Wie Ken Loach und Mark Herman ist der 1943 geborene britische Regisseur Mike Leigh der englischen Arbeiterklasse verpflichtet, deren kleine normale Geschichten um Sorgen, Nöte, aber auch Humor und Witz für den Überlebenskampf er liebevoll arrangiert. Dabei ist er kein Sozialkämpfer wie Loach und kein der Musikalität des Lebens huldigender Regisseur wie Herman, sondern einer, der die Schwächen und Stärken seiner ganz gewöhnlichen Personen, ihrer unterdrückten Gefühle oder psychischen Defekte und Eigenheiten ernst nimmt und sie nicht vorführt, sondern zu dialogpointierten Erzählungen bündelt. Der Lohn war 1997 die "Goldene Palme" in Cannes für "Lügen und Geheimnisse", in dem die weiße Cynthia (Brenda Blethyn) urplötzlich mit ihrer leiblichen schwarzen Tochter (Marianne Jean-Baptiste) konfrontiert wird.
Leigh hatte nach einer Schauspielausbildung mit experimentellem Theater begonnen und jahrelang Fernsehspiele für die BBC inszeniert. Zwischen seinem Spielfilmdebüt "Freudlose Augenblicke" (1971), einer Theaterverfilmung, und seinem zweiten Film lagen siebzehn Jahre TV-Arbeit. Mit "High Hopes - Große Erwartungen" feierte er in Venedig 1988 und in New York Triumphe. Im Rahmen einer Familiengeschichte nahm Leigh noch vor dem Schicksalsjahr 1989 auf dem Highgate-Friedhof in London Abschied von Karl Marx und von marxistischen Utopien generell.
Der Komödie "Life is Sweet" (um eine Familie in einer Vorstadt) folgte mit "Nackt" (1993 in Cannes ausgezeichnet für die beste Regie und David Thewlis als bestem Darsteller) die Geschichte eines Arbeitslosen, der sich freiwillig sozial isoliert und alle Annäherungsversuche abwehrt. "Karriere Girls" (1997) erzählt von zwei Studienfreundinnen, die sich nach sechs Jahren wiedersehen. "Topsy Turvy" (1999, Oscars für Kostüme und Maske) führt in die Welt der Londoner Varietés um die Jahrhundertwende.
Leigh interessieren die Charaktere und ihre Beziehungen, er filmt so einfach wie möglich, ohne stilistischen Aufwand. "All or Nothing" führte ihn 2002 wieder zurück zu den so genannten "Kleinen Leuten" in die Londoner Vorstadt: Das Leben am Rand des Existenzminimums mit ihren mittlerweile erwachsenen Kindern hat die Beziehung zwischen dem Taxifahrer Phil und der Supermarkt-Kassiererin Penny erkalten lassen. Erst als ihr übergewichtiger Sohn Rory einen Herzinfarkt erleidet, kommen sie sich wieder näher. Für sein emotionales Drama "Vera Drake" erhielt Leigh beim Filmfestival Venedig 2004 den Goldenen Löwen. Darin erzählt der Regisseur von einer einfachen Hausfrau und Mutter, die als Engelmacherin im London des Jahres 1950 illegale Abtreibungen vornimmt und in die Mühlen der Justiz gerät.
Leigh war bis 2001 mit der Schauspielerin Alison Steadman verheiratet, die auch in vielen seiner Filme auftrat.
Regie-Bär für Christian Petzold
Strahlende Gewinner bei der Verleihung der begehrten Berlinale-Bären. "Bester Film" wurde eine italienische Produktion, zwei Bären in Silber gingen an deutsche Filmschaffende
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62. Berlinale: Regisseur Christian Petzold erhielt einen Silbernen Bären (Foto: Kurt Krieger)
Die 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin sind beendet: Den Goldenen Bären für den besten Film verlieh die Jury um Mike Leigh dem italienischen Beitrag "Cesare deve morire" der Brüder Taviani. "Csak a szél - Just the Wind", eine ungarisch-deutsch-französische Koproduktion, von Benedek Fliegauf erhielt den Großen Preis der Jury.
Der Silberne Bär für die beste Regie wurde Christian Petzold für "Barbara" verliehen. Als bester Schauspieler wurde Mikkel Boe Følsgaard für seine Leistung in "Die Königin und der Leibarzt" geehrt.
Außerdem wurde der Film für das beste Drehbuch prämiert, das von Regisseur Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg stammt. Es handelt sich um eine dänisch-tschechisch-schwedisch-deutsche Koproduktion. Beste Schauspielerin ist Rachel Mwanza für den kanadischen Beitrag "Rebelle".
Ehrenpreise für Meryl Streep und Angelina Jolie
Der Silberne Bär für herausragende technische Leistung ging an den Kameramann Lutz Reitemeier für seine Arbeit an "Bai lu yuan - White Deer Plain" von Quan'an Wang. Eine lobende Erwähnung der Jury erhielt der Film "L' enfant d'en haut" von Ursula Meier, die überdies mit einem Silbernen Bären verbunden war. Der Alfred Bauer Preis für einen Film, der neue filmische Perspektiven eröffnet, wurde an "Tabu" von Miguel Gomes überreicht, eine Koproduktion von Portugal, Deutschland, Brasilien und Frankreich.
Bereits am Donnerstag war Hollywood-Ikone Meryl Streep für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Ihr neuester Film "Die Eiserne Lady" startet in unseren Kinos am 1. März. Gleich doppelt geehrt wurde Regieneuling Angelina Jolie: Ihr Kriegsdrama "In the Land of Blood and Honey" wurde im Rahmen der Gala "Cinema for Peace" als "wichtigster Film des Jahres" ausgezeichnet, zudem erhielt Angelina Jolie den Ehrenpreis für ihren Kampf gegen Krieg und Völkermord.