Die Coen-Brüder Joel und Ethan werden persönlich und erzählen in "A Serious Man" (vielleicht) eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Aber trauen kann man ihnen und ihren Filmen ohnehin nicht..
Typisch amerikanisch, typisch Coens: die bitterböse Loser-Komödie "A Serious Man" (Foto: Tobis)
Analog zu Ihrem Filmtitel - sind Sie auch ernsthafte Herren?
ETHAN COEN: Wir setzen uns nicht in Bezug zu den Personen unserer Filme. Wir erzählen in "A Serious Man" nur eine weitere Geschichte, die keine autobiografischen Züge trägt.
Das ist schwer zu glauben.
JOEL COEN: Na gut, es gibt autobiografische Momente im Bezug zum Milieu, in dem unser Film spielt. Wir sind in einem jüdisch geprägten Vorort aufgewachsen, entsprechend haben wir uns hier von Charakteren, die wir damals kannten inspirieren lassen.
Was hat Sie denn bewogen, gerade jetzt in die Tage ihrer Jugend zurückzukehren?
EC: Das war reiner Zufall. Wir haben dieses Skript schon vor drei Jahren geschrieben, ungefähr zeitgleich mit "No Country for Old Men" und "Burn After Reading". Die Drehfolge hat sich dann zufällig ergeben, hat primär mit der Realisierbarkeit und Finanzierung der einzelnen Projekte zu tun gehabt.
JC: Außerdem ist es ja nicht unser erster Ausflug zurück in unsere Vergangenheit. "Fargo" spielt auch in Minnesota, in den Orten unserer Jugend, und erzählt woher wir kommen - minus dem jüdischen Hintergrund. Aber vielleicht ist es einfach so, dass man sich, wenn man älter wird, eher mit den eigenen Wurzeln auseinandersetzt.
Hat die Art wie Sie aufgewachsen sind, Sie bei ihrer Art Filme zu machen beeinflusst?
EC: Das ist eine gute Frage, darüber müsste ich genauer nachdenken. Aber ich glaube eher nicht. Oder nein, lassen sie es mich so ausdrücken, es hat uns genauso beeinflusst wie die Musik, die wir als Jungs hörten oder die TV-Shows, die wir ansahen, etwa die Serie "F Troop", die wir über alles liebten.
Welche Rolle spielt der jüdische Glaube in Ihrem Leben?
EC: Heute keine mehr. Damals als wir Kinder waren, war das anders. Unsere Mutter war noch der jüdischen Tradition verhaftet, unser Vater weniger. Für die Religion haben wir uns nicht interessiert, wir waren Kinder, haben getan, was man uns gesagt hat, sind zum Tora-Unterricht gegangen, haben Bar Mitzwa gefeiert.
In Ihrem in Jiddisch gehaltenem Vorspann erzählen Sie eine Geschichte von einer resoluten Ehefrau, die dem Dibbuk die Tür weist. Wie verhält sich der zum Film?
EC: Berechtigte Frage, aber wir wissen das auch nicht so genau. Wir hatten nur das Gefühl, dass er passt, dass er Botschafter für den Film ist - eine Fingerübung und Hinweis darauf, in welcher Tradition "A Serious Man" steht. Ohne ihn wäre der Film, glaube ich, einfach nicht so gut.
Ein Leitmotiv also wie der im Soundtrack eingesetzte Jefferson Airplanes Klassiker "Somebody to Love"?
JC: Wenn Sie so wollen. Der Song ist einfacher zu erklären. Er spiegelt die Zeit, in der der Film spielt wider, das Gefühl, das wir als Jugendliche hatten. Diese Musik hat uns geprägt. Aber nicht nur die Musik auch die damalige Mode, das Lebensgefühl, die Aufbruchsstimmung. Außerdem steht er im harten Gegensatz zur kirchlichen Musik mit der wir damals tagtäglich konfrontiert wurden.
Sie haben diesmal auf Stars verzichtet, weitgehend unbekannte Fernseh- und Theaterdarsteller besetzt.
EC: Nochmals, wir wollten das Lebensgefühl von damals sichtbar machen, eine vergangene Epoche beschwören. Stars hätten davon abgelenkt, man bringt diese schließlich immer mit gewissen Arten von Filmen in Zusammenhang. Wenn man gewisse Stars besetzt, hat das Publikum ganz spezielle Erwartungen - von den Produzenten einmal ganz abgesehen.
Na ja, Sie hätten Dustin Hoffman besetzen können.
JC: Zu alt...
Widerspricht er Ihnen manchmal?
JC: Ja, und er hat meistens recht. Ich denke da beispielsweise an den Zaun, der das Haus der Nachbarin, die die nackt sonnenbadet, umgibt. Wir wollten, dass er rot ist. Roger widersprach heftig. Er meinte, er sollte weiß sein. Wir haben uns durchgesetzt. Es sah furchtbar aus. Jetzt ist er weiß. In solchen Dingen, muss man Roger einfach vertrauen.
Das heißt Sie verlassen sich in Sachen Bildgestaltung vollkommen auf ihn?
EC: Absolut. Bei der Bildsprache, der Ausleuchtung, die dann die Stimmung ausmacht, verlassen wir uns vollkommen auf ihn.
Andererseits scheinen Sie aber auch nur dort zu drehen, wo Sie sich auskennen. Haben Sie jemals für ihre Filme die USA verlassen?
JC: Wir haben einmal einen ganz kleinen Film in Paris gedreht.
Die "Tuileries"-Episode in "Paris je t'aime".
JC: Das hat schon Spaß gemacht. Aber wir sind im Prinzip Sklaven unserer eigenen Limitierungen, unseres eigenen engen Horizonts. Wir schreiben nur über Dinge, die wir kennen, über Dinge, über die wir glauben uns auszukennen. Die amerikanische Seele interessiert uns. Da fühlen wir uns zu Hause.
EC: Wir haben aber einmal versucht, einen Film in Japan zu drehen. Aber das hat nicht funktioniert. Das hat auch mit den relativ niedrigen Budgets unserer Filme zu tun, mit den daraus folgenden Drehbedingungen. Wir wollen unsere eigenen Herren bleiben. Das geht nur mit übersichtlichen Budgets, in die niemand hineinredet.
JC: Aber man muss auch dazu sagen, dass der japanische Film von einem Amerikaner gehandelt hat, von einem Maschinengewehrschützen an Bord eines Flugzeugs, das über Japan abgeschossen wird. Und dann gibt's da noch ein Projekt, das in Südamerika angesiedelt ist.
Apropos nächstes Projekt, wird das angekündigte Remake von "Der Marshall" sein?
EC: Man kann nie sagen, ob ein Projekt zustande kommt. Da gibt es zuviel Unsicherheitsfaktoren. Bislang ist erst einmal das Drehbuch fertig. Wir halten uns da näher an die Vorlage, näher an Charles Portis' Roman.
Wenn Sie mit ihren Drehbüchern fertig sind, ändern Sie dann beim Drehen noch viel?
JC: Eigentlich nicht, im Vergleich zu anderen US-Produktionen fast gar nichts. Wenn ja, dann geht es eigentlich nur darum, dass sich der Schauspieler mit seinem Text wohlfühlt, dass es glaubwürdig wirkt, was er macht.
EC: Michael Stuhlbarg, unser Hauptdarsteller in "A Serious Man", kommt vom Theater. Der hat wirklich ewig am Text herumgefeilt. Er wollte, dass jedes Wort stimmt - ja, er ist fast genauso schlimm wie William H. Macy. (lacht)
Sie produzieren ihre Filme, schreiben die Drehbücher, führen Regie... wo wird's da besonders schmerzhaft?
EC, JC: ...
Vielleicht wenn Sie zu den fertigen Filmen Interviews geben müssen?
JC: (lacht) Das haben Sie gesagt.