Fatih Akin wirkte schon in der Wettbewerbsjury in Cannes mit und zeigte an der Croisette "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" und "Auf der anderen Seite". In diesem Jahr feiert er Welturaufführung mit "Müll im Garten Eden" in der Sektion Special Screenings, über den Kampf eines Dorfs gegen eine Mülldeponie.
Der vielfach ausgezeichnete Hamburger Fatih Akin war mit "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" erstmals in Cannes. Für "Auf der anderen Seite" gewann er 2007 den Drehbuchpreis, 2008 leitete er die Jury der Nebenreihe "Un Certain Régard". (Foto: Kurt Krieger)
Fühlen Sie sich schon als Stammgast in Cannes?
FATIH AKIN: Ich bin gern in Cannes, und die Einladung in die offizielle Sektion ist eine Ehre. "Müll im Garten Eden" ist mir sehr wichtig; ich habe lange daran gearbeitet. Wenn der Film dort geschätzt und angenommen wird, wäre das ein Schritt nach vorn.
Über sechs Jahre dokumentieren Sie den Kampf eines Dorfs gegen die Mülldeponie. Was interessiert Sie an einer Langzeitdokumentation?
Man lernt, mit der eigenen Geduld hauszuhalten, keine schlechte Eigenschaft bei solch einem Projekt. Am Anfang dachte ich, allein durch die Androhung, einen Film zu drehen, könnte ich den Bau stoppen, aber die Mülldeponie wurde weitergebaut, und wir haben weitergedreht. So kamen wir zur Langzeitdoku.
Was ist so inspirierend beim Wechsel vom Spielfilm zum Dokumentarfilm?
Das ist eine andere Sportart, eine andere Art des Filmemachens, eine andere Form - nicht Pflicht und Kür. Ich kann viel vom Spielfilm auf den Dokumentarfilm übertragen und umgekehrt. Wenn ich einen Moment verpasst habe, muss ich auch beim Dokumentarfilm inszenieren. Dann weiß ich vom Spielfilm, was ich tun muss, und umgekehrt lerne ich, beim Spielfilm einfach auf das Vorhandene zu reagieren und dies einzubauen. Die Arbeit am Dokumentarfilm macht mir mehr Spaß.
Glauben Sie, etwas mit einem Dokumentarfilm ändern zu können?
Film allein kann nichts verändern. Aber ein Dokumentarfilm kann eine Wissenslücke schließen und ein Informationsbedürfnis befriedigen, kann emotional aufrütteln und zu einer Diskussion beitragen, auf ein Symptom hinweisen. Das können Spielfilme auch leisten, aber Dokumentarfilme sind da klarer.
Waren Sie zwischendurch nicht mal frustriert, dass nichts vorwärtsging?
Ich musste Finanziers wie FFA, NDR oder die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) davon überzeugen, dass der Film irgendwann auch fertig wird. Natürlich war die Langwierigkeit des Projekts frustrierend, aber Frust erntet man jeden Tag. Fukushima ist Frust, Exxon Valdez ist Frust, da muss man nur Nachrichten angucken. Frust kann auch Antriebsfeder sein.
Ist ein Dokumentarfilm schwieriger zu finanzieren als ein Spielfilm?
Für mich bisher nicht, weil die Budgets überschaubar sind. "Crossing the Bridge", "Denk ich an Deutschland - Wir haben vergessen zurückzukehren" und auch "Müll im Garten Eden" liegen alle unter einer Mio. Euro.
Wie steht es um "The Cut", den dritten Teil Ihrer Spielfilmtrilogie?
Wir sind gerade in der Finanzierungsphase, da brauche ich viel mehr Geld, als ich je zur Verfügung hatte. Deshalb suchen wir auch in Cannes noch Koproduzenten und Investoren. "The Cut" ist ein historischer Film und spielt in drei Ländern auf drei Kontinenten. Eine teure Angelegenheit. Ich bin durch Erfolg verwöhnt und brauche einen Produzenten, der mich zurechtweist, und auf den ich höre, der mir inhaltlich, finanziell und in allen Dingen des Lebens zur Seite steht. Es gibt nur zwei großartige Produzenten, die infrage kamen: Peter Rommel und "Baumi" (Karl Baumgartner) von Pandora. Bei "Baumi" fühle ich mich in den besten Händen.
Gibt es noch weitere Projekte?
Durch corazón habe ich Jahre damit verbracht, Filme anderer zu ermöglichen und meine Filme hintangestellt. Damit ist jetzt Schluss. In den nächsten Jahren werde ich nur noch meine eigenen Filme produzieren.