Mit "127 Hours" lotet Oscargewinner Danny Boyle nach "Slumdog Millionär" einmal mehr die Möglichkeiten des digital Machbaren aus. Sein Drama über den Bergsteiger Aaron Ralston, der sich aus einer lebensgefährlichen Situation erst nach fünf Tagen befreien konnte, als er sich selbst den Arm abschnitt, ist eines der Kinohighlights des Frühjahrs.
Eine Geschichte mit einem Helden, der zwischen einer Felswand und einem Fels eingeklemmt ist, drängt sich nicht unbedingt als Film auf.
DANNY BOYLE: Das war das Reizvolle. Eines unserer täglichen Mantras am Set war es, einen Actionfilm zu machen, in dem sich der Protagonist nicht bewegen kann.
War es eine schwer zu knackende Nuss?
Andere haben es so empfunden. Ich habe es in ihren Gesichtern gesehen, dass sie sich nicht vorstellen konnten, wie aus dieser Geschichte Kino zu machen ist. Aber für mich war das nie ein Problem. Für mich steckte sie von Anfang an voller filmischer Möglichkeiten. "127 Hours" stand und fiel mit der Besetzung der Hauptfigur. Als ich James Franco sah, wusste ich, dass ich den Richtigen gefunden hatte. Entscheidend war dann, dass er den Film als gemeinsames Projekt ansah und sich ganz in seinen Dienst stellte. Er entwickelte mit meinen zwei Kameramännern schnell einen intensiven Rapport, der es ihnen bei den Szenen im Canyon auch in den beiläufigen Momenten erlaubte, sehr dynamisch zu agieren.
Die Kamera spielt in Wahrheit eine weitere Hauptrolle.
Absolut. Es war trotz unserer kleinen Digitalkameras nicht einfach, in der Enge des Canyons zu drehen. Es war ein bisschen wie ein Tanz mit James, der sich trotz der offensichtlichen Limitationen ganz flüssig mit ihnen
bewegte. Sein Körper und die Kameras waren eine Einheit.
Wie gut kann man bei einer solchen Vorgehensweise planen?
Wenig. Wir wussten, was wir wollten. Wie wir es dann bekommen würden, ergab sich während des Drehs. Das ist mit diesen unglaublichen Kameras kein Problem; sie sind so beweglich, und ihr Bild ist so gut, dass man mit hoher Geschwindigkeit sehr kreativ drehen kann. Ich weiß, dass viele Filmemacher romantisch der alten Ära des Films nachhängen. Aber, sorry Jungs, diese Zeit ist vorbei. Film braucht man nicht mehr; er ist so ungelenk und aus der Zeit gefallen wie eine alte Druckerpresse. Digital gehört die Zukunft.
Warum zwei Kameramänner?
Ich hatte Angst, der Film könnte zu monolithisch oder träge werden. Also fasste ich den Plan, mit Anthony Dodd Mantle und Enrique Chediak zwei grundverschiedene Kameramänner zu engagieren, um innerhalb der Szenen mit ihren jeweiligen Ansätzen zu spielen. Der Schuss ging nur leider voll nach hinten los. Sie kamen so gut miteinander aus, dass man ihre Aufnahmen nicht voneinander unterscheiden kann.
Die andere harte Nuss muss gewesen sein zu entscheiden, was man zeigen darf?
Ich habe genug mit Studios gearbeitet, um zu wissen, dass das eine besonders trickreiche Szene sein würde. In seinem Buch "Im Canyon" beschreibt Aaron Ralston diese Momente einfach überwältigend gut. Man spürt, dass er es selbst durchlebt hatte. Ich wollte der Vorlage gerecht werden. Es sollte nicht sensationalistisch sein, um ein Horrorpublikum anzusprechen. Ich wollte es aber auch nicht trivialisieren, als wäre es ein Klacks gewesen. Das Ergebnis sollte entscheidend sein. Aaron sagt, dass er danach ein kompletterer Mensch war als davor. Um diese Reise hin zur Menschlichkeit sollte es gehen. Zur Verteidigung des Studios muss ich sagen, dass sie es auch kapiert haben, auch wenn es die Szene war, vor der sie am meisten Angst gehabt hatten.
Hatten Sie sich diese Freiheit auch mit dem Erfolg von "Slumdog Millionär" erkauft, der ebenfalls von Fox Searchlight ausgewertet wurde?
Die Freiheit bestand darin, dass ich den Film überhaupt machen durfte. Sofern nicht ein Topregisseur wie Steven Spielberg oder ein Superstar wie Tom Cruise beteiligt sind, erhält man für einen solchen Stoff eigentlich kein grünes Licht, schon gar nicht in Tagen wie diesen, in denen die Independents hart zu kämpfen haben. Aber wir waren wohl sehr überzeugend, also schenkten uns Pathé und Fox Searchlight ihr Vertrauen. Ich weiß das zu schätzen.
"127 Hours" ist die Antithese zu den großen Blockbustern. Anstatt auf immer größerer Leinwand zu malen, verengen Sie den Fokus auf das Wesentliche und füllen damit die Leinwand.
Kino, das sind eben nicht - oder zumindest nicht nur - explodierende Armeen und fliegende Dinosaurier. Mir war es wichtig, den Zuschauer für Momente zu öffnen, in denen nachdrücklich nichts passiert, und seine Sinne für die ganz kleinen Dinge zu schärfen. Schnell wird einem bewusst, dass auch die großen Epen ihre Wirkung großteils mit Sound erzielen. Mir war es wichtig, dass man in "127 Hours" wirklich die Ohren spitzt und zuhört.
Kann man "127 Hours" als nahen Verwandten von "Slumdog Millionär" bezeichnen?
Offenkundig erzählen beide Filme Geschichten über junge Männer, die gegen alle Umstände triumphieren. Aber dann sind es die krassen Gegensätze, die die Filme miteinander verbinden: "Slumdog Millionär" ist ein Film über Mumbai, eine Millionenmetropole, wo man den Menschen einfach nicht entgeht. "127 Hours" ist ein Film über die Natur, in dessen Mittelpunkt absolute Isolation steht. Insofern erzählen beide Filme etwas über unser Bedürfnis, in der Nähe anderer Menschen zu sein.
Hatte der Gewinn des Oscars Einfluss auf "127 Hours"?
Wenn ich ehrlich bin, ja, das hatte er. Man geht mit besonders viel Selbstvertrauen an die Arbeit. Natürlich sollte man sich in Bescheidenheit üben, wenn man einen solchen Preis erhält. Aber ich war danach einfach erfüllt
von Energie, und das war gut bei einem solchen Projekt, bei dem man einfach nicht wissen kann, ob das, was man sich vorgestellt hat, auch wirklich funktioniert.
Der Oscar war also ein Segen und kein Fluch?
Ein reiner Segen. Er gab uns den Schneid, mutige Entscheidungen zu treffen.
Jeder andere Regisseur hätte den Oscar genutzt, um sich ein Big-Budget-Projekt zu angeln und Kasse zu machen.
Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht wohlfühlen und keine gute Arbeit abliefern würde. Ja, diese Filme werden mir angeboten, aber ich habe meine Lektion aus "The Beach" gelernt. Ich hatte viel Geld, große Stars, Zeit - aber nicht den richtigen Ansatz; es gefiel mir nicht, ich fühlte mich nicht befreit. Ich bin kein Christopher Nolan oder Guy Ritchie, die in solchen Szenarien aufblühen. Es wäre für alle Beteiligten eine einzige Enttäuschung. Ich muss die richtige Geschichte haben, dann wird meine Ambition geweckt, innerhalb des Budgets die allerbeste Arbeit abzuliefern. So will ich das auch künftig halten.