Altmeister Bertrand Tavernier erzählt in "Holy Lola" von der Tour de Force eines französischen Paares auf der Suche nach einem Adoptionskind in Kambodscha und warnt im Hinblick auf sinkende Zuschauerzahlen vor der Monopolisierung des Geschmacks.
Regisseur Bertrand Tavernier will mit "Holy Lola" das Interesse an Kambodscha wecken (Foto: Jörg Kretschmann)
» Warum spielt die Geschichte ausgerechnet in Kambodscha?
BERTRAND TAVERNIER: Wir wollten erst in Mali drehen, aber das stellte sich als zu kompliziert heraus. Ausgangspunkt war die Verlorenheit von Menschen in einem wildfremden Land, ihre Reaktionen auf eine unbekannte Lebensweise und Kultur. Dann kam die Adoptionssache dazu, eine Idee meiner Tochter.
Ich suchte in einem Land fern von Europa, in dem Paare sich länger aufhalten müssen und dadurch verändern. In Vietnam ist Adoption inzwischen verboten, also wählten wir Kambodscha. Diese kinderlosen Männer und Frauen stoßen bei ihrer Odyssee durch die Welt oft auf eine richtige Adoptionsindustrie, da werden Geschäfte mit Gefühlen gemacht. Und in Pnomh Phen ist die Bürokratie gewaltig.
Auf der Suche nach einem kleinen Familienmitglied: Jaques Gamblin als Pierre und Isabelle Carré als Géraldine (Foto: Quelle)
» Hatten Sie auch damit zu kämpfen?
Das blieb uns erspart. Wir haben das Projekt fünf Monate lang vorbereitet, die Drehbuchautoren und ich sind immer wieder nach Kambodscha gefahren und haben uns Zeit genommen. Das ist billiger als mit 50 Leuten zwei Wochen während der Dreharbeiten zu verlieren. Bei Canal Plus scharrte man schon mit den Hufen, es war schwierig, den dortigen Verantwortlichen die Notwendigkeit klar zu machen.
Die Schlüsselpositionen im Team waren französisch, aber wir setzten viele Kambodschaner ein als Elektriker, Statisten oder für die Kostüme und haben den Boden langsam bereitet. Wer lauthals wie ein Eroberer in das Land stürmt und glaubt, in 24 Stunden eine Antwort zu erhalten, der hat schlechte Karten.
» Wie haben Sie die Kinder gefunden?
Es wäre schamlos und menschenverachtend gewesen, Waisen zu benutzen und am Ende wieder im Heim zurückzulassen. Wir drehten mit ganz normalen Kindern, deren Mütter zugegen waren.
Dabei mussten wir uns auf die Kleinen einlassen. Wenn sie weinten, Hunger hatten und die Brust wollten, gab es eben eine Pause. Sie mussten sich an uns gewöhnen, hatten Angst vor der fremden Sprache oder dem fremden Geruch. Für jedes Paar standen drei Babys zur Verfügung, die Schauspieler konnten sich aussuchen, mit wem sie spielen wollten.
» Trotz aller Anspannung lassen Sie auch heitere Momente zu.
Dass muss sein. Es gibt nichts Schlimmeres als Problem- oder Thesenfilme, möglichst noch mit politischer Botschaft. In diesen kleinen Hotels der Franzosen herrscht eine Stimmung wie im Kochtopf.
Die Paare warten und warten, drehen Ihre Runden durch Waisenhäuser und Amtsstuben. Sie müssen Dampf ablassen und sich ablenken. Da kommt es automatisch zu abstrusen und komischen Situationen.
» Sie zeigen Kambodscha als Land voller Gegensätze.
Hoffentlich wecke ich Interesse. Ich liebe dieses Land im Wandel und seine Menschen. Es ist einzigartig, wie sich das geschundene Volk von der Schreckensherrschaft unter Pol Pot erholt.
Wir reichen Europäer kehren nach einigen Wochen in unsere Überflussgesellschaft zurück. Da kriege ich schon ein schlechtes Gewissen.
» Inwieweit hat sich die französische Produktionslandschaft in den letzten 30 Jahren geändert?
Die Finanzierung ist heute schwieriger, die Filme kosten einfach zuviel. Und die Risikobereitschaft bei Produzenten sinkt. Ich spüre noch die gleiche Lust, aber wenn ich irgendeinem Geldsack alles zehnmal erklären und schmackhaft machen muss, reißt mir schon mal der Geduldsfaden.
Verleih- und Vertriebsfirmen sind inzwischen konventioneller als Produzenten, rechnen nur noch, was sich lohnt. Früher schien mir das Genre-Spektrum breiter. Heute stehen wir etwas mehr unter Druck und unter der Diktatur der Komödien. Dabei ist französischer Humor nicht unbedingt kompatibel. Doch Schluss mit dem Jammern. Dem französischen Kino geht es gut.
"Holy Lola" ist nicht nur eine Geschichte über Adoption, sondern auch über die Verlorenheit von Menschen in einem wildfremden Land (Foto: Prokino (Fox))
» Aber die Zuschauerzahlen sinken.
Es gab immer schwierige Zeiten. Vielleicht ist das junge Publikum weniger neugierig, will auf der ganzen Welt das Gleiche sehen. Es herrscht eine Monopolisierung des Geschmacks. Und dann die Fixierung auf das erste Wochenende. Was da nicht sofort Erfolg hat, fliegt vom Spielplan. Ich plädiere für eine stärkere Medienerziehung in der Schule.
Wenn das nationale Kino an Einfluss verliert, verlieren wir auch ein Stück kulturelle Identität. Wir müssen stolz auf unsere Filme sein. Da ist die Politik gefordert, durchgreifende Regelungen zu finden. Ich bin kein großer Freund der Quotierung, aber sie hilft, wenn die Industrie bedroht ist. Und die Amerikaner sollen nicht das Unschuldslamm markieren. Als ihre Autoindustrie in den Keller ging, haben sie Einführungsbeschränkungen eingeführt ohne Rücksicht auf europäische Autoindustrien.
» Was machen Sie als Nächstes?
Leider klappte es mit den Rechten an einem Roman des schwedischen Bestsellerautoren Henning Mankell nicht. Jetzt muss ich mir etwas Neues überlegen, ich spüre einen ungeheuren Auftrieb.