Hans Weingartner im Glück: Seine Liebeserklärung an eine rebellische Jugend in "Die fetten Jahre sind vorbei", die den Reichen das Fürchten lehrt, wurde an der Croisette gefeiert.
Ich bin glücklich über die Resonanz. Cannes ist die beste Plattform, die ich mir wünschen kann, auch für einen Start in Deutschland. Alles schien mir so surreal. Diese Show mit den Fotografen auf der Treppe, man kommt sich vor wie ein Wild, das gejagt und erlegt wird.
Aber es war auch lustig, ich musste immer wieder lachen. Nach den Standing Ovations war ich froh, mein Team und die Schauspieler an der Seite zu haben, sonst hätte ich die Situation nicht ausgehalten.
Es bewegt sich jedenfalls was im deutschen Film, auch wenn sich immer weniger Leute anspruchsvolle Filme ansehen. Eine neue Generation versucht, näher an die Realität heranzukommen, gesellschaftskritische Aspekte zu berücksichtigen, ohne die Unterhaltung dabei zu vergessen. Ich denke da an Fatih Akin, Hans-Christian Schmid oder Ulrich Köhler. In Frankreich gilt Film als Hochkultur, als Religion, in Deutschland ist das leider noch anders.
"Die fetten Jahre sind vorbei": Drei Aussenseiter wollen die Welt verbessern (Foto: Delphi)
Es ist einfach schwieriger, in Deutschland zu arbeiten. Es gibt zu wenig Drehbücher, weil Drehbuchautoren schlecht behandelt werden, und es gibt auch zu wenig Förderung für diese Art unabhängiger Filme. Die ARD zahlt 180 Mio. Euro für die Bundesliga, davon könnte man mindestens 100 Filme wie "Die fetten Jahre sind vorbei" drehen. Der Film hat sehr wenig gekostet, aber das bin ich gewohnt. Die Produzenten wollen mir kein Geld geben, die haben Angst vor mir.
Je höher das Budget, umso strenger die Auflagen. Jede Sekunde muss genutzt werden, es leidet die künstlerische Freiheit. In Deutschland und Österreich muss alles geplant sein wie in einer Fabrik, man darf nichts dem Zufall überlassen. Dabei ist Film nichts anderes, als dem Zufall Raum zu geben. Ich reagiere lieber schnell vor Ort. Wenn das Wetter nicht dem Drehbuch entspricht, disponiere ich um, das halte ich für organischer.
Nur direkt nach dem Start von "Das weiße Rauschen". Meine Strategie lautete, so lange zu warten, bis alle mich vergessen haben. Und das ist mir gelungen. Ich kann mich gut zurückziehen. Das ist auch wichtig, weil ich mich aufspalten muss in den Künstler und den Repräsentanten nach außen. Außerdem werde ich als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent mit ganz unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert.
Das ist ganz furchtbar, ein einziger Krieg. Aber ich lerne langsam, damit umzugehen. Der Drehbuchautor will seine Ruhe, sich auf das Schreiben konzentrieren und möglichst mit niemandem sprechen. Der Regisseur dagegen will Action und mit Leuten kommunizieren, der Produzent Geld besorgen, Finanziers treffen und sparen.
Hans Weingartner arbeitet demnächst ein weiteres Mal mit Daniel Brühl zusammen (Foto: Delphi)
Die Besetzung ist das Wichtigste, die Geschichte erzählt sich über die Schauspieler. Deshalb kümmere ich mich auch intensiv um das Casting, ein harter Job. Es dauerte acht Monate bis ich Julia Jentsch für die Rolle der Jule fand. Beim Drehen lasse ich viel Freiheit und bin offen für Kritik. Niemand muss bei mir einen Satz sagen, den er nicht sagen will oder kann. Es gibt nur ganz wenige Dialoge, auf die ich bestehe.
Für uns beide war "Das weiße Rauschen" der Ausgangspunkt zum Erfolg. Wir sind zusammen groß geworden, uns verbindet eine Seelenverwandtschaft, wir können ohne viel Worte kommunizieren. Vor solchen genialen Schauspielern kniet jeder Regisseur auf dem Boden, sie verleihen der Handlung Glaubwürdigkeit und machen sie real. Wenn Daniel Brühl ins Bild kommt, ist das kein Film mehr, sondern Wirklichkeit. Deswegen habe ich einen unglaublichen Respekt vor ihm.
Die fristgerechte Fertigstellung war extrem anstrengend. Jetzt wird der Film erst einmal gestartet und dann ein neuer gemacht. Ich habe viele Ideen, noch nichts Spruchreifes. Nächsten Sommer drehe ich wieder mit Daniel Brühl, diesmal einen relativ teuren Thriller. Aber zuvor muss ich mich ausruhen und die Batterien wieder aufladen.