Jacques Audiards "Der Geschmack von Rost und Knochen" startet am 10. Januar in den deutschen Kinos - ein ungewöhnliches Kino-Erlebnis...
Mit "Der Geschmack von Rost und Knochen" beweist Jacques Audiard erneut sein Händchen als Meister des besonderen Genrekinos (Foto: Wild Bunch (Central))
Sie packen viel in den Film hinein, die soziale Krise, Romantik, Brutalität. Wie haben Sie da die Balance gefunden?
JACQUES AUDIARD: Das war nicht so schwierig. Viel komplizierter war es, eine adäquate Form zu finden. Auf der einen Seite die sehr starke Stilisierung, auf der anderen der Realismus. Die zusammenzubringen, stellte sich als hartes Stück Arbeit heraus. Beim Drehbuchschreiben für "Der Geschmack von Rost und Knochen" haben Koautor Thomas Bidegain und ich den Begriff des "kinematografischen Expressionismus" benutzt und an Tod Browning oder Charles Laughton gedacht. Ich versuche immer, ein breites Spektrum abzudecken, den Arthouse-Sektor wie den Unterhaltungssektor. Für mich gibt es da keinen Widerspruch.
Es geht auch um Liebe in Zeiten der Krise?
Nach dieser fetten Portion Männlichkeit in "Ein Prophet" schwebte uns ein Film vor mit Erotik und Sexualität im Mittelpunkt. Eine Liebesgeschichte, bei der nicht von Anfang an klar ist, dass sich wie im Kitschroman zwei Herzen finden. Und wir wollten vor allem auch einen Diskurs anstoßen über die Liebe in einer Zeit, wo Frauen und Männer sich auf Augenhöhe begegnen. Es gibt mehr als dieses übliche Kennenlernen, vögeln und dann nicht wissen, wie man sich weiter verhalten soll. Kino heißt Verdichtung der Realität. Dem Realismus von "Ein Prophet" sollte ein Genrefilm darüber folgen, wie Menschen auf die Krise der Gesellschaft reagieren. Da bleibt so manchem nicht mehr, als seine Haut zu Markte zu tragen und die verzweifelte Flucht in Gewalt.
Ist Ihr männlicher Protagonist überhaupt ein Held?
Keiner dieser strahlend harten Burschen, die wir aus dem Western kennen. Wie so viele heute hat er die Arschkarte im Leben. Aber für mich ist er ein Held, vor allem, dass er am Ende zugibt zu lieben, verlangt viel Courage.
Nach "Ein Prophet" haben Sie sicherlich pfundweise Angebote aus Amerika bekommen. Reizt es Sie nicht, dorthin einmal die Fühler auszustrecken?
Meine Filme sind sehr französisch, und ich habe noch nie einen Film außerhalb Frankreichs gemacht. Und ich weiß auch nicht, ob ich das unbedingt möchte. Hollywood ist nicht das Nonplusultra für mich. Ich hätte nichts gegen einen amerikanischen Drehbuchautor. Mich fasziniert, wie schnell die ihre Ideen auf den Punkt bringen. Derzeit bin ich in meinem Land in einer komfortablen Situation. Potenzielle Finanziers empfangen mich mit Kusshand und tun erfreut und interessiert, wenn ich mit einem neuen Drehbuch komme. Allerdings nur, weil sie auf einen Reibach hoffen. Da mache ich mir nichts vor.
Dann steht Ihrem nächsten Projekt, einer musikalischen Komödie, nichts im Weg?
Die Idee beschäftigt mich schon seit Jahren. Aber wir sind noch nicht ganz so weit, brauchen Zeit. Wir begeben uns auf ungewohntes Terrain, geben aber nicht auf.
Haben Sie noch weitere Projekte im petto?
Ich stelle keine Liste auf, merke aber, die Zeit rast mir davon. Das ist mir in früheren Jahren nicht so aufgefallen. Vielleicht liegt es am Alter. Mit 60 muss ich mich beeilen, noch einige Filme auf die Beine zu stellen.