In seiner schwungvollen, prämierten Doku "Mad Hot Ballroom" über ein Tanzprojekt an New Yorks Schulen wirft das Produzentinnen-Duo, Regisseurin Marilyn Agrelo und Drehbuchautorin Amy Sewell, einen Blick auf gegensätzliche Welten.
Wilson und Jatnna tanzen für das Team aus den Washington Heights (Foto: X Verleih (Warner))
» Wie haben Sie die Schulen ausgewählt?
AMY SEWELL: Wir besuchten 20 der am Programm teilnehmenden 60 Schulen und einigten uns dann auf drei - die Public Schools im wohlhabenden Tribeca, im Armutsviertel Washington Heights und im neuen Einwanderungsbrennpunkt Brooklyn.
Uns reizte das Multikulturelle am Dancing-Classrooms-Projekt, 20 Prozent der Schüler sind weiß, 25 schwarz, 30 Prozent asiatischer und 25 Prozent lateinamerikanischer Herkunft. Ausschlaggebend waren auch Lehrer, Ausstattung, Nachbarschaft und die Logistik beim Drehen. Bevor wir loslegen konnten, mussten wir uns 700 Einverständniserklärungen von Kindern und Eltern beschaffen.
» Die Kinder bewegen sich völlig natürlich vor der Kamera.
SEWELL: Tanzen setzt bei allen Menschen Gefühle frei, selbst bei den verschlossensten. Aus ökonomischen und praktischen Gründen drehten wir mit der kleinen Mini-DV und einer nur insgesamt vierköpfigen Crew.
Bald bemerkten uns die Kids nicht mehr, wir blieben in ihrer Nähe und versuchten, ganz normale Gespräche einzufangen. Die Interviews mit den Erwachsenen haben wir herausgenommen und uns nur auf die Kinder konzentriert. Der erste Rohschnitt betrug fünf Stunden.
MARILYN AGRELO: Es war faszinierend zu erleben, wie Großstadtkinder, die mit Gameboys und Computerspielen aufwachsen, plötzlich Lust an Bewegung und Rhythmus finden. Man muss ihnen nur das Handwerkszeug geben, Selbstbewusstsein zu entwickeln, ihnen zeigen, dass man nicht Akademiker sein muss, um sich auszudrücken. Manchmal reicht ein Pinsel oder ein Stift.
"Mad Hot Ballroom" ist keine simple Geschichte über einen Tanzwettbewerb, sondern über menschliches Zusammenleben, das Lernen von gegenseitigem Respekt. Letzteres ist amerikanischen Kindern nicht gerade in die Wiege gelegt. Die Jungen und Mädchen, die durch Hip-Hop ein ziemlich einseitiges Rollenverständnis bekommen, gingen nach einiger Zeit viel gleichberechtigter miteinander um.
» Was brachte Sie zu dem Projekt?
SEWELL: Irgendwann nach 9/11 dachte ich, alles ist zu Ende, ich wurde 40 und geriet in die Midlife-Crisis. Bei der Recherche für einen Artikel über das Tribeca-Team merkte ich am ersten Tag der Reportage, hier passiert was.
Da ich den Artikel radikal kürzen musste, überlegten wir uns, wie man diese bewegende und komische Geschichte verfilmen könnte. Wir machten uns keine Gedanken, was mit dem Film geschehen sollte, wir wollten ihn einfach machen. Punkt.
» Nicht gerade ein Mainstream-Thema und sicherlich nicht einfach zu finanzieren.
SEWELL: Es war schrecklich. Zuerst habe ich an solvente Leute geschrieben und fand das aufregend. Im Nachhinein kann ich über meine Blauäugigkeit nur den Kopf schütteln. In Amerika will man "Star Wars" und eine fette Rendite, keine risikoreichen Arthaus-Filme.
Ich habe alle Organisationen angesprochen, die Tanz-Projekte unterstützten. Niemand wollte seine Sponsoren preisgeben, ein richtiger Kannibalismus. Ein Bettelbrief an 800 Produktionsfirmen und Movie-Stars wie Arnold Schwarzenegger, Oprah Winfrey oder Robert Duvall entpuppte sich auch als Schlag ins Wasser.
Letztendlich liehen wir uns Geld. Allein für die Musikrechte gingen 50 Prozent unseres Gesamtbudgets drauf. Jetzt weiß ich, wie die Musikindustrie einen über den Tisch ziehen kann! Ein smarter Typ aus der Branche prophezeite mir graue Haare. Er hatte Recht. Leider.
AGRELO: Und erst drei Tage vor Drehbeginn erhielten wir die Genehmigung, während der Unterrichtsstunden zu drehen. Anfangs wussten wir gar nicht, auf was wir uns als Produzentinnen einließen. Wir quälten uns durch einen 24-Stunden-Tag und mussten überlegen, wo wir unsere Lunchpakete herkriegen.
Wir starteten mit einem niedrigen Budget. Bis zum Rohschnitt brauchten wir ungefähr 200.000 Dollar. Das Aufblasen auf 35 mm und die Musikrechte kosteten zusätzlich eine Stange Geld. Natürlich zahlten wir Lehrgeld, aber der ganze Stress hat uns stärker gemacht, wir fühlen uns autonom und können sagen, das ist unser Film. Jetzt wollen wir sogar eine zweite Doku angehen. Wahrscheinlich sind wir verrückt.