Die "Stirb langsam"-Reihe geht in die fünfte Runde und erstmals führt John H. Moore Regie. Im Interview spricht er über Actionhelden und scheinheilige Regisseure, die ihn zum Kotzen bringen.
"Ein guter Tag zum Sterben": Der Untertitel gilt im fünften "Stirb Langsam"-Film natürlich wie immer nur für die Gegner von Bruce Willis alias John McClane! (Foto: Fox)
Sie waren 18, als "Stirb langsam" erschien. Was bedeutet Ihnen die Filmreihe?
JOHN H. MOORE: Ich finde es immer wieder seltsam, wenn von "Stirb langsam" als Serie gesprochen wird. Ich finde, es war nie Teil dieses zynischen Hollywood-Modells wie die heutigen Reihen. Ich glaube auch, dass das "Stirb langsam" vor dem Untergang bewahrt hat. Jeder Film ist anders, und es waren nur fünf in 25 Jahren.
Wann kamen Sie zu dem Projekt?
Relativ spät, erst 2011. Zu dem Zeitpunkt war die Geschichte von "Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben" schon ausgearbeitet.
Hatten Sie Probleme mit Moskau als Handlungsort?
Im Gegenteil, ich hielt es für eine großartige Idee. Sie müssen wissen: John McClane ist Ronald Reagan. Wenn Sie sich die Filme ansehen, wird es offensichtlich. Die Idee, ihn nach Moskau zu bringen, war geradezu köstlich.
Aber ist die Grundidee von "Stirb langsam" nicht John McClane in einem Gebäude mit jeder Menge böser Jungs? Das wäre nichts anderes als eine Wiederholung des ersten Teils. Ich glaube fest, dass es in "Stirb langsam" immer um die Situation geht. Es geht um die Abenteuer von John McClane, nicht um den Ort oder das Gebäude oder die Maschine, in der er sich befindet.
Was unterscheidet den McClane von anderen Actionhelden?
Er ist kein Actionheld. Ich erzähle Ihnen, wie ich über ihn denke: Ein Mann fährt nach Hause und will Blumen für seine Frau kaufen. Er geht in eine Tankstelle, die überfallen wird. Er könnte einfach weitergehen, trotzdem greift er ein, weil er spürt, dass etwas falsch läuft. Das macht ihn aber nicht zu einem Actionhelden. Er ist kein übermenschlicher Held, der vom Himmel herabfliegt. Er ist jemand, der eine moralische Wahl trifft. Die Action, die Explosionen sind nur der Spaß drumherum.
Gerade erleben die Actionhelden der Achtzigerjahre ein Revival. Sehen Sie "Stirb langsam" als Teil dessen?
Nein! "Stirb langsam" steht darüber. Zuletzt fragte mich jemand, welchen Einfluss "Stirb langsam" auf das Actiongenre hat. Meine wütende Antwort war: nicht genug!
Dennoch gibt es dieses Revival. Was lieben die Leute an diesen Figuren?
Zuschauer in meinem Alter gehen in die Filme und erinnern sich daran, als Arnold Schwarzenegger in "Predator" war. Neben der Nostalgie zeigen diese Filme aber auch der ganzen Facebook-Generation den Mittelfinger. Echte Männer tweeten und posten nicht. Ich möchte nicht, dass mein Sohn denkt, dass er durch das Klicken eines Like-Button eine Entscheidung trifft oder gar eine Revolution starten könnte. Ich möchte, dass er auf die Straße geht und verhaftet wird, dass er Steine wirft wie in Ägypten. You can't tweet Chuck Norris!
"Stirb langsam 4.0" stieß teilweise auf Ablehnung. Haben Sie den Film gesehen?
Ich habe "Stirb langsam 4.0" nicht nur gesehen, ich war auch als Regisseur im Gespräch. Ich mochte aber das Drehbuch nicht. Es wirkte wie ein Konstrukt. Das Studio war von dieser einen Idee besessen: "Analogue McClane in a digital world." Der Typ vom Marketing hat sich eine Medaille verdient, aber McClane funktioniert so nicht. Man baut den Film nicht um eine Marketingidee herum.
Wie verstehen Sie den Job eines Regisseurs innerhalb des Hollywood-Systems?
Mein Job besteht immer mehr darin, Personen, deren Namen nicht im Film erscheinen, davon abzuhalten, schreckliche Fehler zu begehen. Es ist ein gefährlich anonymes Geschäft. Die Leute denken, dass es weniger von Autoren gelenkt ist. Das glaube ich nicht. Ich meine aber nicht, was üblicherweise unter dem Begriff Autorenfilmer verstanden wird. Sehen Sie, jeder Filmvorspann sagt: "Directed by..." Und egal, wie schrecklich Sie den Film fanden, derjenige, der Regie führte, hat sein Herzblut hineingesteckt. Es ist leicht verdientes Geld, solange es jemanden gibt, dem man den schwarzen Peter zustecken kann. Viele Investoren bleiben anonym, und der Regisseur, dessen Namen der Film trägt, ist es, der letztlich seinen Kopf hinhalten muss.
Stimmen Sie zu, wenn ich Ihre Karriere in der Tradition der frühen Hollywood-Pros sehe, die sich als Handwerker verstanden?
Absolut. Vor allem versuche ich mit meinen Filmen zu unterhalten. Es gibt andere Filme, auf die das nicht zutrifft. Es ist wichtig, dass es sie gibt, und einige davon sind Meisterwerke, aber irgendjemand muss auch den Job des Unterhalters machen, und ich versuche es so gut wie möglich.
In den letzten Jahren beklagen Hollywood-Regisseure, deren Filme eher nicht in die reine Unterhaltungssparte fallen, dass es für sie immer schwieriger wird, ihre Art von Filmen zu verwirklichen.
Jetzt würde ich am liebsten kotzen. Ich muss das klarstellen: Ich habe es satt, diese Verantwortungslosigkeit hören zu müssen. Ich habe viele dieser Filme gesehen, Geld dafür ausgegeben und hätte gern einen Teil zurück. Diese Leute gehen in einen beschissenen Puff und beschweren sich dann darüber, dass dort leichte Mädchen arbeiten. Sie gehen nach Hollywood und beschweren sich über das System, das sie vorfinden, das sie ausgesucht haben, um ihren Film zu realisieren. Und dann sind sie enttäuscht, wenn diese Maschine nicht so funktioniert, wie sie es gern hätten.
Ich glaube, sie sind eher enttäuscht, dass sich das System immer mehr in einen Puff verwandelt, um bei Ihrem Bild zu bleiben.
Verwandelt? Es wurde als Puff entwickelt. Es wurde als Unterhaltungsbetrieb erfunden. Es war das römische Imperium des Filmemachens. Den gleichen Regisseuren gefällt es, in all den Hollywood-Magazinen zu erscheinen, im Peninsula Hotel zu frühstücken und Filmstars für ihren Film zu gewinnen. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, einen Film zu finanzieren. Ein Dollar ist ein Dollar. Diese Scheinheiligkeit ist doch Wahnsinn.
Aber die Situation des Independent-Films hat sich zweifellos verschlechtert.
Es gibt keine Independent-Filme mehr. Harvey Weinstein hat das zerstört. Und Robert Redford hat sich zurückgelehnt, um es schließlich in ein profitables Filmfestival und einen Fernsehkanal zu verwandeln, um Ski-Ausrüstung zu verkaufen. Das ist Sundance. It's an absolute fucking whoremarket! Warum kriegen es Menschen nicht in ihren Kopf, dass sie, wenn sie mit einem Film Erfolg haben wollen, die Finanzwelt betreten. Doch da fangen diese Filmemacher an zu flennen und rennen nach Hause zu ihren Mamis, weil der Mann mit dem Geld eine Meinung hat. Ernsthaft?
Der Mann mit dem Geld war früher vielleicht etwas risikofreudiger.
Wie kann man das behaupten? In den letzten drei oder vier Jahren waren zwei Filme von Annapurna Pictures für den besten Film nominiert. Wir haben "Michael Clayton", "Zero Dark Thirty" und "The Hurt Locker" im Mainstream-Bereich. Ich weiß wirklich nicht, wie man diese Leute glücklich machen soll. Da kommt Miramax und die Explosion des Independent-Films in den frühen Neunzigerjahren, und inzwischen lassen sie uns Filme drehen, die zehn oder 20 oder 30 Mio. Dollar kosten, die früher einen Bruchteil gekostet hätten. "Killing Them Softly" hätte drei Mio. Dollar kosten müssen. Es gibt keinen Grund, warum der Film, den ich übrigens sehr mochte, so viel Geld gekostet haben soll. Aber sich über ein System aufzuregen, anstatt zu versuchen, es zu verstehen und effizient zu nutzen, ist vergebene Liebesmüh. Wir sprechen hier von der Filmindustrie, der einzigen Industrie, in der niemand eine Qualifikation sehen möchte.
Der Regisseur wurde 1970 in Irland geboren. Nach seinem Regiedebüt, das im irischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, widmete er sich dem Filmen von Werbespots. Durch seine Kampagne zum Verkaufsstart der Videospielkonsole Sega Dreamcast wurde Hollywood auf ihn aufmerksam, und 2001 gab er mit "Im Fadenkreuz - Allein gegen alle" sein US-Debüt. Danach folgten die Remakes "Der Flug des Phoenix" und "Das Omen". 2008 drehte er mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle die Computerspielverfilmung "Max Payne"