Er war süffisant im Gespräch, fleißig bei der Arbeit und ein Kenner von Krimis und kulinarischen Genüssen. Apothekersohn Claude Chabrol, geboren 1930 in Paris und aufgewachsen in der Provinz, schuf mit über 50 Spielfilmen und TV-Arbeiten ein Werk, das an Quantität das von Alfred Hitchcock (50 Filme) übertrifft, über den er 1957 mit Eric Rohmer eine der ersten Studien verfasste. Bekannt, berühmt und berüchtigt wurde Chabrol durch seine filmischen Sezierarbeiten an der Klasse, der er selbst angehörte: der französischen Bourgeoisie. Chabrol liebte und hasste sie gleichermaßen.
Der Lebemann, Pfeifenraucher und Weinkenner hat stets den Blick unter die Oberflächen der Wohlanständigkeit gewagt, und was er an Heuchelei, Doppelmoral, mörderischen Gelüsten und Falschspielen hinter der Fassade von Ehrbarkeit und Anständigkeit aufgedeckt hat, lieferte ihm Stoff für Jahrzehnte, seit er 1957 mit eigenem Geld mit dem Film "Die Enttäuschten" Mitbegründer der "Nouvelle Vague" um Godard, Truffaut und Rivette wurde.
In den ersten Arbeiten ("Schrei, wenn du kannst", "Schritte ohne Spur", "Die Unbefriedigten") war der Blick von kritischer Distanz geprägt, die Fassbinder bewunderte. Später ging er zu Gesellschaftssatiren und Spielen mit den Mustern des Krimis über. Chabrol arbeitete stets an den Drehbüchern seiner handwerklich souveränen Filme mit, er adaptierte Autoren wie Georges Simenon ("Die Phantome des Hutmachers") oder amerikanische Thriller-Autoren wie Ellery Queen ("Der zehnte Tag", mit Orson Welles als gottähnlicher Vaterfigur). Seine Personen beobachtet oder verfolgt er im Milieu neureicher Unternehmer, gediegener Künstlerfamilien, leichtsinniger junger Erben oder provinzieller Politiker wie in Versuchsanordnungen mit unbestechlichem Blick.
In den Meisterwerken "Das Biest muss sterben", "Der Schlachter" oder "Biester" stockt einem der Atem, mit Wonne verfolgt man die listigen Sexmonster und Mörder Michel Piccoli und Stéphane Audran in "Blutige Hochzeit". Chabrol ließ genüsslich einen groben Klotz wie Jean-Paul Belmondos "Doktor Popaul" auf die ehrbare Medizinerzunft prallen, er konnte Mörder sympathisch wirken lassen (Jean Yanne in "Der Schlachter") und entwickelte mit dem von Jean Poiret gespielten zynischen Inspektor Lavardin ("Hühnchen in Essig") eine populäre Ermittlerfigur.
Auch im 21. Jahrhundert blieb Chabrol seiner Vorliebe für Krimikost mit Niveau treu: Auf den Psychothriller "Süßes Gift" (erneut mit Huppert) folgte "Die Blume des Bösen", ein kriminalistisches Drama über eine von einem ungesühnten Verbrechen der Vergangenheit verfolgte gutbürgerliche Familie, sowie mit "Die Brautjungfer" seine zweite Adaption eines Ruth-Rendell-Thrillers (nach "Biester"). Auf der Berlinale 2006 lief seine Politsatire "Geheime Staatsaffären" im Wettbewerb um den Goldenen Bären, musste sich aber mit einer Nominierung begnügen. 2007 widmete er sich dann in seinem 54. Film erneut den Abgründen der bourgeoisen Gesellschaft. In "Die zweigeteilte Frau" geraten ein Erfolgsschriftsteller und ein junger wohlhabender Erbe im Kampf um eine Frau (Ludivine Sagnier) in dramatischen Eifersuchtsattacken, bis hin zum kaltblütigen Mord.
Chabrols Karriere war von Höhen und Tiefen begleitet, aber selbst seine Auftragsarbeiten (Agentenfilme wie "Die Straße von Korinth", Krimis wie "Marie-Chantal gegen Dr. Kha") oder TV-Arbeiten ("Fantomas", die Goethe-Verfilmung "Die Wahlverwandtschaften") sind interessante überdurchschnittliche Werke. Chabrol drehte auch Werbefilme.
Er war ab 1964 mit der Schauspielerin Stéphane Audran verheiratet und ehelichte nach der Scheidung 1983 sein langjähriges Script-Girl Aurore Paquiss. Der für sein Lebenswerk mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnete Chabrol wurde 2009 mit der Berlinale Kamera für seine besonderen Verdienste um den Film geehrt. Am 12. September 2010 starb Claude Chabrol im Alter von 80 Jahren.
"Ich liebe nackte Frauenkörper"
Auch nach über 70 Filmen denkt Altmeister Claude Chabrol nicht ans Aufhören. Der 74-Jährige arbeitet bereits an neuen Projekten und bleibt auch in der Ruth Rendell-Adaption "Die Brautjungfer" dem Grundthema seiner Filme treu.
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Nimmt gerne die französische Bourgeoisie aufs Korn: Claude Chabrol (Foto: Kurt Krieger)
» Was verbindet Sie mit Ruth Rendell?
Eine Art Seelenverwandtschaft, vielleicht weil Ruth und ich im gleichen Jahr geboren sind. Mir gefällt, wie auf den ersten Blick scheinbar normale Verhaltensweisen sich nach und nach als höchst geheimnisvoll entpuppen.
Ihre Figuren sind vielschichtig und nicht so typisch englisch. Man kann sie mit kleinen Änderungen nach Frankreich transferieren. Doch die Rätselhaftigkeit der Charaktere darf auch nicht zu kompliziert sein, denn bei zu großer Unlogik steigt das Publikum aus.
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Frankreichs Darling Benoît Magimel und Laura Smet (Foto: Concorde)
» Die Heldin wickelt den netten kleinen Angestellten um den Finger. Sind schöne Frauen eine Gefahr für Männer?
Männer sind einfache Geschöpfe und fallen schnell auf eine attraktive Frau herein. Über Filme mit Männern im Mittelpunkt muss ich immer lachen. In "Die Brautjungfer" führt der Typ mit seiner Mutter und zwei Schwestern ein langweiliges Leben. Erst die Begegnung mit der geheimnisvollen Brautjungfer öffnet ihm die Tür zu einer Welt voller Sex und Leidenschaft.
Eine willkommene Ausflucht, denn meine Geschlechtsgenossen sind im Allgemeinen nicht besonders abenteuerlich. Frauen dagegen setzen sich durch, wenn sie etwas wollen. Sie sollten die Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft übernehmen, die Männer sich dagegen um Kinder und Haushalt kümmern. Dann würde unsere Welt anders aussehen. Leider haben Frauen Angst, streng zu sein und scheuen sich vor zu viel Macht.
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Chabrol im Regiestuhl am Set von "Die Brautjungfer" (Foto: Concorde)
» Sie zeigen relativ freizügige Sexszenen.
Ich liebe nackte Frauenkörper und hatte nie Angst vor freizügigen Szenen, sofern sie in den Kontext passten. Was ich nicht mag, ist diese voyeuristische Perspektive, die zeugt nur von Verklemmtheit.
» Gibt es bei Ihren weit über 70 Filmen so etwas wie einen roten Faden?
Oft habe ich den Eindruck, ich mache einen ganz neuen Film, bis ich dann irgendwann merke, dass ich doch wieder auf der gleichen Schiene fahre. Das ist wie auf einem Schlachtfeld. Man glaubt, alles in Stücke zu hauen, und lässt doch letztendlich einiges übrig.
Auf Kommando etwas ganz anderes zu schaffen, geht sowieso nicht. Ehrlich gesagt, unterwerfen sich Regisseure auch Trends, und nicht jeder Film ist für die Ewigkeit. Über einige meiner Werke breite ich lieber den Mantel des Schweigens.
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Trügerische Familienidylle in einer bürgerlichen "Psycho"-Villa (Foto: Concorde)
» Aber Ihr Markenzeichen ist der Blick hinter die bürgerliche Fassade.
Mich interessieren Menschen, die aus ihrer Alltagsnorm ausbrechen und eine Tat begehen, die man ihnen nicht zutraut. Ich will den Zuschauer mit möglichst komplexen Zusammenhängen unterhalten.
Eine schöne Leiche kommt immer gut an. Die üblichen Krimis mit einem Toten, einem Polizisten, der Leute befragt und den Bösen der Gerechtigkeit überführt, finde ich zum Gähnen. Deshalb taucht bei mir kaum ein Polizist auf. Die sollen im Fernsehen ihre Arbeit erledigen. Die einzig spannende Polizistenfigur ist George Simenons Kommissar Maigret. Von einer Kopie sollte man tunlichst die Finger lassen.
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Philippe und Brautjungfer Senta haben eine leidenschaftliche Affäre (Foto: Concorde)
» Denken Sie mit 74 Jahren nicht mal an den Ruhestand?
Warum? Ich liebe das Altern. Da muss ich mich nicht mehr ducken oder anpassen. Wenn jemand mosert, sage ich einfach "Au revoir, Monsieur".
Das Leben samt neu gewonnener Freiheit genieße ich in vollen Zügen. Das heißt nicht, dass ich früher den Mund gehalten habe. Mein Kopf funktioniert, allerdings werde ich körperlich ruhiger und will nicht unbedingt vier Monate in verschneiten Bergen drehen. Nichtstun und Herumhängen schaffen nur Müdigkeit. Da muss man ab einem bestimmten Alter aufpassen.
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Die Blume des Bösen, sie blüht nirgends schöner als bei Chabrol (Foto: Concorde)
» Pflegen Sie Kontakt mit jungen Kollegen?
Unter französischen Regisseuren herrscht nicht gerade eine Superkommunikation, aber ich tausche mich gern mit Nachwuchsregisseuren aus. Von gehypten Personen halte ich mich allerdings fern. Die derzeitige Entwicklung in Frankreich beunruhigt mich.
Da setzt man auf diese falschen großen Filme, in die eine Unmenge Geld fließt wie in "Atomic Circus" von den Gebrüdern-Poiraud oder in Frédéric Auburtins "San Antonio". Ich sage nicht, sie haben kein Talent, aber die Einspielergebnisse entsprechen nicht dem eingesetzten Kapital, das Newcomern dann fehlt.
» In welche seelischen Abgründe entführen Sie uns in Ihrem nächsten Film?
Ich arbeite gerade an zwei Projekten, aber die befinden sich noch in der Drehbuchphase. Hetzen lasse ich mich jedenfalls nicht mehr.