- Foto: Filmfest München http://images.kino.de/flbilder/max05/bf05/bf28/b0528205/b150x150.jpg Byambasuren Davaa

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Byambasuren Davaa


  • Geburtsort
    Ulan Bator
  • Geburtsort
    Ulan Bator
  • Geburtsland
    Mongolei

Keine Jodler in der Wüste

Dicke Tränen im riesigen Auge eines Kamels - ein Bild, so voll Schönheit und Intensität, dass man es nie mehr vergisst. Byambasuren Davaa, Luigi Falorni (Regie, Buch) und Tobias N. Siebert (Producer) erzählen "Die Geschichte vom weinenden Kamel" - eine Entdeckungsreise durch die Wüste Gobi, auf den Spuren mongolischer Nomaden, einer Kamelmutter und eines verstoßenen Fohlen.

Großansicht Rühren mit Tränen zu Tränen: Die Kamele der mongolischen Nomaden (Foto: Prokino)

Rühren mit Tränen zu Tränen: Die Kamele der mongolischen Nomaden (Foto: Prokino)

» Wann weint ein Kamel?

BYAMBASUREN DAVAA: Das passiert öfter, vor allem bei jungen Tieren, wenn die Mutter zu weit weg ist. Sie weinen fast wie ein Mensch, aber lauter. Es ist herzzerreißend, nicht auszuhalten - und es kann einen halben Tag dauern.

» Welcher Text wird für das Ritual gesungen, bei dem das Fohlen mit dem Muttertier vereint werden soll?

DAVAA: Das sind einfach nur die vier Buchstaben des mongolischen Wortes für "Kamel". Die Melodie ist allerdings nicht festgelegt: Sie ist bei jedem Ritual anders, je nachdem was für eine Persönlichkeit das jeweilige Tier hat. Der Sänger muss sich darin einfühlen und dann die "richtigen" Töne finden.

Großansicht Regisseurin und Autorin Bymbasuren Davaa mit Producer Tobias N. Siebert (Foto: Prokino)

Regisseurin und Autorin Bymbasuren Davaa mit Producer Tobias N. Siebert (Foto: Prokino)

"'MEIN HUT, DER HAT DREI ECKEN' WAR KEIN HIT"

» Das Singen ist bei den Nomaden sehr wichtig. Mussten Sie dort auch einmal ein Ständchen bringen?

TOBIAS N. SIEBERT: Klar! So verläuft ein Abend dort: Man sitzt zusammen, erzählt Geschichten und weil's kein Radio gibt, wird halt reihum gesungen. Ich habe "Mein Hut, der hat drei Ecken" und ein paar bayerische Lieder zum Besten gegeben, Luigi hat italienische gesungen - jeder hat versucht, seine Kultur einzubringen. Luigi kam eindeutig besser an, das bayerische Liedgut hat sich in der Mongolei noch nicht so richtig durchgesetzt.

Großansicht Die Mongolei sucht den Superstar - ohne Fernseher! (Foto: Prokino)

Die Mongolei sucht den Superstar - ohne Fernseher! (Foto: Prokino)

» Haben Kamele ein besonders starkes Gefühlsleben, da sie weinen können?

LUIGI FALORNI: Kamele sind auf jeden Fall besondere Tiere, sie sind sehr komplex: einerseits sehr scheu, aber auch sehr stolz - sie laufen nicht weg, wenn man sie angreift, sondern schauen dem, der sie bedroht, direkt in die Augen.

SIEBERT: Außerdem sind sie sehr anhänglich. Einer unserer Kameramänner hatte eine besondere Beziehung zu einem jungen Kamel...

DAVAA: ...ja, die waren richtig verliebt...

SIEBERT: ...sobald die sich gesehen haben, ist das Kamel ganz freudig zu ihm gelaufen und er musste sich erst mal ausgiebig mit dem Tier beschäftigen.

Großansicht Auch Schafe gehören zur Familie (Foto: Prokino)

Auch Schafe gehören zur Familie (Foto: Prokino)

"BEIM KAMELE TRÄNKEN HABEN WIR ZIEMLICH VERSAGT"

» In "Die Geschichte vom weinenden Kamel" wird sehr deutlich, wie ähnlich die Vorgänge in den Tierfamilien denen in der menschlichen Familie sind. War das so geplant?

FALORNI: Das war von Anfang an das Thema des Films: Verlust von Liebe, Wiederfinden der Liebe und Rettung durch Liebe. Dass das etwas ganz Universelles ist, wollten wir beim Drehen unbedingt zeigen.

» Reagieren die Nomaden in der Mongolei anders auf eine Kamera als man es aus unserer Kultur kennt?

SIEBERT: Ja, unbefangener, sie verbinden mit einer Kamera nicht sofort einen Film und Publikum. Wir waren ja eine sehr lange Zeit mit der Familie zusammen, sieben Wochen. Nach ein paar Tagen war es ganz normal, dass da eine Kamera ist, und gerade die Kinder waren völlig unvoreingenommen. Dadurch konnten wir der Familie sehr nahe kommen - sowohl physisch als auch ihrer Gefühlswelt.

FALORNI: Dabei haben wir sie manchmal natürlich auch in ihrer Arbeit behindert. Einmal mussten wir um 10 Uhr morgens eine Szene drehen. Zu dieser Zeit sollten aber die anderen Tiere getränkt werden. Also haben wir zu dritt den Holzarm am Drehbrunnen geschoben, das macht normalerweise ein starkes Kamel. Nach 10 Minuten waren wir völlig fertig. Die Tiere haben uns ganz vorwurfsvoll angeschaut, wo denn das Wasser bleibt.

Großansicht Ein Dreh in der Wüste Gobi ist tückenreich (Foto: Prokino)

Ein Dreh in der Wüste Gobi ist tückenreich (Foto: Prokino)

» Die Bedingungen waren technisch sehr schwierig. Ist auch mal etwas schief gegangen?

SIEBERT: Jeden Tag. Wir hatten innerhalb von 24 Stunden 20 Grad minus, dann wieder 20 Grad plus. Wir sind morgens aufgestanden und hatten Schnee vor dem Zelt. Es war überall Staub. Einmal mussten wir die Kamera nach einem Sandsturm komplett bis in jede Schraube auseinandernehmen und wieder zusammenbauen.

» Haben Sie eine klassische Doku gemacht? Der Film wirkt eher wie ein Spielfilm...

FALORNI: Uns war die Geschichte wichtiger als irgendwelche puristischen Regeln. Wenn etwas Schönes passiert ist, das wir aus technischen Gründen nicht sofort aufnehmen konnten, haben wir die Familie schon mal gebeten, das noch einmal so ähnlich nachzustellen. Aber das funktioniert bei Tieren natürlich nicht, die Geburt eines Kameljungen passiert nur einmal.

Großansicht Der Haussegen hängt schief zwischen Mutter und Kind (Foto: Prokino)

Der Haussegen hängt schief zwischen Mutter und Kind (Foto: Prokino)

"DIE ZEIT WIRD NACH DEN KAMELEN GEMESSEN"

» Was war für Sie die interessanteste Beobachtung am Leben der Nomaden?

FALORNI: Dass alles, was die Menschen dort tun, einen Sinn hat. Das ist ja hier nicht immer so. Wenn dort ein Kind zum Beispiel mit einem Strick im Wohnzelt angebunden wird, dann ist das erst mal befremdlich - bis man das Kleine auf das Feuer in der Zeltmitte zulaufen sieht und es kurz davor von dem Seil zurückgehalten wird. So hat jeder kleine Handgriff dort seinen Sinn. Das zu sehen, ist eine sehr beruhigende und schöne Erfahrung, die auch zum Teil die Wirkung des Films ausmacht.

Großansicht Die runden Zelte der Nomaden bieten auch in kalten Nächten Schutz (Foto: Prokino)

Die runden Zelte der Nomaden bieten auch in kalten Nächten Schutz (Foto: Prokino)

» Der Film ist spannend, wirkt dabei aber trotzdem sehr ruhig. Ist das auch ein Kommentar auf das Spektakelkino aus Hollywood?

DAVAA: Das ist einfach der Lebensrhythmus dort. Die Menschen kennen nicht einmal eine genaue Uhrzeit. Das ist fürs Filmemachen sehr schwierig. Luigi sagte einmal hektisch: "Wann kommt das Kamel hierher, wir müssen die Technik einrichten?" und man antwortete ihm nur: "Das kommt schon - wenn die Zeit dafür ist..."

SIEBERT: Der Film ist ja keine Reportage ÜBER die Mongolei, sondern eine mongolische Geschichte - und die kann man nur verstehen, wenn man sich auf ihren speziellen Rhythmus einlässt. Das passiert beim Kinopublikum immer sehr schnell - wie wir nach jeder Testvorführung gesagt bekamen - weil diese Geschichte einfach faszinierend ist.

Großansicht Luigi Falorni: Regie, Kamera und Buch (Foto: Prokino)

Luigi Falorni: Regie, Kamera und Buch (Foto: Prokino)

"DIE SEHNSUCHT NACH LIEBE IST UNIVERSAL"

» Der Film hat auch viele komische Situationen. Inwiefern ist Humor wichtig für das Porträt dieser Menschen und Tiere?

DAVAA: Oft wird im Kino einfach gelacht, wenn man in der fremden Kultur etwas von sich wiederfindet - zum Beispiel den kleinen Mongolenjungen, der sich sofort einen Fernseher wünscht, nachdem er das erste mal einen gesehen hat.

» In der Versorgungsstation werden Mountainbikes verkauft. Was kosten die dort?

DAVAA: Eins für Kinder kostet umgerechnet etwa 50 oder 60 Euro.

SIEBERT: Allerdings kann man im Wüstensand verdammt schlecht Fahrrad fahren...

Großansicht Heimliche Helden des Films: Die Brüder Dude und Ugna (Foto: Prokino)

Heimliche Helden des Films: Die Brüder Dude und Ugna (Foto: Prokino)

» Hat die Familie den Film schon gesehen?

DAVAA: Ja, im September habe ich sie besucht und ihnen den Film gezeigt. Die Reaktion war toll: Sie haben sich gefreut, viel gelacht, aber auch ein bisschen geweint. Sie haben sich wiedergefunden.

» Der Film ist ein großer Erfolg und wird rund um den Globus gezeigt. Hat sich in Ihrem Alltag etwas verändert?

FALORNI: Ja, wir sitzen plötzlich hier und geben ein Interview.

DAVAA: Der Erfolg des Films hat mir klar gemacht, dass die Sehnsucht nach Liebe etwas sehr Allgemeines ist, ein Grundbedürfnis, das alle Menschen weltweit verbindet. Ein schöner Gedanke, der mir viel Mut macht.

» Auch wenn man sonst nicht unbedingt in Dokumentationen oder ethnografische Filme geht - warum sollte man sich Ihren Film ansehen?

FALORNI: Weil man sich danach besser fühlt.


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