In "Immortal" erzählt Enki Bilal ein poetisches, visuell außergewöhnliches SciFi-Märchen im New York des Jahres 2095. Der Film basiert auf Bilals Comic-Trilogie "Alexander Nikopol" und lässt virtuelle 3D-Figuren neben realen Schauspielern auftreten.
Ich habe mich für "Immortal" auf die Erinnerung bezogen und meine Comics vor der Adaption nicht erneut gelesen. Mein Koautor Serge Lehman schrieb mir ein kleines Resümee der Trilogie, auf dem ich dann aufbaute.
Ich wollte eine Trennung von den Comic-Zeichnungen, die man sowieso nicht 1:1 übernehmen kann. Kino erfordert eine andere Sprache. Die einzige Figur, die sich nicht sehr verändert hat, ist Nikopol. Er ist menschlich, ein Mann aus der Vergangenheit, ein Fixpunkt, der die Struktur aufrechterhält. Thomas Kretschmann verleiht ihm eine ganz besondere Zerbrechlichkeit.
Ich suchte keinen zu bekannten Schauspieler. Man hat mir Franzosen angeboten und Amerikaner - Stars mit Agenturen im Schlepptau oder Leute, die niemand kennt. Durch Patrice Chéreau wurde Produzent Charles Gassot auf Kretschmann aufmerksam. Als ich ihn das erste Mal traf, wusste ich, dass er der Richtige ist.
Ich überlegte mir gerade einen kleinen Film mit meinen Lieblingsschauspielern Jean-Louis Trintignant und Julie Delpy, als Charles mir dieses Wahnsinnsprojekt anbot und vorschlug, mein Comic-Universum mit den besten Mitteln auf die große Leinwand zu bringen. Wie konnte ich da Nein sagen?
"Immortal" ist ein Liebesmärchen und eine hybride Geschichte - schon durch die Mischung von synthetischen und realen Bildern, die Verknüpfung von Moderne und Mythologie.
Obgleich sich der Film nicht an ein Massenpublikum wendet, bekamen wir das Budget von 23 Millionen Euro schnell zusammen. Gedreht haben wir in 16 Wochen, teilweise traditionell, teilweise mit Schauspielern vor Blue Screen. Die Postproduktion dauerte anderthalb Jahre.
Ich betrat Neuland und wusste nicht, wie das endgültige Resultat aussehen, was aus meinen Vorstellungen und Zeichnungen werden würde, weil irgendwann alles im Computer verschwand. Das ganze Prozedere dauerte mir zu lang. Ich hätte mir einiges auch besser erwartet - mir sind die Figuren in 3D zu wenig realistisch. Andererseits begeistern mich die Möglichkeiten, Fantasien in so verschiedenen Varianten umzusetzen.
In Frankreich hatten wir über eine Million Besucher. Leider dominiert derzeit nicht Kunst, sondern Kommerz, und ich wollte beides abdecken. Die Amerikaner halten uns für verrückt, so viel Geld in einen ambitionierten Film zu stecken. Aber als europäische Regisseure sollten wir uns nicht das auf die Masse gerichtete Mittelmaß zu Eigen machen.
Ich spaziere herum und sammle Eindrücke, die ich als Zeichner auf Papier verarbeite. Manchmal dauert es ewig, bis die Idee reift und der endgültige Auslöser kommt. Doch dann bin ich nicht mehr zu bremsen.
Das schmeichelt mir, nur vergleichen Sie ihn bitte nicht mit "Das fünfte Element" - eine ganz andere Baustelle. Fritz Lang war mit "Metropolis" einzigartig, wie Goya, George Méliès oder Gustave Doré. Bei der Promotion zu "Blade Runner" habe ich Regisseur Ridley Scott in Paris getroffen, und er bedankte sich, weil ich ihn inspiriert hätte. Darauf bin ich stolz.
Ich liebe das Kino, bin allerdings kein Freund des Naturalismus, sondern bewege mich lieber in einer imaginären Dimension. Wenn ich zeichne, genieße ich die totale Freiheit. Bei einem Film riskiere ich mehr und fühle mich herausgefordert. Außerdem entgehe ich der Einsamkeit am Schreibtisch, kann mich mit Schauspielern und Technikern austauschen und ins pralle Leben eintauchen.
Ich plane ganz ohne Eile einen nächsten Film - nicht nach einem meiner Comics, sondern nach einem Originaldrehbuch. Natürlich eine Geschichte, die auch als Comic existieren könnte.