Für Ihre Leistung im Psycho-Drama "Melancholia" gewann Kirsten Dunst in Cannes die Silberne Palme als beste Darstellerin. Doch die Kontroverse um Regisseur Lars von Triers Nazi-Scherze überdeckte fast, welches großartige Meisterwerk der Däne geschaffen hat.
Gewann zurecht den Darstellerpreis in Cannes für ihr Portrat einer depressiven Frau in "Melancholia": Kirsten Dunst (Foto: Concorde)
Wie war Ihre Arbeitsbeziehung mit Lars von Trier?
KIRSTEN DUNST: Für mich sehr angenehm. Wir haben uns gut verstanden und viel zusammen gelacht.
Sie wechseln von Hollywood-Blockbustern zu Independent-Produktionen ... War der Dreh von "Melancholia" für Sie trotzdem etwas Neues?
Ich habe schon vor Melancholia mit anderen ausländischen Independent-Regisseuren und auch internationalem Cast gearbeitet, das kannte ich also schon. Neu für mich war die Arbeitsweise, die bei Lars von Trier am Set herrscht. Er erlaubt den Schauspielern, sehr natürlich zu sein und ermöglicht damit eine unglaubliche Erfahrung von Freiheit.
Inwiefern?
Man übt nicht vorher bei ihm. Normalerweise kommst du am morgen zu Set, du besprichst die Szene und probst sie, kommst nach dem Essen zurück und drehst genau das Eingeübte, oft mit Markierungen am Boden, wo du zu stehen hast. Mit Lars marschierst du einfach los, und die Kamera folgt dir. Das war für mich das tollste Erlebnis, das ich je hatte, diese Freiheit!
Ihm eilt der Ruf eines enfant terrible voraus, dem er in Cannes mehr als gerecht geworden ist. Warum wollten Sie mit ihm arbeiten?
Ich wollte mit ihm drehen, weil er für mich einer der größten Arthouse-Filmemacher unserer Zeit ist, der einzige, der Filme nur für Frauen schreiben kann, mit ganz großen Emotionen. Ich kenne keinen anderen männlichen Regisseur, der fähig ist, sich so in eine dieser Frauen hineinzuversetzen. Leider macht er nicht so oft Filme, und eine seiner Frauenfiguren zu sein, das empfand ich als Riesen-Chance und -Ehre.
Sie spielen eine von Depressionen heimgesuchte junge Frau, die dem Ende der Welt entgegen sieht. Keine leichte Rolle. Hat der Regisseur Ihnen geholfen?
Wir haben vorher viel gesprochen und Lars war sehr offen, was seine eigene Geschichte betrifft. Er hat von seinen Depressionen und Zusammenbrüchen erzählt, und wir haben gemeinsam überlegt, wie so etwas im Film aussieht, wie man das darstellen kann. Es gibt Szenen im Film, die sind autobiographisch im Hinblick auf seine eigenen Krankheitserfahrungen. Wenn sich ein Regisseur so öffnet und eine solch vertrauensvolle Atmosphäre erzeugt, dann ist man selbst auch bereit, sich an Orte zu begeben, die man sonst vielleicht meiden würde. Es ist eher wie eine Erfahrung, die man selber macht, nicht wie schauspielern. Lars hasst es, wenn etwas "wie gespielt" aussieht. Durch diese intensive Arbeit mit ihm hat sich bei mir die Art geändert, wie ich mich seitdem einem Film annähere.
Haben Sie Neues ausprobiert?
Ich mache schon seit Ewigkeiten Filme, bin schon sehr lange in dem Geschäft. Aber diesmal habe mich ganz anders geöffnet, habe Erfahrungen gemacht, die ich nie zuvor erlebt habe. Das war sehr erfrischend und anregend.
Was ist das Besondere an seinem Set?
Die Intimität, die er am Set aufbaut, die Familie, die er hat, Designer, Artdirector, Kameramann, jeder ist mit ihm sehr eng verbunden. Es ist wie eine Familie, jeder ist beteiligt, und gleichzeitig ist es sehr still, sehr natürlich. Du bekommst plötzlich Komplimente von Seiten, von denen du sie nicht erwartet hast, und das bestärkt dich. Er schafft eine Atmosphäre, wie ich sie nie zuvor erlebt habe.
Hören Sie in einem typischen Hollywood-Movie denn keine Komplimente?
Doch, aber sie sind nicht so echt, so unverfälscht, wie wenn sie z.B. von der Kostümbildnerin kommen. Alle sind dabei, weil sie Teil dieses Indie-Projekts sein wollen, nicht weil irgendein großes Budget dahintersteht. Das ist eine ganz andere Motivation.
Fiel es Ihnen schwer, den richtigen Ausdruck für Ihre Figur zu finden?
Dein Job als Schauspieler ist es, alles, was dir im Leben zur Verfügung steht, zu benutzen, um auszudrücken, was das Drehbuch von dir verlangt. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann das nicht, dann spiele ich die Rolle nicht. Ich wüsste nicht, wie man spielen könnte, ohne auf Erfahrungen aus seiner eigenen Biografie, seiner Persönlichkeit zurückzugreifen. Am Ende des Tages ist das eine kathartische Erfahrung. Es kann dich sehr stark emotional treffen. Aus diesem Film kann man viel mitnehmen.
Können Sie sich vorstellen, ein reguläres Mitglied der Lars von Trier-Filmfamilie zu werden?
Lacht: Nicht, wenn es sich um einen Porno handelt! (in Anspielung auf von Triers Bemerkungen während der skandalträchtigen Pressekonferenz in Cannes, wo er als nächstes Projekt einen Porno mit Kirsten Dunst angekündigt hatte)
Mit welchen Regisseuren würden Sie gerne arbeiten?
Tarantino, ein ganz wichtiger für mich. Und Europäer? Da steht Michael Haneke ganz vorn. Ich wollte immer in anderer Sprache drehen, sehr gern einmal in deutsch. (spricht deutsch): Ich kann das ein bisschen, weil mein Vater Deutscher ist und aus Hamburg, kommt.
Wie war Ihre Reaktion, als diese Pressekonferenz aus dem Ruder lief? Sie sahen etwas entgeistert aus ...
Ich dachte, es wäre gut, wenn einer von uns jetzt einfach die Klappe halten würde...
Was gefällt Ihnen besonders an "Melancholia"?
Diese wahnsinnige visuelle Kraft. Der Anfang und das Ende sind unglaublich anzuschauen, überwältigend.
Glauben Sie, das Ende der Welt ist nah?
Nein!