Mit den dunkelsten Augenringen der Filmgeschichte, breiten Augenbrauen, wulstigen Lippen und einem Blick aus mal melancholisch unergründlichen, mal belustigt blinzelnden Augen ist Benicio Del Toro einer der interessantesten modernen Charakterschauspieler.
Für seine Rolle als integrer, cleverer und im Drogenkrieg humane Ziele verfolgender mexikanischer Polizist, der als einziger in Steven Soderberghs "Traffic" etwas erreicht, wurde er mit dem "Golden Globe" und mit dem "Oscar" als Bester Nebendarsteller 2001 ausgezeichnet und erhielt bei der Verleihung mit den größten Beifall.
1967 in Puerto Rico geboren, wollte Del Toro ursprünglich Maler werden und studierte Schauspielerei nur als Abwechslung, bis eine Nebenrolle im 007-Thriller "Lizenz zum Töten" seine Karriere in Gang brachte - auch wenn er wegen unbeugsamer Rollenvorstellungen schon mal (von Peter Weir in "Fearless") während der Dreharbeiten gefeuert wurde.
Del Toro, der gelegentlich mit dem jungen Marlon Brando verglichen wurde, gehörte zu den fünf Inhaftierten aus dem Krimi "Die üblichen Verdächtigen", wo er als exaltierter Gangster Fenster so nuschelte wie Brando, weshalb kaum ein Wort seines Dialogs zu verstehen ist. Die Rolle brachte ihm den ersten von zwei "Independent Spirit Awards" (der zweite für "Basquiat") als bester Nebendarsteller ein und machte ihn über Nacht zum Star.
Bei den Dreharbeiten zu Terry Gilliams Drogentripfarce "Fear and Loathing in Las Vegas" legte er 20 Kilo zu und musste in ärztliche Behandlung, weil er wie sein Rollenvorbild, der Anwalt Dr. Acosta, Kippen auf seinem Unterarm ausdrückte. Del Toro trat in Ken Loachs Gewerkschaftshymnus "Bread and Roses" (2000) ebenso engagiert auf, wie er als Gangster und Diamantenräuber Frankie Four Fingers, dem als Leiche noch der Arm abgehackt wird, durch Guy Ritchies Gaunerkomödie "Snatch" (2000) stolperte.
In "Das Versprechen" liefert er einen kurzen aber unvergessenen bleibenden Auftritt als kaum wiederzuerkennender, geistig behinderter und des Mordes angeklagter Indianer. 2002 spielte er außerdem einen Serienkiller, der von Tommy Lee Jones gejagt wird, in William Friedkins "Die Stunde des Jägers".
2003 löste Benicio Del Toro als Unfallverursacher in "21 Gramm" die Katastrophe für die junge Witwe aus. In dem Drama von Alejandro González Iñárritu begeht der Ex-Sträfling Fahrerflucht und erfährt später, dass er der Mörder dreier Menschen ist. 2004 wurde Del Toros überzeugende Darstellung mit einer Oscar-Nominierung bedacht. In seiner nächsten Rolle gab der Schauspieler den Jackie Boy im Splatter-Melodram "Sin City". Die bizarre Autofahrt mit dem toten Benicio Del Toro hat Gast-Regisseur Quentin Tarantino gedreht.
2007 engagierte Regisseurin Susanne Bier ihn für ihr Melodrama "Things We Lost in the Fire". Nach der Ermordung ihres Mannes nimmt die zweifache Mutter Audrey Burkes (Halle Berry) die Hilfe dessen ehemals besten Freundes Jerry (Del Toro) an und lässt den Heroinabhängigen bei sich wohnen. Einen Höhepunkt in Del Toros Karriere stellte 2008 die Ehrung als bester Schauspieler in der Rolle des Che Guevara ("Guerilla" von Steven Soderbergh) in Cannes dar.
Im bildstarken Remake des Horror-Klassikers von 1941 "Wolfman" haucht er dem Werwolf-Mythos neues Leben ein, spielt neben Anthony Hopkins und Hugo Weaving groß auf und wirkt enorm beängstigend.
Benicio Del Toro führte eine jahrelange Beziehung zu Chiara Mastroianni, der Tochter von Marcello Mastroianni und Catherine Deneuve. Zwischen 1988 und 1992 war er mit Valeria Golino verlobt. Auf der Website des Schauspielers, der wenig spricht, mit dem Gesicht aber umso mehr sagt, heißt es: "Bitte macht keine anderen Schauspieler schlecht."
Star-Parade in Cannes
Im Kino mit den Stars: Nicht immer lockte nur das neueste aus dem Weltkino beim 63. Festival in Cannes die Massen an.
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Wenn Altmeister Visconti lockt, mischen sich sogar Superstars wie Benicio del Toro und Kate Beckinsale unters Volk (Foto: Kurt Krieger)
Eines der Highlights, das sich auch einige Superstars nicht entgehen lassen wollten, war die Vorführung der von Martin Scorsese präsentierten, fantastisch restaurierten Fassung von Luchino Viscontis Meisterwerk "Der Leopard" von 1962.
Benicio Del Toro sitzt schon früh im vollen Kinosaal, plauderte entspannt mit seinen Fans, lässt sich fotografieren und gibt den Star zum Anfassen. Als ihm der Rummel dann doch zu viel wird, verzieht er sich in eine andere Reihe und wird schließlich von Kollegin Kate Beckinsale erlöst, die in diesem Jahr Jury-Mitglied war. Sie setzt sich neben ihn und die beiden stecken fortan die Köpfe zusammen.
Wenig später hat Salma Hayek, bildschön wie immer, ihren großen Auftritt, wird von den Fans mit Applaus begrüßt und fiebert sich, ebenso wie Juliette Binoche, durch die bildgewaltige drei Stunden-Fassung. Am Ende ließen sich die Darsteller von einst auf der Bühne feiern: Claudia Cardinale und ein sichtlich bewegter Alain Delon genossen das Bad in der Anerkennung des Publikums.
Hollywood an der Côte D'Azur
Nur drei amerikanische Produktionen hatten es in diesem Jahr an die Croisette geschafft, zwei davon außer Konkurrenz. Auch wenn also kein Preisregen für die USA zu erwarten war: alle drei Filme boten ehrliches, unterhaltsames Kino.
Zum einen Ridley Scotts Eröffnungsfilm "Robin Hood", der seinem Star Russell Crowe die Gelegenheit gab, seinen Söhnen Charlie (6) und Tennyson (3) zu zeigen, wie Daddy im Blitzlichtgewitter eine gute Figur abgibt.
Zum anderen Oliver Stone, der die Sorgen der Menschen auf den Punkt brachte mit der Fortsetzung seines Klassikers von 1988.?In "Wall Street - Geld schläft nicht" macht Michael Douglas als aus dem Knast entlassener, ins Zentrum der Hochfinanz zurückkehrender Gordon Gekko zwar bisweilen den jungen, idealistischen Wall Street Banker Jake, den Shia LaBeouf gibt, schauspieltechnisch platt. Und auch wenn das Hollywood-Ending, bei dem Gecko doch noch so etwas wie Herz, Gefühl oder einfach nur Unrechtbewusstsein zeigt, zu mainstreamig ausfällt: Für beste Unterhaltung mit Message ist allemal gesorgt.
Ebenso in Doug Limans "Fair Game", der einzigen US-Produktion im Rennen um die Goldene Palme. Intelligentes Spannungskino gelingt dem Regisseur von "Mr. & Mrs. Smith" mit dem mit Naomi Watts und Sean Penn prominent besetzten Politthriller nach dem realen Skandal um die Botschaftergattin Valerie Plame, die als CIA-Agentin enttarnt wurde. Auch ohne Palmwedel also ein faires Spiel, verlässliche Thrillerkost fürs Publikum!