Sein zweiter Film "1984", der im Orwell-Jahr 1984 startete, machte den 1950 in Neu-Dehli als Sohn einer Österreicherin und eines Engländers... - Foto: Kurt Krieger http://images.kino.de/flbilder/max04/kuk04/kuk38/u0438060/b150x150.jpg Michael Radford

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Michael Radford


  • Geburtstag
    24.02.1946
  • Geburtsort
    New Delhi

Sein zweiter Film "1984", der im Orwell-Jahr 1984 startete, machte den 1950 in Neu-Dehli als Sohn einer Österreicherin und eines Engländers geborenen Michael Radford weltweit bekannt. Die negative Utopie eines von einem "Big Brother" genannten Diktator beherrschten, totalitären Überwachungsstaates brachte Radford den François-Truffaut-Award als bester Regisseur und die Goldene Tulpe in Istanbul ein. Die ungewöhnliche, düstere Zukunftsvision, werkgetreu nach George Orwells Roman entstanden, ist jedoch vor allem durch die eindringliche Besetzung mit John Hurt als scheiterndem Auflehner gegen das System und Richard Burton in seiner letzten Rolle als folternder Parteigenosse so überzeugend geworden.

Radford hatte nach seinem Studium in Oxford als einer der ersten Filmstudenten die 1971 gegründete National Film School in London besucht, bevor er nach Dokumentarfilmarbeiten mit dem Spielfilm "Another Time, Another Place" 1982 in der Regie debütierte. Für die Geschichte von drei neapolitanischen Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs 1944 bei einer jungen schottischen Farmersfrau einquartiert werden, wollte Radford den Schauspieler Massimo Troisi als Hauptdarsteller, was jedoch scheiterte, weil es Troisi zu kalt war. Dafür spielte Troisi zwölf Jahre später in "Der Postmann" die Hauptrolle des Postboten, der durch die Gedichte des im Exil lebenden chilenischen Poeten Pablo Neruda (Philippe Noiret) eine neue Weltsicht erfährt und die Texte "klaut", um die Liebe einer Frau zu gewinnen. Troisi ("Wie spät ist es?", "Splendor") starb einen Tag nach den Dreharbeiten im Alter von nur 41 Jahren an Herzversagen.

Zwischen "1984" und dem "Postmann", der für fünf Oscars nominiert war und einen für die beste Musik (Luis Enrique Bacalov) erhielt, konnte Radford, der sich mit TV-Commercials über Wasser hielt, nur die Kolonialsatire "Die letzten Tage in Kenia" realisieren, in der ein Kriminalfall die britische Gesellschaft aus Society-Löwen, Ehebrechern und heißblütigen Schönen in Afrika (u.a. Greta Scacchi, Sarah Miles, Joss Ackland, Charles Dance) in die Krise treibt.

Mit Asia Argento, der Tochter des italienischen Horrorfilmregisseurs Dario Argento, in der Hauptrolle inszenierte Radford 1997 den Liebesthriller "B. Monkey", in dem sich ein Lehrer in eine unkonventionelle Diebin verliebt. Doch der Versuch, an den Erfolg von "Der Postmann" anzuknüpfen, mißlang ihm ebenso wie mit seinem folgenden Film, "Dancing at the Blue Iguana", der ernüchternd das unglamouröse Leben von fünf Stripperinnen (unter ihnen Daryl Hannah) portraitierte.

Nach einem Beitrag für das Episodenfilmprojekt "Ten Minutes Older - The Cello", in dem Radford in seinem Segment ("Addicted to the Stars") mit Einsteins Relativitätstheorie spielte, begab er sich mit "Der Kaufmann von Venedig" auf Klassiker-Terrain: In der opulent ausgestatteten, starbesetzten Shakespeare-Verfilmung glänzt Al Pacino als Jude Shylock, von dem sich der Kaufmann Antonio (Jeremy Irons) Geld leiht, für das er mit einem Pfund Fleisch aus seiner Brust bürgt.

  • Geburtstag
    24.02.1946
  • Geburtsort
    New Delhi
  • Geburtsland
    Indien

"Ich hasse moralische Filme"

Mit "Der Kaufmann von Venedig" verfilmte Michael Radford das kontroverseste aller Shakespeare-Stücke. Doch nicht nur die tragische Komödie aus dem 16. Jahrhundert steckt voller Konflikte, auch die Finanzierung des Films gestaltete sich hochdramatisch.

Großansicht Michael Radford wagt sich an einen schwierigen Stoff (Foto: Sony Pictures)

Michael Radford wagt sich an einen schwierigen Stoff (Foto: Sony Pictures)

» Was bedeutet Ihnen Shakespeare?

MICHAEL RADFORD:

Eine Quelle für Ideen. Als mir das Projekt vorgeschlagen wurde, war ich erst einmal geschmeichelt, dann bekam ich Angst, weil sich noch kein Filmregisseur an das Stück herangewagt hatte.

Alles hing von der Besetzung des Juden Shylock ab. Mit Al Pacino fühlte ich mich auf der sicheren Seite. Ich liebe die Zeitlosigkeit dieses Klassikers. Den Zusammenprall von Kulturen gibt es damals wie heute, die menschlichen Dramen ändern sich nicht.

» Welche Modernisierungen haben Sie vorgenommen?

Wir haben uns um mehr Kohärenz, Menschlichkeit und Lebendigkeit bemüht sowie um mehr Hintergrundwissen. Shakespeare wollte sein Theater füllen und wir die Kinosäle. Film verlangt ein anderes Tempo, deshalb haben wir durch Kürzungen den Rhythmus der Sprache beschleunigt. Und wir haben das Verhältnis zwischen Tragik und Komik ausbalanziert.

Großansicht Pacino und Radford am Set (Foto: Sony Pictures)

Pacino und Radford am Set (Foto: Sony Pictures)

» Shylock ist ein zwiespältiger Charakter.

Der Konflikt zwischen ihm und Antonio ist auch nicht persönlich, sondern kulturell motiviert. Shylock führt einen Kreuzzug gegen die Gesellschaft, fühlt sich im Recht. Und irgendwann beginnt man, sich mit ihm zu identifizieren. Es gibt keine Bösen und Guten in diesem Film, die Grenze zwischen Täter und Opfer verschiebt sich. Wir sind nicht moralisch. Ich hasse moralische Filme.

» Was sagen Sie zum Vorwurf des Antisemitismus?

Unsinn. "Der Kaufmann von Venedig" ist in keiner Hinsicht antisemitisch. Er weist auf Antisemitismus hin. Der existierte durch die Jahrhunderte hindurch und auch heute noch. Es wäre lächerlich, keine brisanten Geschichten mehr erzählen zu dürfen. Die Filme heute sind voll von Leuten, die sich gegenseitig umbringen. Da wird auch nicht jeder Zuschauer zum Killer.

Großansicht Jeremy Irons und Joseph Fiennes kennen sich mit Shakespeare bestens aus (Foto: Sony Pictures)

Jeremy Irons und Joseph Fiennes kennen sich mit Shakespeare bestens aus (Foto: Sony Pictures)

» Inwieweit standen Sie bei dieser multinationalen Koproduktion unter Aufsicht?

Ich habe die meisten europäischen Koproduzenten überhaupt nicht getroffen. Denen ging es vor allem um die Steuererleichterungen. So bietet Luxemburg eine riesige Steuerersparnis. Ich habe dort gern gedreht. Man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren, da es an Ablenkungen fehlt.

In Venedig wurden die Dreharbeiten zum Erlebnis. Wir hatten Zugang zu den unglaublichsten Orten. Aber die Finanzierung entpuppte sich als Albtraum. Mit der Steuerersparnis vor Augen stritten sich plötzlich die unterschiedlichsten Rechtsanwaltsgruppen. Überall musste irgendein Papier unterzeichnet werden. Keiner wollte als Erster Geld rausrücken, sondern wartete auf den anderen. Das zehrt an den Nerven. Endgültig grünes Licht gab es erst am letzten Drehtag.

Großansicht Al Pacino ist der perfekte Shylock (Foto: Sony Pictures)

Al Pacino ist der perfekte Shylock (Foto: Sony Pictures)

» Trotz der renommierten Besetzung?

Ein Shakespeare-Film hat zwar einen garantierten, aber leider limitierten Markt. Da nützen selbst Namen wie Al Pacino oder Jeremy Irons nicht viel. Al war übrigens unheimlich froh, nicht schon wieder mit einer Knarre herumzulaufen, wie so oft in den letzten 40 Jahren.

» Wie haben Sie trotz der Finanzprobleme alles auf die Reihe bekommen?

Ich hätte gern 25 Mio. Dollar gehabt, aber die waren nicht da. Also habe ich allen die prekäre Sachlage klar erläutert. Da auch das Geld für Proben fehlte, sprang Al großzügig ein. So durften wir bei ihm in einer Art Theaterstudio in New York proben und mussten nur noch Übernachtungen organisieren. Die Not schweißte uns zusammen.


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