Die gegenseitigen Anfeindungen zwischen Franzosen und Amerikanern waren dieses Jahr ein großes Thema an der Côte d'Azur. Trotzdem zeigte sich die Jury um Thierry Fremaux mutig.
Denn mit "Elephant" sprach man einem Film die zwei wichtigsten Preise zu - die Goldene Palme und den Regiepreis - der noch Öl ins Feuer der nationalen Empfindlichkeiten bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes gießt.
Gus van Sants Drama wirft nämlich ein äußerst kritisches Licht auf die Zustände an amerikanischen Schulen und reiht sich ziemlich nahtlos in Michael Moores Waffen-Doku "Bowling for Columbine" ein. Und Moore ist in den USA nicht erst seit seiner Oscar-Rede ("Shame on you, Mr. Bush!") DIE Persona non grata.
Diese Entscheidung mag Menschen wie Harvey Weinstein, der im Vorfeld lautstark das fehlende Interesse der US-Filmer an den Festspielen von Cannes verkündete, ein Dorn im Auge sein. Dabei saß mit Meg Ryan immerhin auch ein Lieblingskind Hollywoods in der Jury.
Man darf jedenfalls ziemlich sicher sein, dass die Wellen der Entrüstung von der anderen Seite des Atlantiks bald mit gewohnter Heftigkeit an die Strände der Côte d'Azur branden werden.
Neben "Elephant" war der von der Arthouse-Kritik favorisierte türkische Beitrag "Uzak" von Nuri Bilge Ceylan ein weiterer großer Gewinner: Er wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, zudem wurden die beiden Hauptdarsteller Muzaffer Ozdemir und Mehmet Emin Toprak mit dem Schauspielerpreis bedacht.
Durchsetzen konnte sich auch Denys Arcands Sterbehilfe-Drama "The Barbarian Invasion", das den Drehbuchpreis und den Darstellerinnenpreis für Marie-Josée Croze erhielt.
Die Camera d'Or für den besten Erstlingsfilm sicherte sich "Reconstruction", eine rauschhafte Parabel über die Folgen einer bedingungslosen Liebe.
Die von der Berlinale und den Oscars erfolgsverwöhnte Nicole Kidman musste diesmal dagegen völlig überraschend mit leeren Händen die Heimreise antreten: Der allgemein als Favorit gewertete "Dogville" von Lars von Trier konnte die Jury nicht überzeugen.