- Foto: Kurt Krieger http://images.kino.de/flbilder/max11/kuk11/kuk13/u1113149/b150x150.jpg David Seidler

Steckbrief

David Seidler


"'Fuck!' ist ein Mittel der Sprachtherapie"

"The King's Speech", der als Gala-Screening des Berlinale Special läuft, ist einer der großen Erfolgsgeschichten der Oscarsaison. Regisseur Tom Hooper kann sich dieses Phänomen durchaus erklären - nur die Logik der US-Freigabebehörde vermag er nicht zu verstehen.

Großansicht Tom Hooper (M.) am Set von "The King's Speech" mit Geoffrey Rush und Colin Firth (Foto: Senator)

Tom Hooper (M.) am Set von "The King's Speech" mit Geoffrey Rush und Colin Firth (Foto: Senator)

Sie haben sich durch hochkarätige TV-Projekte einen Namen gemacht. Warum waren Sie sicher, dass "The King's Speech" einen guten Kinostoff abgeben würde?
TOM HOOPER: Eigentlich hatte Autor David Seidler das Ganze als Theaterstück geplant. Für mich war klar, dass sich diese Geschichte nur für ein filmisches Medium eignet. Denn das Drama des Stotterns kann nur in Nahaufnahme perfekt erzählt werden. Dokumentarische Aufnahmen zeigen King George in Halbnahen oder Totalen. Die vermitteln gar nichts. Das Kino ist für "The King's Speech" ein natürliches Medium. Für mich stellt sich die Frage: Lässt sich der Film in eineinhalb bis zwei Stunden erzählen oder nicht? Das Fernsehen eignet sich eher für umfassende Stoffe wie die amerikanische Revolution, die nicht als einzelner Film funktionieren würden.

Ihr Film wurde zum Oscarfavoriten.
Was mich erst einmal gar nicht interessiert hat. Für mich war es nur wichtig, dass der Film sein Publikum findet. Denn ich war und bin davon überzeugt, dass "The King's Speech" in einem großen Saal am meisten Spaß macht. Ich selbst habe ihn unzählige Male gesehen und bin schon ganz müde davon, aber wenn ich ihn bei einer Premiere mit 2000 Leuten erlebe, die sich krummlachen und dann wieder weinen, ist das für mich ein Vergnügen. Das ist eben auch einer der Gründe, weshalb das Kino das ideale Medium ist. Denn diese Emotionen sollte man alle gemeinsam erleben, statt auf die DVD zu warten.

Haben Sie eine Erklärung für den Siegeszug Ihres Films?
Ich weiß nur Folgendes: Es gibt momentan einige Filme, die Menschen polarisieren. Die einen hassen sie, die anderen lieben sie. Aber "King's Speech" scheint alle zu vereinen. Ich habe keinen Menschen getroffen, der ihn nicht mochte. Diese Einhelligkeit ist schon sehr verblüffend.

War "The King's Speech" denn als Komödie konzipiert?
Keinesfalls; er ist es auch nicht. Wir haben nie versucht, bestimmte Gags anzupeilen. Wir wussten nur, dass einige Sachen lustig sein würden. Aber die Charaktere legen es nicht darauf an. Zum Teil kommt die Komik auch davon, das King George, wie die Tagebücher seines Sprachtherapeuten belegen, ein sehr geistreicher, witziger Mensch war. Bei bestimmten Szenen hätten wir nie gedacht, dass die Leute lachen. Zum Beispiel, wenn die Töchter des Helden einen Knicks machen, nachdem ihr Vater zum König ernannt wurde.

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Für englische Filmemacher hat das Königshaus offenbar einen nie enden wollenden Reiz. Was ist Ihre Erklärung?
Wir haben zu unserer Monarchie eine sehr konfliktreiche Einstellung. Einerseits sind derartige Privilegien in einer modernen Demokratie nicht akzeptabel, andererseits sorgt das Königshaus für eine großartige Seifenoper. "The King's Speech" hinterfragt diese Privilegiertheit. Für King George VI. war dieses Amt eher die Hölle. Das Dilemma, gegen das er ankämpft, ist ein universelles. Jeder von uns hat Blockaden, die verhindern, dass wir uns voll entfalten können.

War Colin Firth Ihre erste Wahl?
Wir zogen ein paar Schauspieler in Erwägung, aber er war der erste ernsthafte Kandidat. Ursprünglich hatte ich Bedenken, weil er zehn Jahre älter und auch äußerlich imposanter ist als King George. Aber von seiner Mentalität und Geisteshaltung her gab es Gemeinsamkeiten. Das ermöglichte es ihm, sich der Figur auch physisch zu nähern. Wir arbeiteten sehr intensiv an seiner Körpersprache. Letztlich funktioniert der Film so gut, weil mit der Besetzung und dem Drehbuch alles optimal ist.

Gab es im Vorfeld irgendeine Kommunikation mit der Königsfamilie?
David Seidler wollte den Stoff schon Anfang der 1980er-Jahre bearbeiten, nachdem er herausgefunden hatte, dass der Sprachtherapeut des Königs, Lionel Logue, Tagebücher hinterlassen hatte. Dessen Sohn sagte ihm seine Unterstützung zu. Doch er bat ihn, erst die Zustimmung des Königshauses einzuholen. Die Königinmutter willigte ein - mit der Einschränkung, dass er die Geschichte nicht zu ihren Lebzeiten veröffentlichen sollte. Die Erinnerungen waren für sie zu schmerzvoll. Allerdings hatte er keine Ahnung, dass sie noch bis 2002 leben sollte.

Letztes Hindernis war die Motion Picture Association of America, die dem Film in den USA wegen der Schimpfwörter eine Jugendfreigabe verweigerte.
Was völlig absurd ist. Denn es kommt ja auf den Kontext an. "Fuck" wird bei uns als Mittel der Sprachtherapie eingesetzt. David Seidler hat es selbst als Stotterpatient erlebt, und da war er noch ein Kind.


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