In seinen besten Filmen war er ein begnadeter Satiriker, der den American Way of Life bissig kommentiert und die US-Gesellschaft vom Präsidenten bis zum College-Boy durchleuchtet. Dazwischen fanden sich angepasste Routine-Arbeiten und auch jahrelange Perioden ohne Filmarbeit, wenn er die Theaterinszenierung vorzog. In seinen ersten Jahren folgte ein Erfolg dem anderen: die Edward-Albee-Verfilmung "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", in dem sich Elizabeth Taylor und Richard Burton als College-Ehepaar zerfleischen oder die kalifornische Familien- und Sex-Satire "Die Reifeprüfung", die Nichols den Regie-"Oscar" und Dustin Hoffman den schauspielerischen Durchbruch brachte. Ebenso erfolgreich waren die Weltkrieg-II-Groteske "Catch 22", ein Meisterwerk des Antikriegsfilms anhand der absurden Situation einer Fliegerstaffel im Mittelmeer, nach dem Bestseller von Joseph Heller und mit einer Star-Besetzung, und die Studie amerikanischer Männer in "Carnal Knowledge - Die Kunst zu lieben". Nach den Misserfolgen von "Der Tag des Delphins" und "Mitgiftjäger" inszenierte Nichols acht Jahre nur am Broadway (sieben "Tony Awards"), bis er sich mit dem Thriller "Silkwood", der auf einem wahren Fall beruht, 1983 in die Debatte um die Folgen der Atomenergie einmischte. Seine Hauptdarstellerin Meryl Streep trat für Nichols in dem Ehedrama "Sodbrennen" und der nach dem Roman von Carrie Fisher gedrehten Hollywood-Satire "Grüße aus Hollywood" wieder vor seine Kamera. In "Die Waffen der Frauen" (mit Melanie Griffith und Sigourney Weaver) schlüpft eine Sekretärin erfolgreich in die Rolle ihrer Chefin.
Alle Filme Nichols' waren exzellent besetzt, ob es Harrison Ford in "In Sachen Henry" war, der eine einmalige Chance erhält, sein Leben zu ändern, oder Jack Nicholson als Chefredakteur, der sich in "Wolf - Das Tier im Manne" langsam in einen Werwolf verwandelt, oder Robin Williams und Nathan Lane in der Transvestiten-Farce "The Birdcage", einem Remake des französischen Erfolgs "Ein Käfig voller Narren". Mit den Machtstrategien der US-Politiker setzte sich Nichols in "Mit aller Macht" auseinander, in dem ein Gouverneur (John Travolta), der an US-Präsident Bill Clinton modelliert ist, in den Vorwahlen beinahe über seine Sexskandale stolpert.
Zusammen mit seinen Drehbuchautoren Ed Solomon und Peter Toland drehte er "Good Vibrations" - eine eher dünne Screwball-Comedy um einen Alien, der auf die Erde kommt, um Nachkommen zu schaffen. Umso beeindruckender und wirkungsvoller sein nächster Film "WIT" (2000), der von den letzten Monaten einer krebskranken Frau (Emma Thompsen) erzählt und einige wichtige Preise (u.a. Christopher Award und Spezialpreis auf der Berlinale 2001) erhielt. 2004 widmete sich Nichols gleich zwei Theaterverfilmungen. "Hautnah", ein Stück über vier Personen (Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman, Clive Owen) in wechselnden Konstellationen, und "Engel in Amerika". Die TV-Adaption des Dramas von Tony Kushner, der auch zum Film das Drehbuch schrieb, kreist um die Krankheit Aids und die damit verbundenen inneren und äußeren Veränderungen. Dafür wurde er mit dem Emmy und dem DGA Award ausgezeichnet. 2007 folgte "Der Krieg des Charlie Wilson", der starke biografische Züge zum gleichnamigen texanischen Kongressabgeordneten (von einem fantastischen Tom Hanks gespielt) aufweist, dem erheblicher Einfluss bei der Beendigung der sowjetischen Invasion in Afghanistan nachgesagt wird.
Nichols, geboren 1931 in Berlin und seit 1934 in den USA, gründete 1957 eine Komikertruppe und arbeitete jahrelang im Team mit seiner Partnerin Elaine May, die später Drehbuchautorin und Regisseurin wurde, bis er nach Erfolgen am Broadway zum Film fand. Diane Sawyer ist Mike Nichols vierte Frau. Mit ihr ist er seit 1988 verheiratet.
"Amerikaner sind keine Armleuchter"
Der Oscar-ausgezeichnete Regieveteran Mike Nichols ("Mit aller Macht - Primary Colors") wendet sich in "Der Krieg des Charlie Wilson" erneut einem politischen Thema zu - obwohl er mit Politik eigentlich gar nichts zu tun haben will.
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Starbesetzt: Tom Hanks und Julia Roberts spielen die Hauptrollen in "Der Krieg des Charlie Wilson" (Foto: Universal)
» Sie sind 1939 in Berlin geboren, leben aber seit Ihrem siebten Lebensjahr in den USA. Wie finden Sie das Berlin von heute?
MIKE NICHOLS: Ich habe nicht mehr viel Erinnerungen an früher und weiß nur noch, wie es war, als ich mit meiner Familie geflohen bin. Woher ich stamme, fällt mir nur auf, wenn ich mir deutsche Filme wie "Das Leben der Anderen" ansehe, der mich tief beeindruckt hat. Ich halte sehr viel von deutschen Schauspielern und genieße es, wenn sie in ihrer eigenen Sprache sprechen.
» In "Der Krieg des Charlie Wilson" beschäftigen Sie sich mit einem dunklen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Sind Sie damit nicht auf viel Widerstand gestoßen?
Amerikanische Filmstudios interessieren sich doch nicht für politische Inhalte, sondern für Marktanteile. Welchen Anspruch ich mit "Der Krieg des Charlie Wilson" verfolge, spielt also keine Rolle.
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Playboy und Politiker: Charlie Wilson hat so einiges auf dem Kerbholz (Foto: Universal)
» Hatten Sie andere Schwierigkeiten?
Oh ja! Es war ein verdammt schwieriger Job, die damaligen Geschehnisse zu einer Handlung zusammenzufügen. Schließlich basiert alles auf Tatsachen, die für sich allein noch keinen Film ergeben. Also musste man Szenen, Spannungsmomente und Metaphern finden, um den menschlichen Punkt der Geschichte zu treffen. Letztendlich geht es um die innere Wandlung des Charlie Wilson. Das ist unsere Geschichte und dahin zu kommen, war ein langer und mühseliger Prozess.
» Wer war Charlie Wilson in Ihren Augen?
Ein Held, der uns heute wieder Hoffnung macht. Besonders jetzt vor der nächsten Präsidentschaftswahl in den USA. Acht Jahre standen wir Amerikaner ohne Hoffnung da und jetzt besteht die Chance, dem Rest der Welt zu beweisen, dass wir nicht die Armleuchter sind, für die man uns acht Jahre lang gehalten hat.