Der 1954 auf Taiwan geborene Ang Lee studierte Film und Theater in Taiwan, Illinois und New York, wo er mit Spike Lee und Kameramann Ernest Dickerson arbeitete. Seine Kurzfilme brachten ihm mehrere Auszeichnungen ein und führten zur Spielfilmregie von "Pushing Hands" (1992), dem ersten Teil einer Trilogie, die sich mit Generationskonflikten von modernen Taiwanesen und deren Problemen zwischen dem Festhalten an Traditionen und der zweckmäßigen Anpassung an moderne Kulturen befasst. In "Das Hochzeitsbankett" (1993), einer turbulenten, weltweit erfolgreichen Komödie, führt eine Scheinehe zu unerwarteter Schwangerschaft, und in "Eat Drink Man Woman" muss sich ein verwitweter Chefkoch mit seinen drei erwachsen werdenden Töchtern auseinandersetzen. In allen Filmen spielen Essen und Kochen zentrale Rollen.
Der Erfolg der Trilogie verhalf Lee zu seiner ersten Großproduktion, der nach einem Drehbuch von Emma Thompson entstandenen mehrfach ausgezeichneten Adaption von Jane Austens Roman "Sinn und Sinnlichkeit". Der Film löste eine Welle von Verfilmungen der Romane Austens aus und machte Kate Winslet zum Weltstar. Die beiden folgenden Filme brachten Lee in die USA: "Der Eissturm" führte zurück in die 1970er-Jahre und die Zeit des Partnertauschs in den Vorstädten, wo die Erwachsenen von der heranwachsenden Generation mit berechtigtem Misstrauen betrachtet werden und ein Kälteeinbruch für Momente des Innehaltens sorgt. "Ride With the Devil", der wegen mehrerer Umbesetzungen der Hauptrollen drastisch im Budget gekürzt wurde, ist ein Bürgerkriegs-Western um einen Rebellentrupp und zwei in der Liebe rivalisierende Südstaatler.
Mit seinem in Cannes 2000 uraufgeführten Film "Tiger & Dragon" kehrte Lee zu seinen asiatischen Wurzeln zurück und inszenierte eine innovative Fantasy-und-Martial-Arts-Ballade, in der sich Michelle Yeoh, Zhang Ziyi und John-Woo-Star Chow Yun Fat im mittelalterlichen China der Chíng-Dynastie atemberaubende Schwert-Duelle und Kämpfe liefern. Mit dem Epos um verlorene Ehre, Rache, Liebe und ein Familien-Geheimnis (Lees Dauerthema) gelang es Lee, die westliche Welt auf einer breiten Ebene für den asiatischen Film zu begeistern: Das Schwertkampfmärchen wurde zu Ang Lees kommerziell erfolgreichstem Film. Für "Tiger & Dragon" erhielt er den Golden Globe für die beste Regie und den Preis der Director's Guild of America.
Eine weitere Variation über Familie, Loyalität und Vergangenheitsbewältigung bot Lee mit der aufwändigen Comicverfilmung "Hulk", in der sich der emotional gehemmte Wissenschaftler Bruce Banner bei Erregung in das grüne Monster verwandelt. Nachdem Lee mit seiner Adaption des legendären Marvel-Comics das Kunststück gelungen war, sensationelle Actionsequenzen und visuelle Originaliät mit seinen Lieblingsthemen zu vereinen, wagte er sich in "Brokeback Mountain" an einen anderen uramerikanischen Mythos, den Cowboy am Lagerfeuer: In Lees etwas anderer Version des Wilden Westens kommen sich zwei junge Männer, die während des Sommers 1963 in der Abgeschiedenheit der Berge Wyomings Schafe hüten, näher und beginnen eine Beziehung, die trotz Trennung, Ehe und Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung ein Leben lang dauert. Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde Lee für den Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
2007 verfilmte er nach einer Kurzgeschichte von Eileen Chang den Thriller "Gefahr und Begierde" mit Tony Leung und Joan Chen in den Hauptrollen. Während des 2. Weltkriegs wird eine junge chinesische Agentin in Shanghai beauftragt, einen Kollaborateur zu liquidieren, wodurch sich ein Netz aus Begierde und gefährlicher Obsession entspinnt. Das Filmfestival von Venedig belohnte die berauschende Verfilmung mit dem Goldenen Löwen für den Bester Film und für die Beste Kamera.
Ang Lee, der als hervorragender Koch gilt, ist seit 1983 mit der Mikrobiologin Jane Lin verheiratet und hat mit ihr zwei Söhne.
Das war Cannes 2009
25 Jahre ist es her, dass mit Wim Wenders' "Paris, Texas" zuletzt ein deutscher Film in Cannes mit der begehrten Goldenen Palme prämiert wurde.
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Strahlten um die Wette: Sieger-Regisseur Michael Haneke und sein Hauptdarsteller Ulrich Tukur (Foto: Kurt Krieger)
Gestern gab es an der Croisette endlich wieder strahlende deutschsprachige Sieger. Die Goldene Palme ging an "Das weiße Band", ein Film des österreichischen Regisseurs Michael Haneke, produziert in Deutschland mit einer deutschen Schauspieler-Riege, angeführt von Ulrich Tukur, Josef Bierbichler und Burghart Klaußner. Ein formal strenges Werk in starken Schwarz-Weiß-Bildern, das von mysteriösen Vorkommnissen in einem norddeutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs erzählt, in dem die Autorität und Strenge der dörflichen Autoritäten schleichend die Gesellschaft vergiftet. Eine Parabel auf die Mechanismen von Faschismus und Terrorismus.
Mit Christoph Waltz gab es einen weiteren glücklichen deutschsprachigen Gewinner: Der österreichische Schauspieler, der bislang vornehmlich in Fernsehrollen glänzte, wurde für seinen Part in "Inglourious Basterds" als bester Darsteller prämiert. Zurecht, verkörpert er doch meisterhaft einen ebenso charmanten wie bedrohlichen SS-Offizier in Quentin Tarantinos neuestem Film. Er ist der Gegenspieler der "Basterds", einem Trupp jüdischer US-Soldaten, die während des zweiten Weltkriegs Jagd auf Nazis machen, im Film angeführt von Brad Pitt.
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Willkommen in Hollywood: Für Christoph Waltz bedeutet die Darsteller-Palme den Beginn einer neuen Karriere-Phase (Foto: Kurt Krieger)
Ekliger Schnitt im Schritt
Am Ende besiegt das Kino selbst das Dritte Reich in diesem wunderbaren Filmmärchen, das Tarantino mit gewohnt witzigen Dialogen, einem ausgefeilten Soundtrack und jeder Menge Reminiszenzen an die Filmgeschichte angereichert hat. Neben Waltz haben in diesem in Berlin-Babelsberg gedrehten Film noch jede Menge anderer deutscher Schauspieler ihren großen Auftritt, von Til Schweiger über Diane Kruger bis Daniel Brühl.
Viele Filme des diesjährigen Cannes-Wettbewerbs strotzten nur so vor Gewalt. Der große Skandalfilm war "Der Anti-Christ" des dänischen Regisseurs Lars von Trier, in dem sich ein Paar nach dem Tod seines Kindes in einer abgeschiedenen Waldhütte gegenseitig malträtiert - Genitalverstümmelungen inklusive. Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg brachte dieser Rolle eine Palme ein.
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Als sie ihre Wiese hinter dem Haus in Augenschein nahmenm, ahnten sie nicht, dass es das größte Konzert aller Zeiten werden würde: "Taking Woodstock" (Foto: Tobis)
Wüstes Gemetzel und feiner Blumenduft
Blutig waren auch Park Chan-wooks Vampirfilm "Thirst" und "Kinatay" vom Philippino Brillante Mendoza, der über weite Strecken beschreibt, wie eine Prostituierte vergewaltigt, ermordet und zerteilt wird - die Jury hielt dies dennoch für preiswürdig. Auch der Kritikerliebling "Un prophète" aus Frankreich (Großer Preis der Jury) sparte nicht mit Gewalt. Doch in der Geschichte über einen jungen Kleinkriminellen, der sich im Knast zum Gangsterboss hocharbeitet, steht sie zumindest im Dienst der Geschichte.
Ohne Gewalt, aber mit viel lakonischem Humor kommt dagegen "Looking for Eric" von Ken Loach aus. Ein kleiner Postangestellter bekommt darin Lebenstipps von ManU-Fußballstar Eric Cantona. Ang Lee zeichnet mit "Taking Woodstock" ein warmherziges Porträt der Hippie-Ära mit viel Liebe zum Detail, während Pedro Almodóvar sein Liebesdrama "Zerrissene Umarmungen", das leider nicht so so gelungen ist wie sein Vorgänger "Volver", ganz auf seine Diva Penélope Cruz angelegt hat. Das Weltkino hat eben auch 2009 viele Gesichter.