Mit einem Jubelsturm wurde 1990 auf der Berlinale seine Tragikomödie "Das schreckliche Mädchen" im offiziellen Wettbewerb aufgenommen, gewann den... - Foto: Kurt Krieger http://images.kino.de/flbilder/max11/kuk11/kuk07/u1107117/b150x150.jpg Dr. Michael Verhoeven

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Dr. Michael Verhoeven


  • Geburtstag
    13.07.1938
  • Geburtsort
    Berlin

Mit einem Jubelsturm wurde 1990 auf der Berlinale seine Tragikomödie "Das schreckliche Mädchen" im offiziellen Wettbewerb aufgenommen, gewann den Silbernen Bären und wurde für den Oscar nominiert. Für Regisseur, Autor und Produzent Michael Verhoeven, Ehemann der Schauspielerin Senta Berger, war das eine späte Genugtuung, hatte doch seine Anti-Vietnam-Krieg-Parabel "o.k." (mit Eva Mattes als von vier Soldaten vergewaltigtes Mädchen) 1970 zum Abbruch der Berlinale geführt.

In zeit- und gesellschaftskritischen Filmen fand Verhoeven als Regisseur seine Stoffe: "Das schreckliche Mädchen" schildert den authentischen Kampf einer engagierten Journalistin (Lena Stolze) gegen die Verdrängung der Nazi-Vergangenheit in einer deutschen Bischofsstadt (gemeint ist Passau). Das Thema griff Verhoeven mehrfach auf: "Die weiße Rose" (1982) behandelt den Fall der gleichnamigen Münchner Widerstandsgruppe um die studentischen Geschwister Scholl, schuf eine neue Sicht der Dinge um die Gruppe, die politischer war, als bis dahin angenommen, und brachte Lena Stolze in ihrem Filmdebüt den Deutschen Filmpreis ("Filmband in Gold") ein. "Mutters Courage" (1996), nach einer Erzählung von George Tabori, kreist um den Tag, an dem Taboris Mutter in Ungarn verhaftet wurde und dem KZ um Haaresbreite entkam. Produktion und Kamera des Films erhielten den Bayerischen Filmpreis und den Bundesfilmpreis.

Vor seiner Arbeit als Regisseur war der 1938 in Berlin geborene Verhoeven, Sohn des Regisseurs und Schauspielers Paul Verhoeven, selbst Schauspieler und spielte in jugendlichen Rollen in Filmen wie "Das fliegende Klassenzimmer" (Version 1953), "Marianne" (1954), "Der Pauker" (1958) und "Ein Student ging vorbei" (1960). 1966 schloss er ein Medizinstudium ab und heiratete Senta Berger, der er bei Dreharbeiten zu dem Liebesfilm "Jack und Jenny" (1963) begegnet war.

1966 gründeten die beiden auch die Sentana Produktion, deren erster Film "Paarungen" eine Strindberg-Verfilmung war. Mit Berger in der Hauptrolle entstanden die schwarze Komödie "MitGift" (Kino 1975), der Krimi "Killing Cars" (Kino 1986) und der TV-Film "Zimmer mit Frühstück" (1999), in dem Berger eine Luxuslady spielt, die gezwungen wird, Zimmer zu vermieten. Populär wurden die seiner Gattin auf den Leib geschriebenen TV-Serien "Die schnelle Gerdi" (1989, Sechsteiler mit Berger als patenter Münchner Taxifahrerin) und "Lilli Lotttofee" (1992, Sechsteiler mit Berger als von Männern abhängige Frau auf dem langen Weg der Selbstfindung).

In der Dokumentation "Die Verhoevens" von Felix Moeller rücken sein Vater, er und seine restliche "Filmfamilie" in den Fokus, was mitunter sehr amüsante Geschichten ans Tageslicht bringt. Nach jahrzehntelanger Auszeit führte er 2005 in der Tatortfolge "Die Spieler" erneut Regie, konzentrierte sich dann aber wieder auf politische Filme. So konnte er nach neun Jahren Recherchearbeit seinen ersten Dokumentarfilm "Der unbekannte Soldat", der über die Verbrechen der Wehrmacht in der Ukraine berichtet, fürs Kino freigeben. 2008 ging er in seiner nächsten Dokumentation "Menschliches Versagen" der Frage nach, inwiefern die bürgerliche Bevölkerung von der systematischen Beraubung der Juden in Nazi-Deutschland profitieren. Ein Jahr zuvor wurde der engagierte Regisseur mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Filmpreises ausgezeichnet.

Die TV-Auftragsarbeiten, u. a. ein Biopic mit Heiner Lauterbach als "Semmelweis, Ignaz - Arzt der Frauen" oder "Eine unheilige Liebe", finanzieren Verhoevens Kinoprojekte und Dokumentararbeiten ("Das Mädchen und die Stadt", "Tabori - Theater im Leben"). Verhoevens intensive Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus entstand aus seinem Verständnis heraus, das "starke Defizit, was auch auf eine sehr negative Weise die Geschichte der Bundesrepublik mitgeschrieben hat", zu verarbeiten. Verhoeven und Berger haben zwei Söhne: Luca ist Musiker und Schauspieler, Simon gab 2001 mit "100 Pro" sein vom Vater koproduziertes Regiedebüt.

  • Geburtstag
    13.07.1938
  • Geburtsort
    Berlin
  • Geburtsland
    Deutschland
  • Familie
    verheiratet mit der Schauspielerin Senta Berger, Söhne Simon (Regie, Darsteller) und Luca Verhoeven (Darsteller, Musiker)

"Ein unglaubliches Medium"

Auch, wenn Michael Verhoeven sich zu den Möglichkeiten der DVD streckenweise fast euphorisch äußert: Beim Dreh möchte er den Kopf doch lieber frei haben für die große Leinwand.

Großansicht Regisseur Michael Verhoeven ist von der DVD fasziniert

Regisseur Michael Verhoeven ist von der DVD fasziniert

» Bevor wir über die "Michael Verhoeven"-DVD-Box sprechen: Welchen Stellenwert hat für Sie als Filmemacher das Medium DVD?

MICHAEL VERHOEVEN:

Dazu muss ich sagen: Kennen gelernt habe ich das Medium DVD im Flugzeug. Ich war auf dem Weg nach Los Angeles, und mein Sitznachbar hat ständig Filme auf einem Laptop angeschaut, hat dabei innerhalb des Films hin und her geklickt, sich Outtakes und Making of angesehen. Das hat mich fasziniert. Inzwischen habe ich mir selbst viele DVDs besorgt. Manchmal ist es eben interessant, auch Hintergrundinformationen zu bekommen. Beispielsweise bei "About Schmidt" mit Jack Nicholson, den Alexander Payne gedreht hat. Ich freue mich über dessen Erfolg, weil ich damals beim "High Hopes"-Award des Münchner Filmfests in der Jury saß, als Payne für "Citizen Ruth" ausgezeichnet wurde. Auf der DVD von "About Schmidt" erfährt man im Unterschied zu Kino und Video nun, was Payne über den Film hinaus gedreht und warum er bestimmte Szenen nicht verwendet hat. Man versteht dann, warum ihm beispielsweise etwas nicht mehr gefallen hat. All dies kann man auf einer DVD finden. Deshalb finde ich es ein unglaubliches Medium. Es ist sozusagen interaktiv, weil ich als Zuschauer in einen Dialog mit dem Filmemacher treten kann, allerdings nur so weit, wie er es zugelassen hat.

» Früher gab es nur den Film, er musste selbst erklärend sein. Viele Ihrer Kollegen machen inzwischen mit Hilfe der DVD von der Möglichkeit des Audiokommentars Gebrauch. Sie auch?

Ich bin eigentlich nicht begeistert davon, dass zusätzlich zum Film viel gesagt wird. Es sei denn, es geht um eine richtige Auseinandersetzung, zum Bespiel um einen Streit zwischen Autor und Regisseur, der nie zu einem Ende gekomen ist, weil der Film irgendwann fertig war. Eine persönliche, verbale Kommentierung des vorhandenen Materials finde ich dagegen unnötig, sowohl als Betrachter als auch als Filmemacher.

Großansicht Michael Verhoeven 4er Box, Kaufstart 10.02.2004

Michael Verhoeven 4er Box, Kaufstart 10.02.2004

» Haben Sie selbst sich aktiv an der Produktion der DVD-Box beteiligt?

Ich habe selbst eigentlich kaum mehr Neues beigetragen. Alles Material, das in der Box enthalten ist, war bereits vorhanden. Ich habe auch nicht nachträglich versucht, korrigierend einzugreifen. Wissen Sie, ich stehe schon auf dem Standpunkt, dass sich ein Film selbst erklären muss. Aber als Betrachter hat man ja oft noch ein über den Film hinausgehendes Interesse. Ich habe selbst einen ganzen Keller voll mit Aussschnitten, aus denen man ganze Filme machen könnte...

»... und schönes Bonusmaterial für DVDs...

Es geht ja sogar noch einen Schritt weiter. Ich hatte mich bei "Die weiße Rose" mit Artur Brauner, der damals als Produzent kurzfristig einsprang, nachdem Kirch ausgestiegen war, geeinigt, dass das übrige Material meins bleibt. Und ich hatte eigentlich immer einmal vor, den Teil der Geschichte zu erzählen, der nach dem tragischen Ende passiert. Ich habe Anfragen gehabt - erst vor kurzer Zeit wieder aus Amerika -, ob ich noch einmal an dieses Thema herangehen wolle, weil sich heute neue Generationen, junge Menschen, für die Geschwister Scholl interessierten. Insofern ist es durchaus möglich, dass dieses Material, das mein Eigentum ist, noch einmal in irgendeiner Form Teil eines neuen Projekts sein kann.

Großansicht Szene aus "Die weiße Rose"

Szene aus "Die weiße Rose"

» Neue, jüngere Zielgruppen ist ein gutes Stichwort. Zur Ansprache eben dieser eignet sich das Medium DVD doch perfekt.

Nun, wenn ich mir die Charts ansehe, finde ich in den DVD-Charts schon mehr das, was einige Wochen zuvor auch in den Kinocharts zu finden war. Aber sicher, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Die DVD ist ein ganz modernes Medium, das man da in die Hand nimmt. Der Umgang mit dieser Art von CD ist den jungen Leuten sehr vertraut, und es ist technisch nicht so hoch aufgehängt. Und wer einmal keine Lust auf einen ganzen Film hat, springt eben mal schnell zu den Highlights. Ich persönlich habe allerdings schon bei der Videokassetten nur ungern die Vorlauftaste gedrückt, weil ich mir immer vorgestellt habe, es sei mein Film und jemand anders spult ihn im Schnellvorlauf vor. Das hat mich gestört. Aber keine Frage: Die Verbreitung von Filmen mit Hilfe der DVD ist heute wirklich enorm.

» DVD finanziert heute in bedeutendem Maß die Filmindustrie und fördert das Herausbringen von Kinofilmen. Würden Sie sagen, die DVD hat auch eine filmhistorische Bedeutung?

Ja, sicher. Die Filme kommen in die Librarys, und ich hoffe sehr, dass die Filmhochschulen es sich leisten, eine große Filmbibliothek aufzubauen, damit man sich Filmgeschichte mit nach Hause nehmen kann. Die DVD bedeutet aber auch eine große Herausforderung für das Kino. Dass sie das Kino fördert, würde ich nicht unbedingt sagen. Den Film an sich schon. Die DVD wird sicherlich einiges ummodeln - die rasante Veränderung spürt man ja schon. Video hat auch schon früher Dinge bewirken können, die das Kino nicht leisten konnte. Mein Film "Killing Cars" mit Jürgen Prochnow beispielsweise hat Mitte der 80er Jahre im Kino niemanden interessiert. Dass Autos nicht nur fashionable und für Verfolgungsjagden geeignet sind, sondern auch ein umweltpolitisches Thema darstellen, davon wollte damals niemand etwas wissen. Auf Video dagegen, im Verleih, war der Film ein Charterfolg. Damit hatten wir nicht gerechnet. Letztlich können also Kino und Video schon zusammenwirken. Ich sehe das nicht als Konkurrenz.

Großansicht Pauline Collins in "Mutters Courage"

Pauline Collins in "Mutters Courage"

» Wäre es Ihr Wunsch, dass "Kiling Cars" und ältere Ihrer Filme auf DVD zu haben sind?

Ein Wunsch nicht unbedingt. Aber ein Film wie "O.K.", der für viel Aufregung gesorgt und 1970 sogar zum Abbruch der Berlinale geführt hat, hätte es verdient. Für solche Filme ist die DVD am Ende das, was bleibt. Die kann man aufheben, während sicher niemand auf Dauer 1000 Filmkopien einlagern kann. So gesehen würde es mich schon freuen, wenn auf diese Weise meine Filme immer wieder angesehen werden können.

» Abschließend: Könnten Sie sich vorstellen, wie manche Kollegen in Hollywood, schon beim Dreh die DVD im Kopf zu haben?

Nein, so weit bin ich noch nicht. Ich denke in erster Linie an die große Leinwand. Heute werden die Laufzeiten im Kino immer kürzer, mit der DVD kann ich mir einen Film dagegen zeitlich unbegrenzt immer wieder ansehen und somit nach Hause "retten".

Zur Person

Michael Verhoeven

Michael Verhoeven

Michael Verhoeven wurde im Juli 1938 in Berlin geboren. Nach dem Abitur in München absolvierte er ein Medizinstudium, das er 1966 an der LMU in München abschloss. Erste Berührungen mit dem Film hatte er 1953 in "Das fliegende Klassenzimmer" (Regie: Kurt Hoffmann) und "Marianne meine Jugendliebe" (Regie: Julien Duvivier). Seit den 60ern realisiert er mit seiner Produktionsfirma "Sentana" Arbeiten für TV und Kino.
Herausragende Produktionen sind dabei "Die Weiße Rose" (1983) und "Das schreckliche Mädchen" (1989). Letzterer erhielt eine Oscar-Nominierung (1990) und wurde mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnet. Neben zahlreichen Auftragsproduktionen für das Fernsehen, u. a. "Die schnelle Gerdi" (1988, 2003), "Lilli Lottofee"(1989), "Eine unheilige Liebe" (1993) und "Tatort" (2003) arbeitet Michael Verhoeven kontinuierlich an Kinoproduktionen.


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