Eine wunderbare und intelligente Coming-of-Age-Geschichte lässt Hendrik Handloegten seinem vielfach ausgezeichneten Spielfilmdebüt "Paul is Dead" folgen: "Liegen lernen", eine elegante Variante um die Unentschlossenheit der Jugend.
» Was bedeutet es für Sie, zum Filmfest München eingeladen worden zu sein?
HENDRIK HANDLOEGTEN: 1990 war ich zum ersten Mal auf dem Filmfest München. Lars von Trier war mit "Europa" da und Roger Corman wurde in einer Spezialreihe geehrt. Alles war sehr aufregend. Ein Festival, das Corman und von Trier gleichermaßen zeigt, steht für die unendliche Vielfältigkeit des Kinos. Besser kann ich mich nicht aufgehoben fühlen.
» Mit Ihrem zweiten Spielfilm begeben Sie sich wie schon in "Paul is Dead" zurück in die achtziger Jahre. Was reizt Sie an dieser Zeit?
Zum einen bin ich in den Achtzigern aufgewachsen, und "Paul is Dead" war ein stark autobiografisch gefärbter Film. Bei "Liegen lernen" war es etwas anderes. Hier stand für mich die Geschichte der unerfüllten ersten großen Liebe im Vordergrund und welche jahrelangen Auswirkungen es haben kann, wenn sie zu einer Illusion wird, wenn man sie nicht lebt. Wir beginnen in den Achtzigern und enden in der Gegenwart. Die Zeit bildet also eher den Rahmen, der für Helmuts Entwicklung nötig ist.
» Wie sind Sie auf den Roman von Frank Goosen gestoßen und was hat Sie daran interessiert?
Ich war schon seit einiger Zeit an einer Romanadaption von Frank Goosen interessiert. Als ich die Ankündigung von "Liegen lernen" im Verlagsprogramm von Eichborn las, war ich allerdings zunächst sehr skeptisch: Die Beschäftigung mit dem Erwachsenwerden einerseits und den Achtzigern andererseits schien mir doch etwas inflationär geworden. Was ich dann aber las, hat mich doch überrascht - und ich habe meine Zweifel schnell über Bord geworfen.
» "Liegen lernen" ist eine klassische Initiations-Geschichte. Was macht diese fürs Kino so spannend?
"Liegen lernen" geht für mich weiter als eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Es endet ja nicht mit dem letzten Sommer der Kindheit oder Jugend. Die zentralen Fragen sind hier: Was kommt dann? Was kommt, wenn der Glanz des Ersten und Neuen verfliegt? Wie beginnen wir, ein so genanntes ganz normales Leben zu führen?
» Musik spielt in Ihrem Film eine wichtige Rolle. Nach welchen Kriterien haben Sie den Soundtrack zusammengestellt?
Bei der szenischen Musik war es eine Mischung aus persönlichen Favoriten und Stücken, um die man in der Zeit nicht herumkam. Der Score musste hingegen sehr zurückhaltend sein, um nicht mit der anderen Musik zu kollidieren. Für die ganze Musik gilt, dass sie sich der Geschichte immer unterordnet. Es gibt immer einen Grund, weswegen dieses oder jenes Stück zu hören ist, sonst würde sich sicher bald ein Gefühl von Überfrachtung einstellen.
» Während man bei den Frauenrollen gleich versteht, warum Sie sie so besetzt haben, liegt die Wahl Fabian Buschs für den Part des Helmut nicht unbedingt auf der Hand.
Fabian Busch gehört zu den wenigen Schauspielern, die ebenso überzeugend einen 18- wie einen 30-Jährigen verkörpern können. Und weil Helmut so ein ganz stinknormaler Typ ist, mussten wir jemand finden, der sehr ausdrucksstark einen Jedermann darstellen kann.
» Mit "Liegen lernen" arbeiten Sie bereits zum zweiten Mal mit "X Filme" zusammen. Was hat Sie dazu bewegt?
Eine kontinuierliche Zusammenarbeit hat sehr viele Vorteile. Man muss nicht bei Null anfangen und kennt die Stärken und Schwächen des anderen. Darüber hinaus steht "X Filme Creative Pool" für Filme, die nicht die Intelligenz des Publikums beleidigen und trotzdem unterhaltsam sind.
» Der deutsche Film, siehe nur "Der Schuh des Manitu" oder "Good Bye, Lenin!", boomt. Strohfeuer oder echter Aufbruch?
Die Diskussion um den Aufbruch des deutschen Films finde ich behindernd. Mir kommt das immer so vor, als wunderte man sich nach drei Tagen wolkenloser Sommerhitze über ein paar Tage Regen.