Ob als Pulitzer-Preis gekröntes Buch oder als Oscar-gekrönter Film: "Wer die Nachtigall stört" ist ein kleines Wunder. Die Geschichte über Intoleranz, Mut und Würde berührt heute, 50 Jahre nach der Verfilmung mit Gregory Peck, genauso wie zu den Zeiten ihrer Entstehung. Jetzt erscheint das Meisterwerk erstmals als Blu-ray. Der ideale Zeitpunkt für ein Interview mit Mary Badham - für alle Zeiten die vorwitzige Tochter Scout des stillen Helden Atticus Finch.
Mary Badham (59) in der Rolle ihres Lebens als Scout Finch in "Wer die Nachtigall stört" (Foto: Universal)
Mrs. Badham, erinnern Sie sich, wie Sie sich fühlten, als Sie vor 50 Jahren zum ersten Mal ein Filmset betraten?
Sie müssen wissen: Ich war ein komplett unbeschriebenes Blatt. Ich war noch nie im Kino gewesen, wusste nichts über Filme, die Filmindustrie, Filmstars und all das. Alles war neu und anders - ich habe es aufgesaugt wie ein Schwamm.
Was haben Sie gefühlt, als Sie sich später zum ersten Mal auf der Leinwand sahen?
Das erste Mal sah ich mich auf der Premiere von "Wer die Nachtigall stört". Und ich habe mich so geschämt. Es war, wie als kleines Kind einen Familienfilm ansehen - einfach beschämend.
Sie hatten also keine Ahnung, dass Sie Teil von etwas waren, das 50 Jahre überdauern würde?
Um Himmels Willen - nicht im Geringsten.
Von vornehmer Zurückhaltung hält die kleine Scout allerdings eher wenig - im Roman ebenso wie im Film (Foto: Universal)
Waren Sie als Mädchen ihrer Figur Scout wenigsten ähnlich?
Ja, ziemlich. Ich war ein Wildfang. Ich habe es geliebt, draußen zu sein, Dinge zu bauen, im Garten zu arbeiten, mit Pferden zu spielen. So bin ich noch heute und so war ich auch damals. Allerdings haben meine Eltern meine Erziehung nie gefördert. Ich kam aus dem Süden - da sollte ich heiraten und das war es dann. Ich hatte nie den Vorteil von Scout. Außerdem war sie viel intelligenter als ich…
Wie war Gregory Peck - als Star und Leinwand-Vater?
Er war brillant. Ganz ehrlich, das war er. Er war so gut vorbereitet, dass er seine Rolle lebte. Er war ein wundervoller Mensch und ein echtes Vorbild. Dazu war er sehr geduldig, verlor nie die Geduld. Er war stark aber sanft und die Leute hatten gewaltigen Respekt vor ihm. Er war aufrecht.
Gregory Peck erhielt für seine Verkörperung des Anwalts Atticus Finch - Scouts Vater - den Oscar (Foto: Universal)
Wie hat sich ihre Freundschaft entwickelt?
Wenn er sich an Ostküste aufhielt, und es mir irgendwie möglich war, schickte er mir ein Ticket - wo auch immer er sich dort aufhielt. Manchmal hat er mich auch zum Essen abgeholt. Es war wundervoll: Ich nannte ihn Atticus und er nannte mich Scout. Das war für uns einfach natürlich. Ich war seine Scout und er war mein Atticus.
Stört es Sie eigentlich, dass sie immer mit "Wer die Nachtigall stört" in Verbindung gebracht werden - und kaum mit ihren anderen Arbeiten?
Nein, ich fühle mich davon sehr geehrt. Was war das auch für eine Rolle. Was war das für ein schöner Film. Wenn ich nie einen anderen Film gemacht hätte, wäre ich damit zufrieden gewesen - denn er war perfekt
Warum glauben sie, hat der Film überdauert?
Verworrene Zeiten für Scout, ihren Bruder Jem und natürlich ihren Tausendsassa-Freund Dill (v.li.) (Foto: Universal)
Es ist eine so wundervolle Geschichte, eine Geschichte der Hoffnung. Und sie enthält so viele Lektionen, die wir noch lernen müssen: übers Aufpassen, wie wichtig eine gute Erziehung ist, toleranter sein - und dass sich Menschen umeinander kümmern müssen.
Sie waren für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Wie haben sie sich bei der Zeremonie gefühlt?
Es war wundervoll. Ich hatte keine Ahnung was vorging. Ich wusste nicht mal, dass ein spezieller Sitz für mich reserviert war. Als mich eine Familie aus Platzgründen bat, einen anderen zu nehmen, tat ich das natürlich. Die Kameras konnten mich später natürlich nicht finden - ich war so ahnungslos…
Waren Sie enttäuscht, dass Sie nicht gewonnen haben.
Ich war vor allem erleichtert. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich sonst hätte sagen sollen…