Seit ihrer Hauptrolle als Sechzehnjährige in Michael Kliers "Ostkreuz" hat Laura Tonke in zahlreichen Filmen gespielt und war in diesem Jahr mit "Baader" auf der Berlinale vertreten. Vor kurzem präsentierte sie beim "2. BMW Festival of German Cinema" in Australien ihre beiden letzten Filme, "Pigs Will Fly" und "Junimond". Die Schauspielerin über ihre Erfahrungen in Melbourne und Sydney, über Pläne und Wünsche für die Zukunft.
» Du hast gerade einen Termin-Marathon in Australien hinter dir. Wie waren deinen Erfahrungen Down Under?
Ich habe noch nie so viele Interviews in so kurzer Zeit gegeben! Für mich war das ein ausgezeichnetes Übungsland, denn ich konnte ja im Grunde erzählen was ich wollte: Da unten kennt mich keiner und ich kenn da unten keinen.
» Bei der Talkrunde nach den Filmvorführungen hast du direkten Kontakt mit dem Publikum. Das ist eine andere Situation, als mit Filmjournalisten im Interview zu reden. Die Gelegenheit zum Gespräch mit seinem Publikum ergibt sich für einen Schauspieler schließlich nicht so oft...
Ja, das war eine ganz neue, wichtige Erfahrung. Es ist schön zu sehen, wie interessiert das Publikum ist und ich war berührt, wie sehr sich manche Leute in mich hinein versetzt haben. Mit anderen Filmen war ich bisher nie allein auf der Bühne, sondern immer zumindest mit dem Regisseur zusammen. Jetzt konnte ich die Fragen aus meiner Sicht beantworten, und damit wären meine Regisseure ganz bestimmt nicht immer einverstanden gewesen. Das fand ich ja gerade so lustig.
» Was hat dich an "Junimond" gereizt?
Ich war zu der Zeit, also 2001, auf der Suche nach Ruhe und Frieden. Daher konnte ich Nele, meine Filmfigur, auf Anhieb verstehen: Ich habe mir im Grunde selbst ein so normales, einsames Leben gewünscht, um zu mir kommen zu können. Schon während ich das Drehbuch das erste mal gelesen habe, habe ich eine Zuneigung zu ihr entwickelt. Und sie wurde von Tag zu Tag größer. Ich war zu dem Zeitpunkt noch in San Francisco und habe an "Pigs Will Fly" gearbeitet. Ich habe dann nur noch gehofft, dass der Regisseur auch so ein Glücksfall sein würde wie das Buch, das er geschrieben hat. Dem war so.
» Was wünschst du dir für den Film zum Start?
Unendlich viele Zuschauer wie bei fast allen meinen Filmen.
» Was sind deine nächsten Pläne?
Als nächstes spiele ich Theater an der Volksbühne in Berlin unter der Regie von Frank Castorf. Das Stück heißt 'Forever Young'. Weil ich immer noch so unsicher auf der Bühne bin, habe ich auch gleich für das folgende Stück zugesagt. Dann mache ich ein paar kleine Sachen wie eine Drehbuchlesung auf der Frankfurter Buchmesse - eine wunderbare Gelegenheit, meinen Kollegen Hanns Zischler kennenzulernen und mich auf der Messe umzuschauen. Angesagt sind außerdem ein Musikvideodreh und ein Hörspiel. Aber am liebsten würde ich eigentlich wieder einen Film drehen - allerdings bin ich da ziemlich anspruchsvoll geworden.
» Mit wem würdest du gerne mal arbeiten?
Lukas Moodysson, mit allen von Coop99, Sven Tadicken, Harmony Korine, Michael Haneke, und immer wieder Dominik Graf.
» Nach welchen Kriterien wählst du deine Drehbücher aus?
Ein Buch liegt im Briefkasten. Produktionsfirma? Kenn' ich nicht, schlechte Erfahrungen, gute Erfahrungen? So fängt's an. Begleitbrief? Will er professionell sein? Lustig? Oder am schlimmsten: Ist er einschleimend? Ist auch manchmal entscheidend.
Aber das Buch selbst ist natürlich ausschlaggebend. Mittlerweile habe ich gelernt, Drehbücher zu lesen. Vor zehn Jahren habe ich das noch nicht so gut gekonnt: Da habe ich mich oft geirrt und mich im Nachhinein über meine Absage geärgert.
Es gibt ja grundsätzlich nicht besonders viele gute Drehbücher, oder mir werden sie jedenfalls selten angeboten. Wenn eins mal gut ist, fängt mein Herz an zu klopfen und ich höre nicht auf zu lesen, bis ich fertig bin und hoffe, dass meine Rolle so gut bleibt oder besser wird, wie auf den ersten Seiten. Ich sehe mich schon in der Rolle und überlege, während ich lese, wie ich welche Szene spielen kann und was schwierig werden könnte.
Wenn ich das Buch dann weglege, bin ich ein bisschen wie verliebt. Ich will diese Rolle dann unbedingt, und wenn es ein Casting geben soll, bekomm ich noch mehr Herzklopfen, weil die Angst dazu kommt, jemand anderes könnte MEINE Rolle bekommen. Ich kann innerhalb eines Tages komplett in eine Rolle eintauchen, aber wenn ich so einen Part am Ende dann nicht bekomme, bin ich unglücklich.
Dazu kommt aber noch der Regisseur: Wenn ich mit dem nicht auf einer Wellenlänge liege, sag ich ab. Mittlerweile weiß ich sehr genau, wann es sich lohnt, eine Arbeit mit einem Regisseur zu beginnen, zu dem ich nicht von Anfang an einen Draht habe, und wann nicht. Ich rede hier nicht von TV-Serien oder manchen TV-Filmen, die ich immer wieder mache, um leben zu können.
» Die Rollen in deinen beiden letzten Filmen könnten kaum gegensätzlicher sein. Ist es dir wichtig, immer in eine andere Haut zu schlüpfen?
Ja, das geht ganz automatisch, wenn ich eine Figur ausgelotet habe, suche ich nach was Neuem. Sonst wird's mir langweilig, und deswegen mache ich mir jetzt schon Gedanken um meine noch nicht gestartete Theaterkarriere. Es kann auch passieren, dass ich richtig gute Drehbücher absage, weil ich so etwas zu dem Zeitpunkt schon zu oft gespielt hatte. Das ist eigentlich schade.
» Was soll/kann Film im besten Falle sein, kann er als "Kulturgut" etwas über ein Land aussagen? Sind solche Festivals wie das in Australien wichtig?
Auf mich üben Filme oft eine große Macht aus, ich will dann so sein wie Personen aus dem Film, oder mir werden die Augen geöffnet für Länder, von denen ich bis dahin wenig wusste. Auf jeden Fall sind Filmfestivals wichtig, um auch Independent-Produktionen so vielen Menschen wie möglich zu zeigen. Ein Festival ist schließlich oft die einzige Möglichkeit, wirklich gute, neuartige, mutige Filme aus fernen Ländern zu sehen.
Film kann im besten Fall zum Denken anregen, inspirieren, etwas über fremde Länder erzählen oder auch nur zwei Stunden lang Probleme vergessen lassen.