls gehöre nicht zu den Regisseuren, die ihre Akteure in einen Vulkan schicken - so etwas fake ich lieber. Natürlich drehten wir "The Way Back - Der lange Weg" in dramatisch-spektakulären Landschaften, aber die waren auch teilweise sehr angenehm.
Was ist Ihr Rezept für diesen hochgradigen Realismus?
Mit einem Wort: Recherchen. Ich vertiefe mich darin, verfasse Notizen für die einzelnen Abteilungen. Weil das Thema der Gulags noch zur jüngeren Geschichte gehört, konnte ich auch noch mit Überlebenden sprechen. Meine Auseinandersetzung geht sogar so weit, dass ich selbst echte Requisiten sammelte - Gürtelschnallen von NKWD-Offizieren oder ein Schild von einem Hinrichtungsgebäude. Diese Einstellung steckt natürlich alle anderen Beteiligten an, bis hin zu den Schauspielern. Und sie prägt das Drehbuch. Ich wollte keinen schlichten Unterhaltungsfilm machen. Nur die kleinen Details ermöglichen eine echte Erfahrung.
Ist diese Detailversessenheit ein Grund dafür, dass Sie sich so viel Zeit lassen?
Das sehe ich nicht so. In den letzten Jahren arbeitete ich an drei Projekten, die einfach nicht zustande kamen. In einem Fall war es nicht möglich, das Skript nach meinem Wunsch hinzubekommen, bei "Shantaram" war ich sogar in einem frühen Stadium der Vorproduktion, ich scoutete bereits Motive. Doch dann stellte sich heraus, dass die Beteiligten nicht so recht zusammenpassten, und wir ließen den Film fallen.
Stattdessen wagten Sie sich an eine Independent-Produktion - mit geringerem Budget und genauso viel Druck?
29 Mio. Dollar, um genau zu sein. Unter Druck steht man bei jedem Film. Bei "Master and Commander" rangen wir neun Monate lang mit den Spezialeffekten. Bei "The Way Back" war es eher ein Zeitproblem. Wir hatten zwar geeignete Motive gefunden, aber die ließen sich nicht immer gut erreichen. Manchmal konnte ich nur hoffen, dass der Dreh dort die lange Fahrt auch rechtfertigen würde. Aber die Planung war vorbildlich, sonst wäre es eine Katastrophe geworden. Außerdem hatten wir Glück mit dem Wetter. Der schlimmste Druck entsteht sowieso durch ein nicht funktionierendes Drehbuch - und das war nicht der Fall.
In den USA erreichte der Film weder die -Zuschauerzahlen noch die Oscar-Nominierungen von "Master and Commander" oder "Truman Show".
Das kleine Marketingbudget war mir auch ein Dorn im Auge. Aber was sollte ich dagegen tun? Es gab einfach nicht so viel Geld wie bei einem Film wie "Truman Show". Uns blieb nichts anderes übrig, als viele Vorführungen des Films zu organisieren. Die geringe Resonanz bei den Oscars hat mich nicht gestört. So schön es wäre, einen zu gewinnen, mit meinen bisherigen Nominierungen bin ich glücklich.
Sie sind sehr gelassen.
Es hat über ein Jahr gedauert, einen Verleih zu finden, deshalb habe ich zwangsläufig eine gewisse Distanz zu dem Film. Aber das Entscheidende ist: Die ganze Energie, die wir hineingesteckt haben, haben wir auch zurückbekommen. Die Erfahrung selbst war es wert. Und noch eines ist mir sehr wichtig: Bislang gab es kaum Filme über die Erfahrung des Gulags. Das ist dank "The Way Back" endlich anders.