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Emir Kusturica

Emir Kusturica

Leben & Werk

Er ist der Fellini des Balkans. Seine Filme sind übervoll von üppiger visueller Fantasie, poetischem und magischem Realismus, folkloristisch zigeunerhaften Figuren, Bildwelten und Bildkompositionen voll surrealer Einfälle und grotesker Situationen, burlesker Gestalten und Slapstick-Momenten – mit sieben Spielfilmen zwischen 1981 und 2004 hat er ein unverwechselbares Universum geschaffen.

Die Tragikomödien des 1955 in Sarajewo geborenen Emir Kusturica stellen meist Familien auf private und politische Zerreißproben, an denen sie zerbrechen oder beinahe untergehen. In seinem Debütfilm “Wer hat Angst vor Dolly Bell?” (Goldener Löwe, Venedig 1981) sind es Teenager der 60er-Jahre, die am Rand von Sarajewo leben, in “Papa ist auf Dienstreise” (Goldene Palme, Cannes 1985) ist es ein Sechsjähriger, der von den Lebensverhältnissen im Tito-Staat Jugoslawien berichtet, in “Time of the Gypsies” (1989) der telekinetisch begabte Zigeuner Perhan, der von Auseinandersetzungen im Clan betroffen ist und zum Mörder wird.

Kusturicas Kosmos der fliegenden Jungfrauen, Schleier, Menagerien von Tieren, Blaskapellen und von Lebensfreude sprühenden Personen wurde durch den Krieg unterbrochen. Kusturica ging nach Hollywood und drehte mit “Arizona Dream” (Silberner Bär, Berlinale 1992) eine Ballade von Tagträumern wie Johnny Depp, der von einem fliegenden Fisch träumt, und von seiner eigenen Kino-Sozialisation durch Jerry Lewis, der als Autoverkäufer auftritt, und Hitchcock, dessen Flugzeugverfolgungsszene aus “Der unsichtbare Dritte” von Vincent Gallo nachgespielt wird.

Zurück in Europa, erzählte Kusturica in seinem Meisterwerk “Underground” 50 Jahre jugoslawische Geschichte in einem Bilderrausch ohnegleichen, der ihm zum zweiten Mal die Goldene Palme (Cannes 1995) einbrachte. Um den Film entbrannte eine von französischen Kritikern entfachte Kontroverse um die Rolle der Serben, die am Film vorbeigeht, aber seinen Kinoeinsatz erheblich behinderte. Kusturica erklärte daraufhin, er wolle nicht mehr filmen. Drei Jahre später war er wieder da: Gelöst und übermütig erzählte “Schwarze Katze, weißer Kater” (Silberner Löwe, Venedig 1998) von einer Zigeunerfamilie zwischen Tradition, Mafia-Druck und Generationskonflikten. Für die Frankfurter Aids-Hilfe hatte er zwischenzeitlich den Aids-Spot “Magic Bus” inszeniert, von dem sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nach Sichtung der makabren Busfahrt mit Spritzen und Skeletten zurückzog. Der Hauptverband deutscher Filmtheater brachte den Spot in ausgewählten Kinos unter.

Kusturica beschloss 2000 das Filmfestival in Cannes mit einem Konzert seiner Band No Smoking Orchestra, über die er auch den Dokumentarfilm “Super 8 Stories” drehte. Einen bizarren musikalischen Nebenauftritt absolvierte er in Neil Jordans “The Good Thief”, wo er eine Gitarrensolo-Version des “Star-Spangled Banner” zum Besten gibt. 2004 präsentierte er in Cannes “Das Leben ist ein Wunder“, eine zu Beginn des Bosnien-Krieges spielende Romeo-und-Julia-Burleske, in dem das von Kusturica gewohnte Panoptikum abseitiger Gestalten sein Unwesen treibt, untermalt von den Klängen des No Smoking Orchestra.

Cannes ist für Kusturica nicht nur wegen seiner Wettbewerbsteilnahmen und Auszeichnungen zur zweiten Heimat geworden: Nachdem er 2003 bereits Präsident der Kurzfilmjury gewesen war, fungierte er 2005 als Vorsitzender der Jury des Wettbewerbs.

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