Auch, wenn Michael Verhoeven sich zu den Möglichkeiten der DVD streckenweise fast euphorisch äußert: Beim Dreh möchte er den Kopf doch lieber frei haben für die große Leinwand.
Dazu muss ich sagen: Kennen gelernt habe ich das Medium DVD im Flugzeug. Ich war auf dem Weg nach Los Angeles, und mein Sitznachbar hat ständig Filme auf einem Laptop angeschaut, hat dabei innerhalb des Films hin und her geklickt, sich Outtakes und Making of angesehen. Das hat mich fasziniert. Inzwischen habe ich mir selbst viele DVDs besorgt. Manchmal ist es eben interessant, auch Hintergrundinformationen zu bekommen. Beispielsweise bei "About Schmidt" mit Jack Nicholson, den Alexander Payne gedreht hat. Ich freue mich über dessen Erfolg, weil ich damals beim "High Hopes"-Award des Münchner Filmfests in der Jury saß, als Payne für "Citizen Ruth" ausgezeichnet wurde. Auf der DVD von "About Schmidt" erfährt man im Unterschied zu Kino und Video nun, was Payne über den Film hinaus gedreht und warum er bestimmte Szenen nicht verwendet hat. Man versteht dann, warum ihm beispielsweise etwas nicht mehr gefallen hat. All dies kann man auf einer DVD finden. Deshalb finde ich es ein unglaubliches Medium. Es ist sozusagen interaktiv, weil ich als Zuschauer in einen Dialog mit dem Filmemacher treten kann, allerdings nur so weit, wie er es zugelassen hat.
Ich bin eigentlich nicht begeistert davon, dass zusätzlich zum Film viel gesagt wird. Es sei denn, es geht um eine richtige Auseinandersetzung, zum Bespiel um einen Streit zwischen Autor und Regisseur, der nie zu einem Ende gekomen ist, weil der Film irgendwann fertig war. Eine persönliche, verbale Kommentierung des vorhandenen Materials finde ich dagegen unnötig, sowohl als Betrachter als auch als Filmemacher.
Ich habe selbst eigentlich kaum mehr Neues beigetragen. Alles Material, das in der Box enthalten ist, war bereits vorhanden. Ich habe auch nicht nachträglich versucht, korrigierend einzugreifen. Wissen Sie, ich stehe schon auf dem Standpunkt, dass sich ein Film selbst erklären muss. Aber als Betrachter hat man ja oft noch ein über den Film hinausgehendes Interesse. Ich habe selbst einen ganzen Keller voll mit Aussschnitten, aus denen man ganze Filme machen könnte...
Es geht ja sogar noch einen Schritt weiter. Ich hatte mich bei "Die weiße Rose" mit Artur Brauner, der damals als Produzent kurzfristig einsprang, nachdem Kirch ausgestiegen war, geeinigt, dass das übrige Material meins bleibt. Und ich hatte eigentlich immer einmal vor, den Teil der Geschichte zu erzählen, der nach dem tragischen Ende passiert. Ich habe Anfragen gehabt - erst vor kurzer Zeit wieder aus Amerika -, ob ich noch einmal an dieses Thema herangehen wolle, weil sich heute neue Generationen, junge Menschen, für die Geschwister Scholl interessierten. Insofern ist es durchaus möglich, dass dieses Material, das mein Eigentum ist, noch einmal in irgendeiner Form Teil eines neuen Projekts sein kann.
Nun, wenn ich mir die Charts ansehe, finde ich in den DVD-Charts schon mehr das, was einige Wochen zuvor auch in den Kinocharts zu finden war. Aber sicher, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Die DVD ist ein ganz modernes Medium, das man da in die Hand nimmt. Der Umgang mit dieser Art von CD ist den jungen Leuten sehr vertraut, und es ist technisch nicht so hoch aufgehängt. Und wer einmal keine Lust auf einen ganzen Film hat, springt eben mal schnell zu den Highlights. Ich persönlich habe allerdings schon bei der Videokassetten nur ungern die Vorlauftaste gedrückt, weil ich mir immer vorgestellt habe, es sei mein Film und jemand anders spult ihn im Schnellvorlauf vor. Das hat mich gestört. Aber keine Frage: Die Verbreitung von Filmen mit Hilfe der DVD ist heute wirklich enorm.
Ja, sicher. Die Filme kommen in die Librarys, und ich hoffe sehr, dass die Filmhochschulen es sich leisten, eine große Filmbibliothek aufzubauen, damit man sich Filmgeschichte mit nach Hause nehmen kann. Die DVD bedeutet aber auch eine große Herausforderung für das Kino. Dass sie das Kino fördert, würde ich nicht unbedingt sagen. Den Film an sich schon. Die DVD wird sicherlich einiges ummodeln - die rasante Veränderung spürt man ja schon. Video hat auch schon früher Dinge bewirken können, die das Kino nicht leisten konnte. Mein Film "Killing Cars" mit Jürgen Prochnow beispielsweise hat Mitte der 80er Jahre im Kino niemanden interessiert. Dass Autos nicht nur fashionable und für Verfolgungsjagden geeignet sind, sondern auch ein umweltpolitisches Thema darstellen, davon wollte damals niemand etwas wissen. Auf Video dagegen, im Verleih, war der Film ein Charterfolg. Damit hatten wir nicht gerechnet. Letztlich können also Kino und Video schon zusammenwirken. Ich sehe das nicht als Konkurrenz.
Ein Wunsch nicht unbedingt. Aber ein Film wie "O.K.", der für viel Aufregung gesorgt und 1970 sogar zum Abbruch der Berlinale geführt hat, hätte es verdient. Für solche Filme ist die DVD am Ende das, was bleibt. Die kann man aufheben, während sicher niemand auf Dauer 1000 Filmkopien einlagern kann. So gesehen würde es mich schon freuen, wenn auf diese Weise meine Filme immer wieder angesehen werden können.
Nein, so weit bin ich noch nicht. Ich denke in erster Linie an die große Leinwand. Heute werden die Laufzeiten im Kino immer kürzer, mit der DVD kann ich mir einen Film dagegen zeitlich unbegrenzt immer wieder ansehen und somit nach Hause "retten".
| Zur Person |
Michael Verhoeven wurde im Juli 1938 in Berlin geboren. Nach dem Abitur in München absolvierte er ein Medizinstudium, das er 1966 an der LMU in München abschloss. Erste Berührungen mit dem Film hatte er 1953 in "Das fliegende Klassenzimmer" (Regie: Kurt Hoffmann) und "Marianne meine Jugendliebe" (Regie: Julien Duvivier). Seit den 60ern realisiert er mit seiner Produktionsfirma "Sentana" Arbeiten für TV und Kino. |