Deutsche Schauspielerin. Mit stiller, verhaltener Kraft spielt sie Frauen, die aus der Rolle fallen, mutige Rebellinnen und von schmerzhaftem Schicksal getriebene, tragische Heldinnen, die als Menschen mit Haltung und Zivilcourage ihren Weg gehen. Julia Jentsch gelang als "Sophie Scholl" (2005), Ikone der deutschen Widerstandsbewegung im Dritten Reich, eine Meisterleistung, weil sie die störrische Idealistin mit Würde und Integrität spielte, die ihre Peiniger nicht zu brechen vermögen. Die willensstarke Weiblichkeit von Jentsch geht einher mit einer scheu und distanziert erscheinenden Körperlichkeit, einer Zurückhaltung, die sie selten aufgibt. Sie bleibt in Emotionen und Sehnsüchten undurchdringlich, behält ihr Geheimnis.
Julia Jentsch besitzt eine außerordentliche Wandlungsfähigkeit, was das harte Training an der Schauspielschule mit sich gebracht haben mag, sie kann bodenständig wie in "Schneeland", aufreizend wie in "Die fetten Jahre sind vorbei", komisch wie in "I Served the King of England" sein. 2007 nimmt Jentsch die Herausforderung an, in "Effi" die Effi Briest zu verkörpern, Theodor Fontanes Romanheldin, die sich in der Bismarck-Zeit als lebenslustige junge Frau aus einer langweiligen Ehe in eine Affäre mit einem Offizier fortstiehlt und an konservativen Wertvorstellungen, Doppelmoral und Ehrbegriffen der preußischen Gesellschaft scheitert. Nach Marianne Hoppe (1939), Ruth Leuwerik (1956), Angelica Domröse (1970) und Hanna Schygulla (in Fassbinders Version von 1974) ist Jentsch die fünfte deutsche Schauspielerin, die Effi Briest im Film spielt.
Julia Jentsch wurde 1978 in Berlin als Tochter eines Richters geboren, besuchte nach dem Schulabschluss an der Waldoberschule die Schauspielschule Ernst Busch und machte auf der Bühne Karriere. 2002 wurde sie von "Theater heute" als Beste Nachwuchsschauspielerin geehrt, seit 2001 gehört sie zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Sie war Antigone, Desdemona und Gretchen, spielte in klassischen ("Orestes") und modernen Stücken ("Der bittere Honig"). 1999 debütierte sie im Fernsehen, fiel 2002 als missbrauchtes, geistig verwirrtes Mädchen in "Bloch: Tausendschönchen" auf. Sie spielte in der "Tatort"-Folge "Bitteres Brot" mit Eva Mattes eine Kommissarin, in der Komödie "Die Braut wusste von nichts" eine Bigamistin, in "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe" (2006) die jüdische Bäckertochter Marie, und in "Frühstück mit einer Unbekannten" (2007) die Geburtshelferin Gina, die der Kanzlerin (Iris Berben) auf dem G8-Gipfel die Meinung geigt.
Im Kino war Jentsch die Freundin von Roman Knizka in "Mein Bruder, der Vampir" (2001), Klassenkämpferin ("Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle"), im Trio der Entführer in Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004), "Sophie Scholl", sexuell missbrauchte Bauerntochter Ina in Hans W. Geißendörfers "Schneeland" (2004) und die sudetendeutsche Turnlehrerin in Jiri Menzels Schweijkiade "I Served the King of England" (2007), wo sie genüsslich "nationalsozialistischen Beischlaf" mit dem Führerbild hat.
Julia Jentsch wurde für "Die fetten Jahre..." mit dem Bayerischen Filmpreis 2004 als Beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Für die Sophie Scholl wurde sie mit dem Silbernen Bären der Berlinale 2005, dem deutschen Filmpreis 2005 und dem Europäischen Filmpreis 2005 geehrt.
"Keine Gewissensbisse, Nazi zu spielen" In "Ich habe den englischen König bedient" erregt Julia Jentsch Aufsehen, weil sie die Sudetendeutsche Lisa als glühende Anhängerin Hitlers spielt. In einer Szene jubelt sie bei dem Gedanken, das Nazi-Oberhaupt werde bald die tschechische Hauptstadt Prag einnehmen und alle Deutschen aus ihrem Elend befreien.
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Julia Jentsch spielt die Sudetendeutsche Lisa, die in Hitler ihren Heilsbringer sieht (Foto: Farbfilm (Barnsteiner))
» Dieser Film war Ihre erste ausländische Produktion. Konnten Sie bereits vorher tschechisch sprechen?
JULIA JENTSCH: Nein, das habe ich mir erst für "Ich habe den englischen König bedient" erarbeitet. Eine Dolmetscherin hat mit vorher eine CD mit den Texten besprochen, die ich zwei bis drei Wochen vor dem Dreh bekam, und dann habe ich mit ihr geübt.
Es war natürlich am Anfang nicht so einfach mit diesen ganz speziellen Lauten, aber ich empfand es als eine spannende Herausforderung. Es war schön, dass ich das ausprobieren konnte. Dennoch habe ich mich immer wieder bei allen rückversichert, ob ich mir das zutrauen kann.
» Hatten Sie zuvor schon von dem Regisseur Jiri Menzel gehört?
Ich kannte ihn, aber nur durch den Film "Liebe nach Fahrplan", für den er damals den Oscar gewonnen hat. Und weil ein Bekannter von mir großer Jirí Menzel-Fan ist. Als ich ihm von dem Drehbuch erzählt habe, fand ich das unglaublich absurd. Doch er hat sofort gesagt "Ich komme mit zum Drehort, ich muss diesen Mann kennen lernen!"
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Der Kellner Jan versucht ihr Herz zu erobern, doch weil er Tscheche ist, will sie zunächst nichts von ihm wissen (Foto: Farbfilm (Barnsteiner))
» Nehmen Sie Ihre Freunde öfter zu Dreharbeiten mit?
Eigentlich nie, nein. Ich habe das nur in diesem speziellen Fall gemacht. Ich meine, wenn man weiß, dass einer alle Filme gesehen hat und dauernd guckt, habe ich natürlich ja gesagt. Sonst habe ich noch nie jemanden mitgenommen.
» Erst waren Sie eine Widerstandskämpferin, jetzt eine Nazi-Frau. Wie haben Sie diesen Spagat hinbekommen?
Ja, was für eine Entwicklung. Dennoch ist ein Spagat ja genau das, was einen Schauspieler interessiert. Eine Nazi-Anhängerin zu spielen, ist etwas, worauf ich nicht unbedingt Lust hatte und was mich per se reizen würde. Bei Lisa war jedoch der ausschlaggebende Punkt ihr Charakter. Sie war anders als alles, was ich vorher gespielt habe. Lisa hat dieses ganz spezielle Verhalten, dass sie in ein Cafe kommt und laut ihren Freund begrüßt. Es ist ihr egal, dass alle gucken. Diese Art hat mich an ihr interessiert. Dass sie eine Hitler-Anhängerin ist, muss man als Teil von ihr hinnehmen.