Der begeisterte Pfadfinder liebte das Kleinstadtleben, doch was er in seinen Spielfilmen und einer Kult-TV-Serie daraus gemacht hat, ist ein Universum eigener Art, "Lynchtown" genannt, in dem der "Czar of the Bizarre" seine Obsessionen austobt. Die hängen immer zusammen mit den dunklen, bösen Abgründen hinter der scheinbar sauberen, netten und höflichen Fassade der Kleinstadtmenschen, die Lynch in surrealen, eindeutig an Luis Bunuel orientierten mysteriösen Szenen zelebriert.
David Lynch, geboren 1946, studierte Kunst, inszenierte mit dem Geld aus einem Stipendium des American Film Institute seine ersten Kurzfilme und stellte in mehrjähriger Arbeit seinen Debütfilm "Eraserhead" her, eine von Fritz Langs Ton-Collagen und Luis Bunuels "Ein andalusischer Hund" beeinflusste Horror-Vision im Niemandsland einer verlassenen Fabrik, in der bereits seine Vorliebe für Ekeltexturen erkennbar ist. Der Film, ein Hit im New Yorker Underground, erregte die Aufmerksamkeit von Produzent Mel Brooks, der Lynch als Regisseur für "Der Elefantenmensch", der wahren Geschichte des verunstalteten John Merrick (John Hurt), engagierte. Der Erfolg des Films (acht "Oscar"-Nominierungen) führte Lynch zu der De-Laurentiis-Produktion von "Der Wüstenplanet", die kommerziell und künstlerisch ein Flop wurde. Mit "Blue Velvet" (1985) fand Lynch indes seine Welt. Die Reise in das Innere eines auf der Wiese gefundenen abgeschnittenen Ohres, ein Bunuel-Modell, lässt eine Kleinstadt entstehen, deren moralische und sexuelle Perversionen fortan zu Lynchs Kennzeichen wurden. Er übertrug das Konzept mit Erfolg auf die TV-Serie "Twin Peaks", deren erste Folgen er inszenierte. Die Vorgeschichte zu "Twin Peaks", die den Mord an Laura Palmer klären soll, wurde wieder ein Kinofilm und scheiterte. In anderen Spielfilmen konnte Lynch sein Alptraumkino perfekt verwirklichen: "Wild at Heart" (Goldene Palme Cannes 1990) und "Lost Highway" (1996) verstärken als gewalttätige Melodramen und Road Movies um Schizophrenie mit verrätselten Handlungszusammenhängen die Hermetik des Lynch-Universums, was 2001 mit dem ebenfalls in Cannes für die Beste Regie ausgezeichneten Thriller "Mulholland Drive" einmal mehr unterstrichen wurde. Eine Überraschung war insofern "The Straight Story" (1999), eine im Wortsinn einfache Geschichte um einen alten Mann, der mit seinem Rasenmäher-Truck mehrere Wochen unterwegs ist, um zu seinem Bruder zu reisen. Die kleine Odyssee des alten Mannes ist eine Liebeserklärung an das Herz Amerikas.
Im Portät "I Don't Know Jack" von Chris Leavens sprach Lynch über den 1996 verstorbenen Schauspieler Jack Nance, der unter anderen in seiner Serie "Twin Peaks" und zuletzt in "Lost Highway" mitspielte. Ebenso wirkte Lynch in Thom Hoffmans Doku-TV Special "Dennis Hopper: The Decisive Moments" mit. 2006 wurde sein Mystery-Drama "Inland Empire" bei den Filmfestspielen in Venedig erstmals gezeigt und mit dem "Future Film Digital Award" ausgezeichnet. Ohne das Drehbuch und somit den Plot zu kennen wurden die Schauspieler von Lynch in diesem so genannten "Patchwork-Film" mit den jeweils aktuell zu drehenden Spielszenen konfrontiert. Die Dreharbeiten fanden in Lodz, Polen und Los Angeles statt. Bei den Independent Spirit Awards 2007 erhielt "Inland Empire" den Sonderpreis.
Lynch ist außerdem Maler und schreibt Songtexte. Mit seinem Hauskomponisten Angelo Badalamenti entwickelte er eine Symphonie. Lynch war zweimal verheiratet und unter anderem einige Jahre mit Isabella Rossellini ("Blue Velvet") liiert. Lynchs Tochter Jennifer Chambers Lynch (geboren 1968) gab 1993 mit "Boxing Helena" ihr Regiedebüt.
David Lynch erleidet Schaffenskrise wegen DVD-Boom
Er hat der Filmwelt große Visionen geschenkt…
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David Lynch wird wohl nie wieder eine Kamera fürs Kinoformat führen (Foto: Concorde)
Mit Werken wie "Mulholland Drive", "Wild at Heart" oder "Blue Velvet" hat David Lynch cineastische Meilensteine kreiert.
Doch in letzter Zeit ist es still geworden um den Meister der verstörenden Bilderwelten aus den Abgründen der menschlichen Seele. Sein letzter Kinofilm "Inland Empire" datiert aufs Jahr 2006 und ein neues Projekt des Kultregisseurs ist nicht in Sicht. Der Grund: David Lynch hat schlicht keine Ideen mehr.
"Wenn heute ein neuer Film herauskommt, ist das eine ganz andere Welt als früher - Menschen sehen Filme mehr und mehr auf Computerbildschirmen", erklärt David Lynch. "Für mich bedeutet das das eine allumfassende, enorme Trauer. Es fühlt sich an, als ob mir jemand den Stromstecker gezogen hätte."
Ein wenig erstaunlich ist diese Aussage schon, denn immerhin hat Lynch mit der Kultserie "Twin Peaks" auch fürs Fernsehen einen legendären Beitrag geschaffen. Zuletzt machte David Lynch mit seinen Interview-Projekten in den USA und Deutschland von sich reden, bei denen er unzählige "Durchschnitts"-Menschen aus ihrem Leben erzählen ließ und so ein riesiges filmisches Mosaik des Seins erstellte.
"Wir sind im Straßengraben!"
Allerdings wirkt Lynchs einzigartige Bildsprache auf der großen Leinwand sicher am eindrucksvollsten. Doch mit einer Fortsetzung von David Lynchs Filmkarriere ist wohl kaum noch zu rechnen:
"Ich habe einfach keine Idee, die meine Seele aufrüttelt und mir den Willen verleiht, loszulegen und sie in die Tat umzusetzen. Und das bleibt auch so. Sagen wir mal, das Filmgeschäft wäre ein Rennwagen. Er fuhr einmal mit 200 km/h geradeaus eine Straße entlang. Aber vor fünf oder sechs Jahren erwischte er eine Bodenwelle und landete aus irgendeinem Grund im Straßengraben. Seitdem schleudert er darin herum, wirbelt Hecken und Büsche in die Luft, kommt aber nicht mehr weiter."
Das würden Mainstream-Filmemacher wie Michael Bay sicher anders sehen. Vielleicht liegt's also auch daran, dass selbst eingefleischte Arthouse-Fans mit David Lynchs letztem Versuch "Inland Empire" große Schwierigkeiten hatten: Der Thriller um eine Schauspielerin, die ein Remake eines Films drehen soll, bei dessen letztem Umsetzungsversuch sämtliche Hauptdarsteller ums Leben kamen, verwirrte Fans wie Kritiker noch mehr als dies bei Lynch ansonsten der Fall war…