- Foto: http://images.kino.de/flbilder/max10/mbiz10/mbiz18/z1018120/b150x150.jpg Niki Reiser

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Niki Reiser


  • Geburtsland
    Schweiz

"Familie ist die Urzelle der Komik"

"Alles auf Zucker" von Dani Levy ist aktuell im Handel. Im Gespräch erklärt der Regisseur, was er sich von der DVD erwartet, wie er zum Kinofenster steht, und was es eigentlich mit jüdischem Humor auf sich hat.

Großansicht Regisseur Dani Levy: "Dieser Film braucht nicht zwangsläufig eine große Leinwand." (Foto: X Verleih (Warner))

Regisseur Dani Levy: "Dieser Film braucht nicht zwangsläufig eine große Leinwand." (Foto: X Verleih (Warner))

» In einem Interview erwähnten Sie einmal, dass man sich Komödien mit vielen Leuten zusammen anschauen sollte - das sei lustiger als zu Hause allein auf der Couch. Genau dort aber werden DVDs angesehen ...

DANI LEVY: "Alles auf Zucker!" kann man sich auch prima zu Hause ansehen. Immerhin gibt es ja Leute, die regelrechte Filmabende mit Freunden veranstalten. So wird die DVD zum kleinen, privaten Kinoerlebnis. Meine ganz persönliche Leidenschaft aber ist und bleibt das Kino mit seiner großen Leinwand und dem tollen Sound. Kino und DVD nähern sich jedoch durch die qualitativ hochwertige Technik immer mehr an. Ich finde diese verschiedenen Auswertungsebenen sehr schön.

» Der Film war ja ursprünglich fürs Fernsehen konzipiert. Jetzt liegen Fernsehausstrahlung und DVD-Start dicht beieinander. Könnte das möglicherweise den DVD-Erfolg beeinträchtigen?

Viele Leute schauen den Film sicher nur im Fernsehen und kaufen sich keine DVD. Doch die Fernsehausstrahlung ist ein einmaliges Erlebnis - den Film besitzt man dann noch nicht. Und wer "Alles auf Zucker" aufzeichnet, hat das spannende Bonusmaterial der DVD nicht. Schlussendlich spricht auch die bessere Qualität für die DVD.

Großansicht Hannelore Elsner als Ehefrau ergründet jüdische Bräuche (Foto: X Verleih (Warner))

Hannelore Elsner als Ehefrau ergründet jüdische Bräuche (Foto: X Verleih (Warner))

» Wie wichtig ist Ihnen Bonusmaterial, und inwiefern waren Sie eigentlich an der DVD-Produktion beteiligt?

Daran bin ich immer zu hundert Prozent beteiligt. Das Bonusmaterial umfasst natürlich ein Making of. Gute Making of halte ich für sehr aufschlussreich, und ich lege viel Wert darauf. Außerdem gibt es einen kleinen Dokumentarfilm über meinen Komponisten Niki Reiser sowie einen Audiokommentar.

Ich selbst bin zwar nicht derjenige, der Audiokommentare einschaltet. Es ist jedoch lustig, sie zu produzieren. Ich stelle sie in einem Take her, ohne zu basteln. Das ist dann zwar etwas chaotisch, aber auch sehr persönlich. Dies war übrigens auch mein erster Film, bei dem ich an eine Special Edition gedacht habe.

» Was ist aus den Plänen geworden?

Wenn sich die DVD gut verkauft, würden wir das sofort in Angriff nehmen. Der Film bietet sich deshalb an, weil er die Themenkreise jüdischen Lebens und die Beziehungen der Deutschen zu Juden umfasst.

Großansicht Henry Hübchen begeistert als Zocker im Berliner Milieu (Foto: X Verleih (Warner))

Henry Hübchen begeistert als Zocker im Berliner Milieu (Foto: X Verleih (Warner))

» Für 9,99 Euro dürfte sich die DVD gut verkaufen. Für eine Neuheit ist das recht günstig. Wie kam es dazu?

Die DVD-Preisgestaltung liegt ganz in den Händen von Warner. Auf jeden Fall finde ich es gut, wenn DVDs nicht so teuer sind - auch wenn wir dann nicht so viel verdienen. Ich selbst gebe auch gern mal mehr für eine DVD aus, weil ich mich sehr dafür interessiere. Viele Leute aber hätten diesen Film und noch etwas Bonusmaterial einfach gern zu Hause. Und wenn sie dafür weniger als zehn Euro zahlen, ist das in Ordnung, und ich unterstütze das.

» Was glauben Sie, wird die DVD dem Kino bald den Rang ablaufen?

Nein, die Gefahr sehe ich nicht, denn wir haben keine amerikanischen Verhältnisse, wo Filme oft über DVD-Premieren finanziert werden. Für mich ist, wirtschaftlich gesehen, das Kino wichtiger. Aber die tolle Qualität einer DVD und die Möglichkeiten von Bonusmaterial finde ich faszinierend. Außerdem ist Kino relativ kurzlebig: Nach drei bis vier Wochen ist ein Film aus dem Kino verschwunden und die Kopie wertlos. Eine DVD aber bleibt.

Großansicht Dani Levy und Henry Hübchen (Foto: X Verleih (Warner))

Dani Levy und Henry Hübchen (Foto: X Verleih (Warner))

» In einer Zeitschrift war zu lesen, dass Sie den zeitgleichen Kino- und DVD-Start befürworten.

Nein, so habe ich das nicht gesagt. Es gab mit "Alles auf Zucker" einen Engpass, wo unklar war, ob der Film überhaupt ins Kino kommt. Wir mussten zuerst die TV-Anstalten zu einer Verschiebung der Ausstrahlung überreden, um die Auswertung im Kino zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang sagte ich, dass ich mir - wenn das alles nicht funktioniert - den zeitgleichen Start vorstellen könnte. Mit TV-Ausstrahlung erreicht man schließlich nicht alle Zuschauer.

Wer den Film verpasst, ist dankbar, wenn er den Titel auf DVD oder im Kino nachholen kann. Damit werden parallel viele Bevölkerungsschichten bedient. Und wir müssen doch nicht soviel Angst haben, dass das eine Medium das andere behindert. Grundsätzlich aber bin ich der Meinung, dass Kino und DVD geschützt werden sollten.

» Hatte die ursprüngliche Konzeption als TV-Film eigentlich Einfluss auf Ihre Arbeit als Regisseur?

Ich habe "Alles auf Zucker" so gedreht, wie ich einen Film machen möchte. Er funktioniert deshalb im TV, weil es ein psychologischer Film ist, der nicht auf atemberaubende Effekte setzt, sondern von Dialogen, Humor, Figuren und Gefühlen lebt. Dieser Film braucht nicht zwangsläufig eine große Leinwand.

Großansicht Die jüdische Gemeinde betrachtet Zuckers Treiben eher skeptisch (Foto: X Verleih (Warner))

Die jüdische Gemeinde betrachtet Zuckers Treiben eher skeptisch (Foto: X Verleih (Warner))

» Stichwort Humor: Was genau macht Ihrer Meinung nach den jüdischen Witz aus?

Der jüdische Humor steht für eine bestimmte Tragik und Traurigkeit, mit der er den Widersprüchen des Lebens begegnet. Es ist auch ein Lachen über sich selbst, über die eigene Fehlerhaftigkeit. Er nimmt sich der Figuren an und leugnet dennoch ihre Tragik nicht. Bei diesem Humor fühlt man sich aufgehoben, weil er einem selbst entspricht.

» Ihre Filmen drehen sich oft um das Mysterium Familie. Was bedeutet Familie für Sie?

Familie ist eine Art Urzelle der Komik. Man ist in einer Lebensgemeinschaft auf relativ engem Raum zusammengeworfen. Da prallen, wie auch im Leben außerhalb, Elemente aufeinander, die sich nicht vertragen oder sich unterschiedlich entwickeln. Die Familie ist ein Mikrokosmos vom Leben draußen: Es gibt da genauso Verunsicherung, Liebe, Missverständnisse, Hass, Eifersucht, Geldkriege ... Die Familie ist ein toller Bereich für humorvolle Feldforschung, und über die menschliche Natur lassen sich viele spannende Geschichten erzählen.

Großansicht Auch, wenn's nicht so aussieht: Die Familie ist laut Regisseur die "Urzelle der Komik" (Foto: X Verleih (Warner))

Auch, wenn's nicht so aussieht: Die Familie ist laut Regisseur die "Urzelle der Komik" (Foto: X Verleih (Warner))

» Sie werden das Thema also weiter verfolgen?

Ja. Familie und Liebesgeschichten. Das Bett und das Wohnzimmer sind politische Orte, in denen sich die Gesellschaft spiegelt. Ich mag es, im Film private Räume und Menschen in ihrem Umfeld zu zeigen.

In "Alles auf Zucker" versinnbildlicht die kleine Welt der Hauptfigur auch das Berlin der Gegenwart und das Berlin 16 Jahre nach der Wende. Sie zeigt, wie jemand aussieht, der die Wende nicht erfolgreich mitgemacht hat. Filme sollten in eine bestimmte Zeit gehören und nicht losgelöst sein, damit sie möglichst oft und vielseitig gezeigt werden können.

Großansicht Immer dasselbe: Erst wenn man ganz unten ist, kann man sich wieder hocharbeiten (Foto: X Verleih (Warner))

Immer dasselbe: Erst wenn man ganz unten ist, kann man sich wieder hocharbeiten (Foto: X Verleih (Warner))

» Sie möchten den Film auch als Wegweiser zu einer deutsch-jüdischen Annäherung verstanden wissen. Was glauben Sie: Warum ist uns das in Deutschland 60 Jahre nach Kriegsende noch nicht gelungen?

Deutschland hat eine sehr intensive Geschichte mit dem Judentum. Dass vor 60 Jahren Auschwitz befreit wurde, davon kann man sich als Deutscher nicht einfach lösen. Man kann als Jude in Deutschland aber auch einen Film über jüdische Kultur und jüdisches Leben machen, ohne mit der Geschichte zu konfrontieren. Das ich nicht das schlechte Gewissen anspreche, wurde von den Zuschauern als entspannend und befreiend empfunden. Sie können über die Figuren lachen, ohne sich schäbig zu fühlen.

» Sie sprechen das schlechte Gewissen der nachgeborenen Generation an. Was muss Ihrer Meinung nach in Deutschland passieren, damit sich der Umgang mit jüdischer Geschichte entspannt?

Eine übersensible, präzise, gern auch neurotische Vorsicht gegenüber neuen, rechtsradikalen Tendenzen finde ich richtig. Aber übertreiben muss man nicht. Ein schamloseres, frecheres Verhältnis gegenüber anderen Kulturen oder Minderheiten ist immer gut. Berührungsängste müssen abgebaut werden, ohne immer politisch korrekt zu sein. Ich möchte gewisse Sachen auch vom Sockel der Unantastbarkeit herunterholen. Ein gutes Mittel dafür ist Humor.


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